Aus: Ausgabe vom 25.06.2018, Seite 6 / Ausland

»Rassistische Arroganz«

Österreich: Studierendenvertretung verhindert Auftritt eines Black-Panther-Aktivisten an der Universität

Von Simon Loidl, Wien
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Protest mit der Fahne der Black Panther Party: Demonstration gegen Polizeigewalt 2016 in Baton Rouge

Linke, die sich mit dem Staat Israel identifizieren – das sei ein österreichisches und deutsches Spezifikum, sagte Dhoruba bin Wahad am Donnerstag abend bei einem Vortrag über seine politische Biographie in Wien. Bin Wahad, ehemaliges Mitglieder der US-amerikanischen »Black Panther Party« und Mitbegründer der »Black Liberation Army«, spielte damit auf eine Kontroverse an, die es ihm unmöglich gemacht hatte, an der Universität zu sprechen. Vertreterinnen der »Österreichischen HochschülerInnenschaft« (ÖH) und die »Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen« (JÖH) hatten in einem öffentlichen Statement die Absage der Veranstaltung gefordert.

Der ÖH-Koalition in Wien gehören der sozialdemokratische »Verband Sozialistischer Student_innen«, die »Grünen und Alternativen Student_innen« und der KPÖ-nahe »Kommunistische StudentInnenverband – Linke Liste« an. Diese Gruppen begründeten ihre Kampagne gegen den Vortrag damit, dass einige Personen des mitorganisierenden Vereins »Dar Al-Janub« die Initiative »Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen« (BDS) unterstützen, die für einen Boykott Israels eintritt. Diese halten die Studierenden für antisemitisch.

Das Institut für Afrikawissenschaften, wo die Veranstaltung hätte stattfinden sollen, wies die Anschuldigen von ÖH und JÖH zurück, wonach man »Hass und Intoleranz eine Bühne« habe bieten wollen. In einem Mitte Juni publik gemachten offenen Brief hatten sich etwa 200 Personen mit den Veranstaltern solidarisch erklärt, darunter Professoren und Lektoren von Universitäten in Österreich, Großbritannien, den USA, Kanada, Südafrika und anderen Ländern. Sie nannten den Versuch, den Vortrag zu verhindern, einen Angriff auf die »akademische Freiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung«.

In der Woche vor der Veranstaltung wandten sich ÖH und JÖH an das Rektorat der Uni Wien. Nach einer Aussprache, die ohne Vertreter des Instituts für Afrikawissenschaften stattfand, formulierte das Büro von Universitätsrektor Heinz W. Engl Bedingungen, unter denen der Vortrag stattfinden dürfe. In dem Protokoll, das junge Welt vorliegt, heißt es, dass der Verein »Dar Al-Janub« nicht als Mitveranstalter genannt werden dürfe. Dhoruba bin Wahad hätte zudem einwilligen müssen, ausschließlich zum Thema der Veranstaltung zu sprechen – und etwa den Nahostkonflikt nicht zu erwähnen. Weiter hätte die Dekanin der Fakultät, Melanie Malzahn, das Recht gehabt, den Vortrag zu beenden, wenn diese Auflage verletzt worden wäre.

Um die Veranstaltung nicht zu gefährden, stimmten bin Wahad und »Dar Al-Janub« den Konditionen zu. Vertreter des Instituts fürchteten nun aber einen Eklat und schlugen vor, die Veranstaltung im Rahmen einer Lehrveranstaltung durchzuführen. Da dies zu einer Beschränkung der Teilnehmerzahl geführt hätte, entschlossen sich die Veranstalter schließlich, sich nicht an der Uni, sondern in den Räumlichkeiten des interkulturellen Zentrums Afri­point zu treffen. Vorläufiger Schlusspunkt der inneruniversitären Auseinandersetzung war, dass das Institut für Afrikawissenschaften von der Unileitung angehalten wurde, die Veranstaltungsankündigung kommentarlos von der Homepage zu nehmen.

Dhoruba bin Wahad war nach Wien gereist, um über seine Erfahrungen als afroamerikanischer Aktivist zu berichten. Aufgrund der Ereignisse im Vorfeld thematisierte er bei der Veranstaltung und bei einer Pressekonferenz am Donnerstag aber auch die Beschneidung der Redefreiheit. Die Universität Wien weigere sich, Menschen afrikanischer Herkunft die Möglichkeit zu geben, »ihre Ansichten über die historischen und zeitgenössischen Auswirkungen von über 450 Jahren europäischer imperialer und rassistischer Weltherrschaft« zu äußern, so bin Wahad. Dass er weder vom Rektor, noch von jenen weißen Studierenden kontaktiert wurde, die seinen Vortrag an der Uni bekämpften, bezeichnete er als »herablassende rassistische Arroganz«.

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