Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Merkels Traumziel

Zu jW vom 5.7.: »Weil niemand sich rührt«

(…) Es war nicht Donald Trump, der von den NATO-Ländern verlangte, die Rüstungsausgaben auf zwei Prozent zu erhöhen, sondern dies war eine Aufforderung von Frau Merkel, an die sie der US-Präsident nun hin und wieder erinnert, da dies seinem Wahlversprechen, die gigantischen US-Militärausgaben (…) zu reduzieren, entgegenkommt (…). In den Medien wird dies offensichtlich anders kolportiert, damit Frau Merkel nicht zu kriegslüstern erscheint. Die Kanzlerin lässt die Etaterhöhung aber durch ihre Kampfdrohne von der Leyen scheibchenweise durchboxen, damit der Widerstand dagegen nicht allzu heftig wird. Die deutsche Regierung glaubt sich ihrem Traumziel doch zum Greifen nah: Eigenständigkeit von den USA zu demonstrieren (…) und die EU hinter sich zu wissen (…) bei dem imperialistischen Plan, (…) Russland noch einmal zu überfallen. Dann muss es doch endlich gelingen, nicht wahr? (…) Sie werden sich auch dieses Mal die Zähne ausbeißen. Russland hat im Gegensatz zu unseren Militärfanatikern dazugelernt und kann sogar seine Militärausgaben zurückfahren, was eindeutig ein Zeichen von Stärke ist.

Cornelia Praetorius, per E-Mail

Deutsche Tradition

Zu jW vom 7./8.7.: »Hauptsache wegsperren«

Europa und Deutschland zeigen endlich ihr christlich geprägtes Gesicht. Und deswegen wird sie nun endlich geschlossen, die »Südroute für Asyltouristen« auf ihrem schändlichen Weg zur Islamisierung des alten Europa. Die »illegalen Anlandungen« Andersgläubiger an den Außengrenzen der Wertegemeinschaft werden in Zukunft konsequent durch die Kriminalisierung der Seenotrettung sowie durch »Einreisezentren« verhindert, die ebendiese, die Einreise, auf jeden Fall verhindern sollen. Diese »Transit-« oder »Expresszentren« – oder wie sie auch immer heißen werden – sind nach Horst Seehofer keine »geschlossenen Anstalten«, sondern natürlich offene Anstalten, allerdings nur in eine Richtung, nämlich zurück. Man könnte sie auch Willkommenszurückweisungszentren (…) oder konzentrierte Auffangabschiebelager nennen, ganz in abendländisch-deutscher Tradition.

Helmut Malmes, per E-Mail

Perverses Paradox

Zu jW vom 7./8.7.: »Hauptsache wegsperren«

(…) Jahrzehnte nach Erscheinen der »Dreigroschenoper« muss man leider feststellen, dass sich Bertolt Brecht in der Kernidee geirrt hat. Er hat darin die Frage »Wovon lebt der Mensch?« aufgeworfen und gemeint, dass dieser zuerst fressen muss, um sich überhaupt moralischen Fragestellungen widmen zu können: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.« Natürlich gibt es verschiedene Interpretationen dieses Satzes. Sicher ist allerdings, dass er im Kontext der Diskussion über die Rettung von geflüchteten Menschen auf unseren Meeren mal wieder aufgerollt werden muss. Die EU und ihre Mitgliedstaaten können sich nicht einigen, ob sie flüchtende Menschen beschützen, retten, aufnehmen oder doch ertrinken lassen möchten. Am liebsten nähme man nur jene auf, welche über einen hohen Wert an Moral verfügen – obwohl: Die haben ja dann doch schon zu fressen! Also rettet man nur jene, die nichts zu fressen haben – obwohl, die verfügen ja dann nicht über Moral und sind somit in der europäischen (Werte-)Gesellschaft ebenfalls nicht erwünscht! Ein perverses Paradox zwischen Menschlichkeit und Selbstzweck. Die Angst davor, dass uns das Fressen weggefressen wird, welches wir ja benötigen, um uns der Moral widmen zu können, erzeugt unmoralisches Handeln. Die Angst frisst die Moral, nicht das Fressen. Wo Brecht also falsch lag: Europa hat zwar zu fressen – aber hat bis dato offensichtlich noch keine Gelegenheit gehabt, sich der Moral zu widmen.

Jonathan Krämer, per E-Mail

Tragische Konstellation

Zu jW vom 7./8.7.: »Macrons ›Erneuerung‹«

(…) Die Mitglieder des Parti communiste français (PCF) stimmten sowohl 2012 als auch 2017 mehrheitlich für Jean-Luc Mélenchon als Präsidentschaftskandidaten. In beiden Wahlkämpfen leisteten sie vor Ort die Hauptarbeit, denn die Partei hat immer noch landesweite Strukturen mit ca. 60.000 aktiven Mitgliedern und ca. 7.000 Mandatsträgern in Gemeinden und Regionen. (…) Davon abgesehen, konnte er den Wahlerfolg 2017 erzielen durch den Zusammenbruch der Sozialisten und das weitgehende Verschwinden der Grünen, aber vor allem aus der Dynamik des Front de gauche von 2011/12 heraus. Vor den Wahlen zur Legislative im September 2017 war der PCF durchaus bereit, Bündnisse mit La France insoumise (LFI) einzugehen. LFI legte aber als Bedingung fest, dass PCF-Mitglieder die Charta von LFI unterschreiben mussten, auch das Logo PCF durfte nicht benutzt werden. Die meisten Kandidaten des PCF lehnten verständlicherweise diese Bedingungen ab. (…) Der Autor sagt sehr richtig, dass LFI nicht bereit sei, dem PCF eine Bestandsgarantie zu geben, d. h. die Partei als gleichberechtigt zu behandeln. Nach dem schlechten Wahlergebnis im September 2017 beschloss der PCF, im November 2018 einen außerordentlichen Kongress abzuhalten und ein neues Programm zu erarbeiten. (…) Die Strömung, die sich auf die marxistischen Wurzeln beruft, ist breiter geworden, auch aufgrund der Niederlagen durch das Zusammengehen mit den Sozialisten. (…) Tragisch für Frankreich ist, dass diese Probleme ausgerechnet nach der Wahl von Emmanuel Macron massiv aufgebrochen sind.

Sigrid Krings, per E-Mail

Wo Brecht falsch lag: Europa hat zwar zu fressen – aber bis dato offensichtlich noch keine Gelegenheit gehabt, sich der Moral zu widmen.

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