Aus: Ausgabe vom 25.06.2018, Seite 6 / Ausland

Erster Erfolg

USA: Mit Debbie Africa ist endlich ein Mitglied der »Move 9« freigekommen. Andere weiter in Haft

Von Jürgen Heiser
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Michael Africa Jr. umarmt am 19. 6. in Philadelphia seine endlich aus dem Gefängnis entlassene Mutter Debbie

Debbie Africa ist frei. Die politische Gefangene, die zur Gruppe der »Move 9« aus Philadelphia gehört, wurde am Morgen des 16. Juni nach fast vierzig Jahren Haft auf Bewährung aus dem US-Staatsgefängnis in Cambridge Springs, Pennsylvania, entlassen. Besonders glücklich über die Freilassung der 61jährigen Aktivistin zeigte sich ihr Sohn Mike Davis Africa jr., der einen Monat nach ihrer Verhaftung im September 1978 hinter Gittern zur Welt gekommen war. Mike und seine zwei Jahre ältere Schwester Michelle wuchsen in der Pflege anderer Mitglieder der afroamerikanischen Menschenrechtsorganisation Move auf, weil auch ihr Vater Mike Africa Sr. zu den neun inhaftierten Move-Mitgliedern gehörte. Sie waren 1978 nach einem Polizeiangriff auf ihr Haus, bei dem ein Polizist getötet worden war, zu Haftstrafen zwischen 30 und 100 Jahren verurteilt worden. Debbie Africa wies in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz darauf hin, dass noch immer Mitglieder der Gruppe im Gefängnis sitzen: »Ich freue mich, endlich zu Hause bei meiner Familie zu sein, aber Janet, Janine und den anderen der Move 9 steht die Bewährung genauso zu wie mir.«

Debbie Africa war 22 Jahre alt, als sie mit ihren Mitangeklagten von der Move-Kommune wegen gemeinschaftlichen Totschlags eines Polizeibeamten verurteilt wurde. Ihre Freilassung ist der erste Erfolg einer Kampagne, die vor zehn Jahren begann. Seit diesem Zeitpunkt sind die Move 9 vom Gesetz her berechtigt, ihre vorzeitige Entlassung auf Bewährung zu beantragen. Doch bislang wurden ihre Anträge vom Bewährungsausschuss immer wieder mit der pauschalen Begründung abgelehnt, die Move-9-Häftlinge zeigten »keine Reue« und stellten weiter eine »Gefahr für die Gesellschaft« dar. Das wundert kaum, wenn man weiß, dass Pennsylvanias rechte Polizeibruderschaft »Fraternal Order of Police« (FOP) im Ausschuss fest verankert ist.

Im Januar trat jedoch der neue Bezirksstaatsanwalt von Philadelphia, Larry Krasner, sein Amt an. Der ehemalige Bürgerrechtsanwalt hatte vor seiner Wahl versprochen, mit der Korruption und »Law and Order«-Politik seiner Vorgänger aufzuräumen. Dazu zählt auch die Verfolgung der Move-Kommune in enger Kooperation mit Philadelphias rassistischem Bürgermeister und ehemaligem Polizeichef Frank Rizzo.

Am 8. August 1978 hatte eine von Rizzo ausgesandte Polizeiarmee das verbarrikadierte Gemeinschaftshaus der Move in West Philadelphia gestürmt. Die von Schwarzen gegründete Bewegung für ein ökologisch bewusstes Leben ohne Rassismus und Unterdrückung sollte aus der Stadt vertrieben werden. Als beim Sturm auf das Gebäude ein Polizist durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet wurde, stempelte Rizzo neun Move-Mitglieder als »Polizistenmörder« ab. Ob der Beamte vielleicht durch seine Kollegen zu Tode kam, konnte nicht mehr untersucht werden, weil Rizzo das Gebäude sofort hatte abreißen und damit alle Tatortspuren hatte beseitigen lassen. Mit seinem Urteil gegen die Move 9, das praktisch lebenslänglich bedeutete, bestätigte Richter Edwin Malmed die Vorverurteilung.

In Abkehr von dieser Politik hatte Staatsanwältin Carolyn Engel Temin im Namen ihres neuen Chefs Larry Krasner bei der jüngsten Verhandlung über Debbie Africas Antrag auf Haftentlassung erklärt, sie sei »zuversichtlich«, dass Debbie ebenso wie Janet und Janine Africa »keine Gefahr für die Gemeinde von Philadelphia« darstelle und die »Fortsetzung ihrer Haft unsere Stadt nicht sicherer« mache. Auch Anstaltsleitung und Gefängnisbehörde unterstützten unter Hinweis auf die »günstigen Sozialprognosen« die Entlassung auf Bewährung.

Zwar entschied der Ausschuss schließlich, Debbie Africa freizulassen. Die Anträge ihrer beiden Mitgefangenen verwarf er jedoch wegen des »Fortbestands der negativen Prognosen des Sitzungsvertreters der Staatsanwaltschaft« – gemeint war das Plädoyer der Anklage im Prozess von 1978!

Von »reiner Willkür« bei dieser Entscheidung sprach deshalb der Rechtsanwalt der Move-Frauen, Brad Thomson, angesichts der »fast identischen positiven Vermerke in den Haftakten«. Sein Kollege Bret Grote forderte den Ausschuss auf, er solle »endlich aufhören, mit seinen Bewährungsentscheidungen Politik zu machen«.

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