Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 4 / Inland

Von hilfreichen Polizisten und Ertrinkenden

In Frankfurt am Main berichtete Diako Nahid von eigenen Fluchterfahrungen und denen anderer

Von Gitta Düperthal
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Fluchtursachen: Die Aussicht auf Internierung und Abschiebung in Kriegs- und Krisengebiete sorgt für ein gespanntes Verhältnis der Geflüchteten zu Behörden wie der Küstenwache (Patras, Griechenland, 8.3.2018)

Diako Nahid hat seine Fluchterfahrungen in einem großen Buch festgehalten: eng beschriebene Seiten, in kunstvoller Schönschrift auf persisch abgefasst. Dazwischen kleine Zeichnungen, die seine Erlebnisse auf dem Fluchtweg 1995 widerspiegeln – und Fotografien aus der Zeit unmittelbar danach, auf denen er kaum wiederzuerkennen ist, weil er damals völlig abgemagert war. Am Mittwoch abend berichtete er in Frankfurt am Main von seinen Erfahrungen. Als 22jähriger hatte er aus seiner Heimatstadt Sekis im kurdischen Teil des Iran nach Europa fliehen müssen. Seine Erinnerungen habe er damals in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft im brandenburgischen Eisenhüttenstadt nahe der polnischen Grenze, auf sein Asylverfahren wartend, niedergeschrieben.

Zeit genug hatte er. Zehn Monate musste er in einer ehemaligen sowjetischen Kaserne verbringen, bevor sein Asylantrag anerkannt wurde. Andere hätten damals bis zu vier Jahre »in dieser Einöde« zubringen müssen, sagte Nahid. Die Zeit in Brandenburg war geprägt von Isolierung und Einsamkeit. Außer mit der Kassiererin im Supermarkt habe er mit niemandem ein paar deutsche Worte wechseln können. Deutschunterricht gab es nicht. Nach 18 Uhr habe man das Haus nicht mehr verlassen können. Nach Anbruch der Dunkelheit konnte es für die Geflüchteten gefährlich werden, immer wieder kam es zu Angriffen von Neonazis.

Unter dem Titel »Du hast keine Ahnung, Freund« bot Nahid auf dem Campus der Frankfurter Goethe-Universität eine detail- und kenntnisreiche sowie literarische Schilderung sowohl seiner als auch der Erfahrungen anderer. Denn er hat eigene Erlebnisse mit Berichten in Deutschland neu Angekommener verwoben. Seit 2014 ist er als Dolmetscher tätig und hat so viele Schicksale kennengelernt. Nahid ist ein begnadeter Erzähler, das Publikum lauschte ihm gebannt.

Im Dezember 1994 musste Diako Nahid sein Zuhause verlassen. Zunächst gelangte er ins Nachbarland Türkei. In Ankara wandte er sich an die dortige Vertretung der UNO. Dort sei er an einen Angestellten geraten, der »ein Kemalist war und keine Kurden mochte«. Der habe ihn aufgefordert, zurück in ein Dorf an der iranischen Grenze zu gehen und abzuwarten. Er hielt sich nicht an diese Anweisung und machte sich statt dessen auf den Weg nach Westen. Es folgten Verhandlungen mit Schleusern in Istanbul, von denen er falsche Pässe erwarb: das schwedische Dokument eines Marokkaners und zusätzlich ein spanisches – »zur Sicherheit, man weiß ja nie«. Dann vier gescheiterte Fluchtversuche über den Fluss Evros nach Griechenland und ein erfolgreicher fünfter. Nahid erzählte von seiner Lederjacke, auf der linken Seite mit einer eigens aufgenähten »Fake-Tasche«, auf der rechten mit einer richtigen, in welcher das spanische Reisedokument versteckt war. Ein französischer Gendarm habe ihn aber in Ventimiglia an der Grenze zu Frankreich erwischt und ihm einen ganzen Schrank mit gefälschten spanischen Dokumenten gezeigt, zum Beweis, dass er »solche Tricks« kenne. Dann »ein kleines Wunder«: Der Polizist ließ ihn mit den Worten »Welcome in France« laufen.

In den Erzählungen Nahids ging es auch um Menschen, die er in der Zeit seiner Wanderung durch Europa traf. Etwa um Scherko, einen irakischen Kurden, der seine Geige so liebte, dass er sie, komme, was wolle, unbedingt behalten wollte. Bei der Überfahrt in einem geplatzten Schlauchboot habe er sie doch loslassen und im Fluss versinken sehen müssen – um seine Hand einer Ertrinkenden zu reichen. Scherko lebe heute in Mainz als erfolgreicher Musiker, habe im Nordirak ein Konservatorium aufgebaut. Was die »neue Generation« Geflüchteter von der damaligen unterscheide, wurde Diako Nahid gefragt. Alles sei heute schwieriger, meinte er. Die »Neuen« seien zugleich fordernder, weniger abwartend. Viele hätten ein anderes Tempo, seien schneller resigniert: »Die Internetgeneration eben.«

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