Aus: Ausgabe vom 18.06.2018, Seite 8 / Ansichten

Hoch gepokert

US-Strafzölle gegen China

Von Jörg Kronauer
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Eines immerhin ist klar, seit US-Präsident Donald Trump am Freitag die nächste Runde Strafzölle gegen China verhängt hat: Sollte jemand noch dem naiven Glauben angehangen haben, die westlichen Mächte würden es zulassen, dass ein ihnen gegenüber nicht unterwürfiger Staat ökonomisch mit ihnen gleichzieht, dann ist er jetzt widerlegt. Die Strafzölle auf Importe aus der Volksrepublik im Wert von 50 Milliarden US-Dollar richten sich erklärtermaßen gegen Hightechprodukte, auf deren Entwicklung Beijing im Rahmen der Strategie »Made in China 2025« setzt, um in zentralen Zukunftstechnologien vom Ausland unabhängig zu werden und gleichzeitig zur Weltspitze aufzuschließen. Das sollen die jetzigen Maßnahmen der Trump-Administration verhindern – und bei dieser Zielsetzung weiß der US-Präsident nicht nur weite Teile des US-Establishments, sondern auch Vertreter der deutschen Wirtschaft hinter sich. Hinter vorgehaltener Hand, das bestätigen Insider, geben deutsche Konzernchefs zu erkennen, sie hielten Trumps Vorgehen zwar für höchst riskant, seien zugleich aber erleichtert, dass endlich einer die Konkurrenz aus China handfest attackiere.

Der Wirtschaftskrieg gegen China ist also eröffnet – parallel zum Machtkampf gegen Russland, das sich dem Westen weltpolitisch widersetzt und dafür mit Strafmaßnahmen aller Art überzogen wird. Wie stehen nun aber die Chancen im Wirtschaftskrieg der USA gegen China? Auf den ersten Blick scheint zuzutreffen, was auch für den Handelskonflikt zwischen den USA und Deutschland gilt: China exportiert deutlich mehr in die Vereinigten Staaten, als diese in die Volksrepublik verkaufen; es ist also verwundbarer. Die Abwehrzölle, die Beijing am Freitag verhängt hat, ließen sich von Washington leicht etwa mit weiteren Strafzöllen kontern.

Kurzfristig mag das stimmen. Mittel- und langfristig aber könnte sich die US-Aggression als Eigentor erweisen. China hält riesige Mengen an Dollar-Reserven; finge es an, sie abzustoßen, dann könnte der Dollar, eine zentrale Machtstütze der USA, ins Schlingern geraten. Hinzu kommt, dass China nicht nur ein wichtiger Produktionsstandort großer US-Konzerne wie Apple ist, sondern auch US-Waren kauft, die außerhalb der Vereinigten Staaten hergestellt wurden. Ob, sagen wir, das Interesse der chinesischen Bevölkerung, I-Phones zu erwerben, erhalten bleibt, wenn Washington ihr erkennbar an den Kragen will, ist längst nicht ausgemacht. Trump pokert hoch.

Was die deutsche Wirtschaft angeht, die gewaltig vom China-Geschäft profitiert, aber immer noch mehr vom Geschäft mit den USA: Sie wird womöglich unangenehme Entscheidungen fällen müssen. Ihre Standorte in China werden von den US-Strafzöllen getroffen, ihre Fabriken in den USA von den Abwehrzöllen der Volksrepublik. Ob deutsche Firmen auch in Zukunft noch auf allen Hochzeiten gleichermaßen tanzen können, das ist angesichts der jüngsten Eskalationen alles andere als klar.

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