Aus: Ausgabe vom 21.06.2018, Seite 12 / Thema

Erinnerung für die Zukunft

Vor zwanzig Jahren starb Gerhard Gundermann. Sein Werk lebt immer noch und immer mehr in diesen Zeiten der ­­»Post-DDR«, weil die Geschichte vom Kommunismus weitergehen muss

Von Gerd Schumann
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Ein Kumpel mit Feder und ­Gitarre. Gerhard Gundermann, geboren am 21. Februar 1955 in Weimar, gestorben am 21. Juni 1998 in Spreetal

»So poppig bunte Wundertüten
Kann ich dir nicht bieten
Nur ’n richtig guten Sonnenuntergang« (Brunhilde, 1997)

Sommeranfang, ausgerechnet Sommeranfang. Am 21. Juni 1998 beendete in Spreetal ein Gehirnschlag das Leben des 43jährigen Gerhard Rüdiger Gundermann. Ein »sinnlos frühes Sterben«, so Trauerredner Heinrich Fink auf der Beerdigung in Hoyerswerda am Rande des Lausitzer Braunkohlereviers. Dort, auf dem Waldfriedhof, steht sein Grabstein, ein Findling mit der schlichten Aufschrift »Gundi«.

Der 21. Juni

Auf den Sommeranfang blickte der baggerfahrende Philosoph und dichtende Arbeiter schon länger mit etwas Wehmut. »Es ist der Tag der Sommersonnenwende, es ist der Tag mit der kürzesten Nacht, die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht. Sie weiß, höher hinauf wird es nicht mehr gehen, und sie scheint im Zenit zu verweilen und zu überlegen, ob sie sich weiter, so wie jeden Tag, nach Westen bewegen soll und damit an ihrem eigenen Untergang arbeiten; oder ob sie vielleicht nach Norden ausweichen soll oder nach Süden – oder zurück innen Osten.«

Einem Seher gleich entwarf er, genau eine Woche vor seinem Tod, in dem kleinen Prignitz-Ort Krams das zeitlose Bild von einer unentschiedenen Zukunft. 70 Leute im Publikum einer umgebauten Scheune, Soloauftritt mit Gitarre. Der wurde aufgezeichnet und zu so etwas wie Gundermanns Vermächtnis, ungeglättet, mit allen, so typisch schnellippig, teils hektisch vernuschelt vorgetragenen, poetischen wie tiefsinnigen Zwischentexten, eins zu eins abgebildet – lediglich der leise, melancholische Song vom Ende des Sommers fehlt, was einem blöden Bandwechsel geschuldet war. »Weißt du noch/wir hatten uns so auf diesen Sommer gefreut/und nun isser fast vorbei.«

Derzeit wird mit dem Lied, vorgetragen vom Hauptdarsteller Alexander Scheer, für den Spielfilm »Gundermann« von Andreas Dresen geworben, der in der zweiten Augusthälfte anläuft. Der Dichtersänger hat weiter Konjunktur, selbst Jahrzehnte nach der DDR, mit der seine Biographie untrennbar verbunden ist. Dort führte er zwei Leben in einem, und dort gelang es ihm, seinen Alltag auf dem Fabrikplaneten mit der Bühne zu verbinden – die beiden Dokumentarfilme über ihn erzählen besonders davon, von seiner Fähigkeit, die übliche Trennung von Arbeit und Kunst aufzuheben.

Richard Engel drehte »Gundi Gundermann« zu Beginn der 1980er für das Fernsehen der DDR, dessen Chefs zwei Jahre darüber diskutierten, bis er, drei Änderungen inklusive, im Januar 1983 gesendet wurde, spät abends zwar, »aber er war in der Welt!« wie Regisseur Engel und die Schauspielerin Petra Kelling im Begleitheft zu ihrem Film schreiben. »Ende der Eisenzeit« von Ende der 1990er wurde zunächst vom RBB finanziert, nach Ansicht der Rohfassung und darauf folgenden Turbulenzen aber abgewickelt – und dann doch noch fertiggestellt. Anfang 1999 fand seine Uraufführung in der »Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz« statt, und mittlerweile liegen die »zwei Filme aus zwei Gesellschaften« immerhin auf DVD vor.

Tankstelle für Verlierer

Ansonsten teilen sie in etwa das Schicksal von Gundermanns Werk, von Funk und Fernsehen weitgehend boykottiert und – im Wortsinn – links liegen gelassen. Versucht wird, auch von den sogenannten Qualitätsmedien, »Gundermann durch Vergessen zu entsorgen«. Allerdings »bewirkt dieses gewollte, tödliche Schweigen oft auch das Gegenteil«, bemerken Kelling und Engel doch ziemlich optimistisch – und haben insofern recht, als dass Gundermann mit den Jahren zu einem Synonym für aufrechte Wider­ständigkeit geworden ist. Sehr sehr viele und – gefühlt – immer mehr Menschen versorgen sich an der »Tankstelle für Verlierer« mit »Lebens-Mitteln« aus seinem 300 Texte umfassenden Werk – im Osten zumindest.

Im Westen haben es seine Lieder trotz der Tübinger »Randgruppencombo« und jeder Menge Ost-West-Ehen, die ja diesbezüglich zivilisatorisch wirken könnten, schwer – was nicht unbedingt neu ist, hinkt der Westen doch den Notwendigkeiten der Zeit schon immer hinterher. Das behindert aktuell wie schon zu Zeiten der alten BRD ziemlich erfolgreich einen nüchternen und klaren Blick auf die DDR. Der wäre einfach zu gefährlich für die eigene, in poppig-bunten Wundertüten verpackte Existenz des schönen Scheins, zu dem im übrigen und nicht zuletzt die Kunst als von der Realität weitgehend losgelöstes Produkt gehört.

Gundermann dagegen beschritt stur und zugleich flexibel seinen für richtig erachteten eigenen Bitterfelder Weg, führte seine zwei Leben in einem, als Baggerfahrer und als Künstler. Jahrgang 1955, geboren in Weimar, Scheidung der Eltern 1966, Umzug nach Hoyerswerda, Abitur, Offiziersschule in Löbau. Sein Anspruch, in der Volksarmee »Soldat der Revolution« zu werden, gerät vor allem angesichts des strengen Regiments von Befehl und Gehorsam in einen Widerspruch zur Wirklichkeit. Er selbst sagt im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt, er sei fürs Militärische – wahlweise – »zu blöd« oder »zu trottlig«, jedenfalls »musste ich wohl oder übel heimgehen, und niemand hatte was dagegen«. Der »Mangel an Verwendungsfähigkeit« bei der Landesverteidigung führt ihn schließlich als Hilfsarbeiter in den Tagebau und er übernimmt – nach Absolvierung der Abendschule – als gelernter »Maschinist für Tagebaugroßgeräte« den Riesenschaufelbagger mit der Nummer 1417.

Ein Kumpel mit Feder und Gitarre beharrte er auf der Idee von Bitterfeld 1959, die Arbeiterklasse ans Dichten und die Literaten an die Produktion heranzuführen und somit eine Art Kulturrevolution zu beginnen. Die versandete dann, wurde wegadministriert, und Gundermanns Bestandsaufnahme von 1981 klingt wie ein letzter, schon ziemlich verzweifelter Alarmruf.

Die letzte Chance

»Seit fünfzehn Jahren steh ich an der Weltzeituhr/Und ich bin nicht mehr so jung/Und ich warte, und ich warte/Und die rote Nelke trag ich immer noch am Helm/Obwohl sie mir schon lange verdorrte/Und diese Zeitung halt ich noch in der Hand/Obwohl ich sie schon nicht mehr lesen kann/Und starre in den Nebel/Wann kommt der Mann/Der mir sagt, wir brauchen dich/Jetzt bist du dran.« (Lancelots Zwischenbilanz, 1981)

Er kam nicht »dran«. Wie die ganze junge Garde nicht. Die Zwischenbilanz des Tafelrundenritters auf der Suche nach dem Heiligen Gral erschien erst 1988, viel zu spät, bei Amiga auf seiner einzigen DDR-Schallplatte »Männer, Frauen und Maschinen«. Roland Knauer schreibt dazu in Melodie und Rhythmus (5/2015): »Die DDR taumelte ihrem Ende entgegen, und nur die wenigsten Aufrechten waren sich noch sicher mit diesem Sozialismus. Gundermann gehörte dazu (…). Andere Protagonisten der Früh- und Mittachtziger hatten sich zurückgezogen – da zeckte Gundermann mit diesem Album in die Agonie!« Herauszuhören ist, auch auf allen postsozialistischen Alben, wie die Leute tickten und was besonders deswegen aus dem »Steinland« – so nannte es der Dichter frei nach Springsteens »Badlands« – hätte werden können.

1978 entsteht die »Brigade Feuerstein«, »eines der wichtigsten Projekte moderner, sozialistischer Kunst, in der sich sowohl die Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Kunst als auch die Arbeitsteilung zwischen Arbeit, Kunst und Politik auflösten«, so der Dichter Klaus-Peter Schwarz.1 Das spricht sich herum, stößt an und verschafft der Brigade einiges Ansehen. Gundermann erhält gegen alle Einsprüche den Chansonpreis 1987 und eine Einladung zum Kongress für Unterhaltungskunst im März 1989.

»Eigentümerbewusstsein entsteht nur aus Eigentümerfunktion (…). Die Entscheidungsebenen müssen aus den Ministerien heraus (nach) vor Ort verlegt werden (…), die Gesellschaft muss von unten demokratisiert werden, an der ökonomischen Basis (…) Es geht um höhere Produktivität genauso wie um bessere Hits. Auf beiden Seiten hat der Sozialismus Nachholbedarf. (…) Zuwachs an Phantasie, Weitsicht, Mut, Zärtlichkeit, Aggressivität, Streitlust, Vertrauen, Konfliktfähigkeit, Ausdauer.« Und der Redner bedankt sich ausdrücklich bei denen, »die gegen meine Produkte waren und das offen mit mir diskutiert haben«, und bei denen, »die aus dem Hinterhalt mit Knüppeln geworfen haben, weil, ich bin dadurch im Training, im Wiederaufstehen«.2

Der blonde Schlacks mit dem Pferdeschwanz und dem gestreiften Fleischerhemd entwickelt seine Vorstellungen von einem besseren Sozialismus. Ein Foto entsteht und wird gedruckt. Kurt Hager, Kulturchef der Partei, ein ehemaliger Spanien-Interbrigadist, spricht mit ihm, Begegnung von »Papst und Ketzer«, so der Wissenschaftler Lutz Kirschner, und als irgendein Oberer aus der Provinz das Bild sieht, beschwert er sich in Berlin, und Hager wird tatsächlich vom Politbüro zurückgepfiffen. Haben Gundis Warnung nicht kapiert, die Genossen. »Die Paralyse der SED-Führung war nicht aufhebbar« (Kirschner).

Vergewisserung

»Es kommt der Tag/da sind die Kleinen groß/und die Großen werden tot sein« (»Es kommt der Tag«, 1989)

Die Großen hatten es verbockt. Diejenigen aber, die sich weiter als Sozialisten verstanden, landeten im Niemandsland. In einem Interview mit der Sächsischen Zeitung sagt Gundermann 1993: »Ich gehöre zu der Generation, die richtig Sozialismus machen wollte, aber nicht mehr dazu kam. Wir wurden und werden ausgelacht für unseren Idealismus. Doch genau der ist unser innerer Halt. Sonst wären wir unter den heutigen Bedingungen längst zusammengeklappt.«

In jenem trüben 89er-Jahr probiert er noch so manches, das Programm »Erinnerung an die Zukunft«, Zusammenarbeit mit dem Liedermacher Reinhold Andert. Er schreibt gemeinsam mit Tamara Danz für das »Februar«-Album von Silly … Doch alles in allem hat er die Faxen einfach dicke. Den Herbst ’89 erlebt »jeder auf seine Weise«, berichtet Conny Gundermann, seine Angetraute: »Während ich zu allen Foren rannte und nicht genug Informationen bekommen konnte, zog sich Gundi immer weiter in sich zurück«.

Alle Konzerte abgesagt, bloß weg hier aus dem Land der Pseudorevolution – er nennt sie »Revolution Nr. 10«, frei nach John Lennons »Revolution No. 9« – und weiß doch nicht genau, womit er es eigentlich zu tun hat bei diesem sonderbaren Ereignis mit einem stammelnden Günter Schabowski und jenen Vertretern am runden Tisch, die sich dann in Windeseile und nahezu geschlossen dem Land der Krupps und Flicks andienen und als Inquisitoren ihr Brot verdienen. Einer von ihnen wird später gar Präsident.

»Es blasen sich die Mücken auf zu hohlen Elefanten/die weichen Eier bügeln ihre Haut zu scharfen Kanten/nur du weißt deinen Preis nicht, stotterst leis’ am Telefon/nur das und nichts weiter, mein Sohn/ist heut’ schon Revolution« (Revolution Nr. 10, 1995)

Auf Kuba gewinnt Gundermann Abstand und schärft den Blick für jene Dinge, »die er für sich und uns in seinem Land noch tun kann«, erinnert sich seine Frau. Es entstehen die Texte von »heute für uns wichtigen Liedern«. »Jedes Haus in Santa Clara/mitm Bild von Che Guevara/das alles war noch da/als ich in Cuba war«, heißt es im Refrain des Songs »Cuba«. Mit den »Wilderern«, seiner ersten, wundervoll lärmenden Grungeband, lässt er die Internationale krachen, und singt frei nach dem von ihm hochgeschätzten Ernst Busch vom Rio Jamara, wo die Interbrigadisten ihre letzte Schlacht schlugen. Er sei ein »Revolutionsromantiker« gewesen, heißt es, hat er doch schon als Junge gefragt, wem was nützt und wie er selbst nützlich sein kann.

Der Sozialismus bleibt jedenfalls im Kopf, wird zur »Antithese zu Egoismus« (Kirschner) mit dessen Folgewirkungen Vereinsamung, Misstrauen, Ellenbogeneinsatz – Kennzeichen dieser sich nun rasant in den »neuen Ländern« breitmachenden spätkapitalistischen Gesellschaft. Einerseits entfremdete Arbeit im Marxschen Sinn, wonach der Arbeiter keinen Bezug hat zum Produkt, das er herstellt und das ihm nicht gehört, andererseits Entfremdung vom sozialen Umfeld und der Natur.

Trauerarbeit

Die Konter-Kultur-Revolution erhöht ihr Tempo und legt nicht nur alles, was das Leben im Realsozialismus ausmachte, unter ihre Verzerrgläser, sondern stellt ihre kulturelle Hegemonie auch im Westen wieder her. Ideologische Basis bleibt der Antikommunismus, das Feindbild die nicht mehr existente DDR. Geschichte wird umgeschrieben, nach Gusto der Sieger, alles wird ins Schema »Unrechtsstaat« gepresst. In dem zählen Lebensleistungen nicht mehr, und die Verunsicherung darüber wächst.

»Und ich frag mich, was ich bin, was ich war/in der Suppe das Salz oder das Haar/ich schwimme mittendrin in meinem alten Hemd/gehöre noch dazu und bin schon ziemlich fremd« (Nach Norden, 1998).

Das Wort »Ostalgie« entsteht. Mit Nostalgie und Verklärung der DDR hat diese Form des Sich-Erinnerns weniger zu tun, mehr mit »Trauerarbeit derjenigen«, so die Brecht-Interpretin Gina Pietsch, »die wollten, dass die DDR, das Ländle, bleibt. Das zieht sich durch die Lieder Gundermanns« nach der »Wende«, in der allein vier Studioalben entstehen. »Hier bin ich geborn/so wie ins Wasser fiel der Stein« wird zur Hymne all derer, die die Bevormundung durch eingeflogene Wessi-Kader nicht mehr ertragen und sich zur DDR bekennen – allem zum Trotz, was schieflief.

»Hier sind wir alle noch Brüder und Schwestern/hier sind die Nullen ganz unter sich/hier isses heute nicht besser als gestern/und ein Morgen gibt es hier nicht/hier hab ich meine letzten Freunde beleidigt/harte Herzen zu Butter getanzt/hier hab ich junge Pioniere vereidigt/und Weihnachtsbäume gepflanzt« (Hier bin ich geborn, 1995).

Das Publikum in den überfüllten Konzertsälen – vom Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei über den Tränenpalast bis zu den Aberdutzenden vor ihrer finalen Abwicklung stehenden Kulturhäusern der untergegangenen Republik – bilden den sentimentalen, selbstbewussten Chor.

»Hier drehe ich meine Kreise/wie ein fest verankertes Schiff/hier führt mich meine Reise/nicht weit, aber tief.« In Gundermanns Erfahrungen erkennt sich jeder und jede selbst. Biographien bestätigen sich gegenseitig. Über das, was gestern noch wichtig war, soll heute schon nicht mehr geredet werden, doch der Mann redet trotzdem darüber, zudem auf der Bühne stehend, und fasst das Ganze musikalisch auch noch schön in Form mit seiner 1992 gegründeten superben Band »Seilschaft« – und der Spiegel lästert 1996 frei nach Goethe: »Hier sind sie Ostler, hier dürfen sie’s sein.«

Post-DDR

Gundermann gerät zum Kampfobjekt, je bekannter er wird. Er bietet nach nun gängiger Lesart guten Stoff zur Entzauberung, war nicht nur einige Jahre Mitglied der bösen Partei (1978–1984), sondern etwa zeitgleich auch inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit – beides aus der Überzeugung heraus, den Klassengegner zu bekämpfen. Am Ende standen Ordnungsverfahren, Rausschmiss und Streichung, was nichts daran änderte, dass später Beichten und Buße verlangt werden.

Er sei damals »der glühende Weltverbesserer, der Überzeugungstäter ohne Unrechtsgefühl« gewesen, schreibt die Berliner Zeitung an seinem zehnten Todestag (»Ein Sachse mit Volksmusik«) und deutet an, warum es nicht gelang, ihn auf ewig in die Schmuddelecke zu verbannen. Er sei eben »selbst da auf seine Art aufrichtig« geblieben. Dass der Sozialismus Feinde hatte, interessiert wenig bis gar nicht, und auch nicht, warum ein in dieser Dimension paranoisch anmutender Horch- und Schnüffelapparat entstehen konnte. Sachlich geführte Debatten bleiben sowieso unerwünscht. Sie könnten in eine Analyse münden, und die implizierte die Idee, dass Fehler nicht zweimal gemacht werden sollten.

Der Gescholtene jedenfalls verarbeitet derweil das Thema mit Spott. »Wir spielen Mensch-ärger-dich-nicht«, und es mag sein, dass die Ironisierung der Idiotie die beste Art des Umgangs mit ihr ist. Mit Sicherheit aber hilft Lachen, wenn sich Kolonisatoren als Sieger der Geschichte aufspielen.

»Sie sagen, du hast mich belauscht/doch außer dir hat mir nie einer zugehört/und schneller als das Wasser rauscht/hab ich dir meine paar Geheimnisse diktiert/sie sagen, du hast mich beschattet/für deinen Schatten danke ich/bei zuviel Sonne auf die Platte/krieg ich doch nur ’n Sonnenstich« (Sieglinde, 1993).

In Gundermanns Konzerten durfte gelacht werden, lachen ist gesund. Zuviel Sonne auf der Platte, damals; doch heute wird’s richtig ernst, und das hat nichts mit Stasi zu tun.

Fünf vor zwölf

»Gott ist schon besoffen/die Uhr zeigt fünf vor zwölf/aber ich seh nicht mehr hin/solange die Zeiger rücken/solange die Räder klicken/ist noch alles offen ist noch alles drin/(…)/wir hetzen auf der Suche/nach dem Futternapf /wie Ratten durch das Labyrinth/solang wir noch tanzen können/und richtig echte Tränen flennen/ist noch alles offen/ist noch alles drin« (Herzblatt, 1993).

So ist die Lage, sie wird nicht einfacher, und der Sänger und Songschreiber fehlt verdammt, und immer noch taucht die Frage auf, was er wohl heute sagen würde zu der verflixten Misere. Andreas Dresen bemerkte dazu zwar beim »Tribut an Gundermann« 2008 in der überfüllten Berliner Columbiahalle, er wisse auch nicht, welche Lieder entstanden wären, »aber wir haben ja die alten, und die sind ja auch nicht schlecht, oder«.

Nein, sie sind sogar sehr gut und passen immer noch, wenn sie nicht vom gesellschaftlichen Kontext, in dem sie entstanden sind, losgelöst werden. Das fällt zwar nicht ganz leicht angesichts der gestürmten Bilder, der geschleiften Denkmäler und der gelöschten Straßennamen – alles ist längst entsorgt, aber nicht vergessen. Es bleiben Leerstellen.

»Zuerst komm ich in Schwarze Pumpe übern Berg/und da schimmert in der Sonne das nagelneue Kraftwerk/das sieht aus, als ob ein Ufo hier gelandet wär/es glänzt wie gelogen/und passt hier nicht richtig her« (Straße nach Norden, 1998). Wie auch die neue Armee nicht herpasst in ein vormals friedliches Land, so dass sie ein Ufo bleiben möge, auch wenn nun etwa der Brigadestab der Panzergrenadiere zum einstigen »Klassenfeind« von der NVA (Nordkurier) nach Neubrandenburg gezogen ist.

»Am Lübbenauer Dreieck Lkw an Lkw/die gehören eigentlich zu einer feindlichen Armee/so sah der Gegner aus in meinem Offiziersbewerberbuch/und nu kommen die vom Einsatz aus dem Oderbruch.« Die uniformierten Ossis von der Panzergrenadierbrigade 41 »Vorpommern« kommen weit herum, derweil ihr Kommandeur erklärt: »Das Risiko gehört zum Soldatenberuf«. Und der Irrsinn, der der »Wende« folgt, hat Methode.

Feierabend

»Ich war ’n Bergmann, weiter hab ich nüscht gelernt/ich hab dieses Land in jedem Winter treu gewärmt/die Lunge ist wien Sack mit Kohlebrocken voll/im Herzen Asche in den Adern Alkohol«, beschreibt der Sänger 1992 das Ende seiner Arbeit als Baggerfahrer: »Ach meine Grube Brigitta ist pleite/und die letzte Schicht lang schon verkauft/und mein Bagger der stirbt in der Heide/und das Erdbeben hört endlich auf« (Brigitta, 1992).

Sein kommunistischer Idealismus, der ihn angesichts des landschaftsverwüstenden Braunkohletagebaus auf einen roten Ökotrip geführt hat, steigert sich in ein solidarisches und also über allen Kleinmut erhabenes Credo: »Aber alle oder keiner.« Der Mensch selbst entscheidet darüber, ob alles bleibt, wie es ist. Und die Sehnsucht nach einer besseren Welt bleibt Bedingung für die Tat.

»Der Regen soll wieder seinen Bogen schlagen/zwischen schwarz und weiß wien bunter Arm/und das Rot darin soll nicht mehr so verlogen sein/und grün und gelb nicht mehr so arm/die Pilze sollen wieder in die Bomben kriechen/und die Bomben wieder inn Flugzeugbauch/das Loch im Himmel soll sich wieder schließen/und die Löcher in der Erde auch« (Soll sein, 1992).

Zurück nach vorn

Seine Lieder seien noch »so präsent«, meinte Conny Gundermann schon vor Jahren. Gundi habe »bestimmt gehofft, dass seine Lieder etwas länger leben als er selbst, aber …« Ja, schon so lange halten sie und werden über viele weitere Sommersonnenwenden halten.

Sieben Tage vor dem 21. Juni 1998 zog der Dichtersänger in Krams noch einmal Bilanz, ahnungslos, was ihm selbst bevorstand, doch unbedingt wissend, worauf es zukünftig ankommen würde, so oder so. »Auch im Leben eines Mannes gibt es eine Art Sommersonnenwende. Es ist sein 42. Geburtstag. Der Mann hat seinen höchsten Punkt erreicht, er weiß, höher hinauf wird es nicht mehr gehen, und er scheint am Zenit zu verweilen und zu überlegen, an diesem Punkt mit der besten Übersicht ist ein Blick zurück manchmal der bessere Blick nach vorn.«

Anmerkungen

1 Klaus-Peter Schwarz: … die die welt nicht bessern können, aber möchten … Gerhard Gundermanns Internationalhymnen eines »anderen Deutschland«, in: Berliner Debatte INITIAL, 10 (1999), Heft 2, S. 41–50, hier S. 44

2 Gerhard Gundermann: »Verantwortung für das eigene Produkt«. Beitrag zum Kongress der Unterhaltungskunst, März 1989, mit einem Vorwort von Lutz Kirschner, in: UTOPIE kreativ, Heft 152 (Juni 2003), S. 559–563; hier S. 563

Gerd Schumann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24./25. Februar über Prag 1968 und heute: Vormärz an der Moldau

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