Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 8 / Ansichten

Streikende des Tages: Polnische Polizisten

Von Reinhard Lauterbach
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Mehr als eine väterliche Ermahnung haben Polens Autofahrer von der Verkehrspolizei momentan nicht zu befürchten

Ein ansonsten strohdummes polnisches Bleifußportal freute sich: »Jetzt Gaspedal durchtreten!« rief es seine Leser auf. Warum das? Polens Autofahrer sind auch so für ihren »Mut« bekannt. Aber seit dieser Woche ist Rasen in Polen zumindest juristisch ungefährlicher geworden. Das Maximum, was einem derzeit droht, ist ein »erzieherisches Gespräch« mit einem Beamten der Verkehrspolizei. Die Damen und Herren in Blaugrau streiken nämlich. Sie wollen Lohnerhöhungen, bessere Aufstiegsmöglichkeiten für junge Kollegen und die Rücknahme einer von der nationalkonservativen Regierungspartei PiS eingeführten Rentenreform durchsetzen. Deshalb hat die Polizeigewerkschaft ihre Mitglieder aufgerufen, bis zu einer Einigung mit der Regierung erst einmal keine Strafmandate mehr auszustellen. Das trifft den Staat da, wo er es am besten spürt: bei den eingeplanten Einnahmen aus der Tätigkeit der am Straßenrand herumlungernden Uniformierten.

Für den Knöllchenstreik haben sich bei einer Urabstimmung 95 Prozent der organisierten Polizisten ausgesprochen, und das ist immerhin ein Drittel aller Angehörigen dieses Berufsstandes. Mehr noch – am gestrigen Mittwoch wollten sich auch noch organisierte Grenzschützer, Feuerwehrleute und Gefängniswärter den Aktionen anschließen. Ob der Streikbeitrag letzterer darin bestehen würde, menschlich mit ihren »Schutzbefohlenen« umzugehen, blieb offen. Auch der polnische Grenzschutz hätte Druckpotential in der Hand: Einfach mal humanitär wegsehen, wenn sich eine Migrantenfamilie am Grenzposten vorbeistiehlt.

Lenin hat bekanntlich einmal gesagt, die deutschen Sozialdemokraten würden einen Bahnhof nur besetzen, wenn sie zuvor Bahnsteigkarten gelöst hätten. Man stelle sich vor, der Bahnhof fiele ihnen in die Hand, ohne dass einer die Bahnsteigkarte kontrolliert hätte.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hartmut Bernecker: Unangebracht Verkehrspolizisten als herumlungernde Uniformierte zu bezeichnen, ist unangemessen. Als Radfahrer bin ich froh, dass Uniformierte und Blitzer dafür sorgen, dass ich nicht umgenietet werde....
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