Aus: Ausgabe vom 25.06.2018, Seite 7 / Ausland

Vorbild Santiago

Kubas neuer Präsident Díaz-Canel begeistert von Erfolgen in zweitgrößter Stadt

Von Marcel Kunzmann
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Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel beim Besuch einer Schule in Santiago de Cuba

Der neue kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel ist in der vergangenen Woche zu seiner ersten Inlandsvisite außerhalb Havannas aufgebrochen. Es ist kein Zufall, dass ihn sein erster Besuch am Mittwoch nach Santiago de Cuba führte. Der zweitgrößten Stadt des Landes kommt als einer der wichtigsten historischen Ausgangspunkte der Revolution eine besondere Rolle zu. Zudem hat sie auch in jüngster Zeit Erfolge vorzuweisen, die als Vorbild für den Rest des Landes dienen können, wie Díaz-Canel andeutete.

Die Atmosphäre wirkt locker, als der Präsident vor einer Gruppe Mittelschüler steht. »Ist die Atmosphäre gut in eurer Schule, gibt es genug Zeit zum Lernen?«, fragt er noch etwas ernst in die Runde. Nach dem lauten »Ja« der Kinder folgt die Frage: »Sicher, dass es nichts gibt, was man hier verbessern könnte?« Die Rektorin an seiner Seite muss etwas schmunzeln, als die Gruppe laut und deutlich mit »Nein!« antwortet. »Gibt es gekühltes Wasser zu trinken?« – »Ja!«. »Nicht schlecht«, erwidert der Präsident, der nicht nur in seiner Zeit im Bildungsministerium andere Erfahrungen gemacht haben mag. Er lächelt und setzt einen drauf: »Und die Toiletten? Sind die alle sauber?« Wieder antworten die Schüler mit »Ja«. Allgemeine Heiterkeit. Kurz darauf wird eine Runde Basketball auf dem Sportfeld gespielt, Díaz-Canel macht einen Korb. Der erste Korb eines kubanischen Präsidenten seit vielen Jahren – gezeigt in den Nachrichten des staatlichen Fernsehens.

Das Gespräch mit den Schülern zeigt, wie nah der 1960 Geborene an der Lebenswirklichkeit vieler Kubaner ist. In seiner Heimatstadt Santa Clara fuhr er in denselben überfüllten Bussen wie alle anderen auch, speiste in den 1980er Jahren in denselben Kantinen mit den anderen Hochschuldozenten. Während der »Besonderen Periode« in den 1990er Jahren besuchten seine Kinder dieselben Schulen wie der Nachwuchs der Nachbarn und waren mit denselben Entbehrungen konfrontiert.

Wie inzwischen die meisten seiner Landsleute kennt Díaz-Canel aus eigener Erfahrung nur die Zeit nach dem Sieg der Revolution. Er wuchs auf in den »goldenen 1980er Jahren«, als die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Insel bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991 einen Aufschwung erlebte.

Ein neuer Schub könnte nun vom Osten der Insel ausgehen. Neben der Schule suchte Díaz-Canel in Santiago auch Bauernmärkte, Geschäfte, medizinische Einrichtungen und staatliche Läden auf. Natürlich stand ein Besuch am Grab Fidel Castros auf dem Heldenfriedhof Santa Ifigenia auf dem Programm, und er legte eine Blume am Grab des Nationalhelden José Martí nieder. Darüber hinaus kontrollierte der gelernte Elektroingenieur den Fortschritt der Modernisierung des Hafens von Santiago. Das Infrastrukturprojekt wird mit chinesischer Hilfe angepackt und soll den Hafen in das wichtigste Logistikzentrum im Osten Kubas verwandeln.

Nicht ohne Begeisterung erklärte der 58jährige im Gespräch mit den Bewohnern: »Wir haben hier einige Dinge gesehen, die als Vorbild für das ganze Land dienen.« Hierzu zähle vor allem, »eine Stadt zu haben, deren Wirtschaft wächst, die wiederbelebt wird, die schön, sauber und organisiert ist, und in der sich die Leute mit der nationalen Währung amüsieren und ihre Einkäufe erledigen können.«

Nachdem Santiago 2012 vom Hurrikan »Sandy« verwüstet worden war, leitete der langjährige Parteisekretär Lázaro Expósito den Wiederaufbau. Der bei der Bevölkerung beliebte Funktionär zeichnet sich durch einen integren Führungsstil aus, zu dessen markantestem Merkmal inzwischen seine unangekündigten Kontrollbesuche zählen. Pünktlich zum 500. Gründungsjubiläum im Jahr 2015 konnten die meisten Projekte abgeschlossen werden. Neben einem umfassenden Wohnungsbauprogramm hieß das auch die Gründung zahlreicher neuer Geschäfte, welche in sauberen und nett hergerichteten Verkaufsflächen erschwingliche Produkte anbieten. Zahlreiche Restaurants und Eisdielen eröffneten in den letzten Jahren. Doch nicht nur die Gastronomie der Stadt scheint besser zu funktionieren als andernorts auf der Insel. Auch das landesweit erste Geschäft für Bioprodukte hat in Santiago eröffnet.

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