Aus: Ausgabe vom 12.07.2018, Seite 5 / Inland

Pflege als Markt

Investmentgesellschaft stößt Hamburger Heimbetreiber nach einem Jahr wieder ab. Deutsche Wohnen übernimmt

Von Nico Popp
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Mit letzter Kraft: Auch Menschen, die keine Lohnarbeit mehr verrichten, taugen noch als Profitquelle

Vor nicht ganz einem Jahr übernahm die US-Investmentgesellschaft Oaktree den größten privaten Pflegeheim-Betreiber Hamburgs, Pflegen & Wohnen. Oaktree ist eine in Kalifornien ansässige Geldsammelstelle für vermögende Klienten, hier bündeln sich mehr als 100 Milliarden Dollar. Aufgabe der Firma ist es, weltweit nach Möglichkeiten zu suchen, das überlassene Geld zu vermehren. 2017 sprang Oaktree mit dem Kauf von Pflegen & Wohnen, das 13 Alten- und Pflegeheime mit knapp 2.700 stationären Pflegeplätzen in Hamburg betreibt, auf einen schon fahrenden Zug auf: Seit einigen Jahren werden verstärkt Pflegeheime, Rehakliniken, Pflegedienste und sogar einzelne Arzt- und Zahnarztpraxen von überwiegend britischen, niederländischen, deutschen und US-amerikanischen Fondsgesellschaften aufgekauft. Die Investoren operieren hier wie anderswo nach einem einfachen Muster: Der Übernahme folgt die fieberhafte Suche nach Möglichkeiten für kurzfristige und möglichst umfassende »Kostensenkungen«, umgekehrt werden die »Erträge« so schnell wie möglich maximiert, nach ein, zwei und manchmal auch nach drei Jahren wird der auf Verschleiß gefahrene Laden dann ganz oder in Teilen weiterverkauft – und wenn es dumm läuft, dichtgemacht. Neben dem privaten Arzt-Unternehmer, der seine Patienten in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Umsatzsteigerung seiner Praxis behandelt, dem Chefarzt, der in der Klinik reihenweise ebenso überflüssige wie lukrative Operationen anordnet und der Pharmaindustrie, die ihren Kram zu Höchstpreisen absetzen möchte, haben kranke und alte Menschen also jetzt mit einem vierten Akteur zu tun, für den ihr persönliches Unglück zunächst und vor allem eine Geschäftsgelegenheit ist.

Bei Pflegen & Wohnen bereitet Oaktree nun offenbar den Absprung vor. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass zunächst ein Minderheitsanteil abgegeben werden soll – und zwar ausgerechnet an den Berliner Mieterschreck Deutsche Wohnen. Die Wohnungsgesellschaft, die seit Ende 2017 vor dem Verfassungsgericht des Landes Berlin versucht, den verbindlichen Mietspiegel für verfassungswidrig erklären zu lassen, möchte dem Vernehmen nach ihrerseits in den »Hamburger Pflegemarkt« einsteigen.

Die von Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) geleitete Hamburger Gesundheitsbehörde hat auf diese Meldungen »entspannt« reagiert, wie der NDR berichtete. Die Fraktion der Linkspartei in der Bürgerschaft kann diese Ruhe nicht ganz nachvollziehen. Deniz Celik, ihr gesundheitspolitischer Sprecher, monierte am Montag, dass der Senat tatenlos zusehe, »wie die Altenpflege in Hamburg immer mehr zum Renditeobjekt von Finanzinvestoren wird«. Im Gegensatz zu den Behauptungen des vorherigen Eigentümers im Vorfeld des Verkaufs im vergangenen Jahr habe Oaktree zu keinem Zeitpunkt ein »langfristiges Engagement« im Auge gehabt: »Nun bewahrheitet sich unsere Befürchtung, dass es von Anfang an um das schnelle Geld ging.« Mit Blick auf strikt renditeorientierte Unternehmen wie Oaktree und Deutsche Wohnen sei es besonders bedenklich, dass kaum noch Kontrollen durch die Wohn-Pflege-Aufsicht erfolgten. Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand kritisierte die Öffnung der Altenpflege für Finanzinvestoren am Dienstag prinzipiell. Eigentlich, so Bühler, sollten in diesem Bereich »Planungssicherheit und qualitativ hochwertige Versorgung« im Vordergrund stehen. Dagegen zeige der Hamburger Vorgang wie wenige andere, dass es den Investoren vor allem um Immobiliengeschäfte, kurzfristige Profite und den »Wert des Portfolios« gehe. Glücklicherweise, so Bühler, habe Verdi bei Pflegen & Wohnen erst kürzlich einen Tarifvertrag abgeschlossen, der betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2022 ausschließe. Man kann bezweifeln, dass derlei den Insassen dieser Heime, die am Ende ihres Lebens auf einem menschenfeindlichen »Pflegemarkt« landen, wirklich weiterhilft.

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