Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Verschwendet eure Leben!

Jazz im Weltraum: Die wunderbare Sci-Fi-Anime-Serie »Cowboy Bebop« feiert dieses Jahr ihr 20jähriges Jubiläum

Von Michael Streitberg
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Was ist das denn? Es wird doch nicht das »Weiße Album« des Anime sein…

»Das White Album des Anime (also, des japanischen Animationsfilms)«: Kommt die Sprache auf die Science-Fiction-Serie »Cowboy Bebop«, sind solche Superlative schnell bei der Hand. Der Vergleich mit dem legendären Beatles-Album aus dem Jahr 1969, den ein US-amerikanischer Kritiker vor einiger Zeit anstellte, ist keineswegs unberechtigt: »Cowboy Bebop« ist ein herausragendes Animationskunstwerk, dass zum 20. Jubiläum seiner japanischen Erstausstrahlung im Frühjahr 1998 zur Wiederentdeckung einlädt.

Auf den ersten Blick mutet die Prämisse der Serie – der Zuschauer begleitet eine Gruppe von Kopfgeldjägern auf ihrer nicht enden wollenden Reise durchs All – nicht unbedingt innovativ an. Ähnliche Geschichten gab es im Film, im Comic und auch im Anime schon lange vor »Bebop«. Neu und einzigartig sind und bleiben jedoch der künstlerische Stil sowie die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird.

Eine zentrale Rolle spielt die Musik: »3,2,1… Let’s jam!«, lautet die programmatische Ansage zu Beginn der treibenden Titelmelodie »Tank«. Die Komponistin Yoko Kanno zeichnet gemeinsam mit ihrer Space-Jazz-Band The Seatbelts für die charakteristische Musik der Serie verantwortlich. Für den Soundtrack von »Bebop« greift sie vor allem auf Jazz und Blues zurück. Zu hören sind jedoch auch Orgelpop, Abspann-Rockballaden sowie Western- und Wüstenklänge, die an die Filmmusik eines Ennio Morricone erinnern.

All das bildet die Soundkulisse für die Eskapaden der Crew des titelgebenden Raumschiffs Bebop, die im Jahr 2071 durch die Weiten des Alls gondelt und mit wechselndem Erfolg steckbrieflich gesuchte Schurken jagt. Sie besteht aus dem kampfsporterprobten Endzwanziger Spike Spiegel, dem bisweilen bärbeißigen Hünen Jet Black sowie der ebenso arroganten wie cleveren Falschspielerin Faye Valentine. Mit der Zeit gesellen sich noch der hyperintelligente (aber nicht sprechende) Hund Ein und eine androgyne 13jährige Hackerin Namens Ed hinzu.

Regisseur Shinchiro Watanabe gelingt es hervorragend, das bewährte »Gegenspieler (bzw. Kopfgeldjagd) der Woche«-Prinzip, inklusive toll inszenierter Actionszenen, mit dem Fortschreiten der übergeordneten Handlung zu verknüpfen. So kommen etwa nach und nach die Lebensgeschichten der Protagonisten ans Tageslicht – was den zugleich archetypischen und vielschichtigen Charakteren mehr und mehr Tiefe verleiht. All das geschieht mit einer selten anzutreffenden erzählerischen Eleganz, ohne langweilige Expositionen und ermüdende Erklärbärmonologe.

Die Grundstimmung der einzelnen Folgen variiert deutlich, wobei Yoko Kannos Musik eine zentrale Rolle zukommt: Melancholischer Trompetenjazz erklingt, während sich das rote Licht einer Bar in den Eiswürfeln eines Cocktailglases spiegelt, und die Sonne über dem Hafen eines öden Eisplaneten langsam tiefer sinkt. Vor einer wilden Schießerei ertönt eine Orgelpopballade. Wenig später, ein Sturz aus großer Höhe: Glassplitter fliegen durch die Luft, und ein in Bruchstücken an einem vorbeirauschendes Leben ist am Ende doch noch nicht vorbei. Während eine burschikose Weltraumtruckfahrerin in Begleitung einer charismatischen Katze nach ihrem verschollenen Liebsten sucht, dröhnt Heavy Metal – »Was ist das für ein Lärm? Ich versteh’ kein Wort!« ruft Kopfgeldjäger Spike Spiegel schon im Vorschauclip der entsprechenden Episode.

Mal inszeniert Regisseur Shinichiro Watanabe ein lautes und buntes Spektakel – etwa dann, wenn fanatische Tierschützer unter der Führung einer exzen­trischen, huttragenden Diva zum bewaffneten Kampf für die Seeratte blasen. Auch eine grandiose Sci-Fi-Horrorparodie-Folge, in der ein rätselhaftes Etwas an Bord den Crewmitgliedern zu Leibe rückt, hinterlässt bleibenden Eindruck.

Doch so vergnüglich die ziellose Reise durch die Unendlichkeit des Alls mitunter wirkt, so ist dieses doch auch ein Ort der Trauer und der Einsamkeit. Menschen in Raumanzügen werfen lange Schatten unter der kosmischen Sonne, verglühende künstliche Intelligenzen malen Bilder auf Planetenoberflächen. Eine verflossene Liebe bleibt verloren, und ein alter Schachmeister plant inmitten einer galaktischen Schrotthalde seinen letzten Zug. Wenn in seiner Klause dann jedoch allerlei Dinge, Hunde und schließlich zugekiffte Menschen zu entrückter Trommelmusik durch die Schwerelosigkeit fliegen, vergeht selbst an einem solchen Ort die Schwermut. Watanabe gelingt es scheinbar spielend, in seiner Geschichte allen Aspekten des menschlichen Daseins Raum zu geben.

Gelungene Dialoge und Charaktere treffen dabei auf flüssige Animationen, ein liebevolles Charakter- und Raumschiffdesign. »Wollt ihr euer Leben gemeinsam mit uns verschwenden?« fragt Spike in einem der Vorschauclips den Zuschauer. Wer Animationsfilme, Science-Fiction und gute Musik mag, kann darauf nur mit »Ja!« antworten.

Alle 26 Folgen von »Cowboy Bebop« sind in einer Komplettedition auf Bluray erhältlich. Infolge einer Überarbeitung des Ursprungsmaterials ist die Auflösung höher und die Bildqualität besser als auf den vor einigen Jahren erschienenen DVDs. Wer keine 90 Euro für den schön gestalteten Schuber mit Skizzenbuch, Poster, Postkarten und diversem Bonusmaterial investieren will (und keinen Wert auf eine deutsche Ton- und Untertitelspur legt), kann alternativ zu einer rund 35 Euro teuren Bluray- oder DVD-Box aus Großbritannien greifen.

»Cowboy Bebop«. Blu-Ray Komplettbox. Peppermint Anime, 2017, Laufzeit: ca. 650 Minuten, ca. 90 Euro

Michael Streitberg ist Mitherausgeber des Blogs Tanuki Republic. Blätter für japanische Populärkultur (tanuki­republic.net )

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