Aus: Ausgabe vom 02.06.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Kater der Mitlügner

Von Reinhard Lauterbach
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Verlegen grinsender Täuscher: Der Journalist Arkadij Babtschenko

Höflich sind sie ja, die Briten. »Es war nicht sofort klar, wie das Vortäuschen des Todes von (Arkadij, jW) Babtschenko zur Festnahme des Verdächtigen beitrug«, schrieb am Donnerstag der Guardian. Das ist in der Tat nicht klar, auch längerfristig nicht. Und enttäuschte Liebe kann böse machen. Der Held der Schmierentragödie habe auf seiner Auferstehungsshow ein »schafsmäßiges Grinsen« (sheepish grin) zur Schau getragen, hieß es im selben Artikel.

Mark Galeotti, einem Russenentlarver aus dem Umkreis des US-Propagandanetzwerks Radio Liberty, schwante Böses: »Beim nächsten Mord wird Russland die Karte spielen können: ›Woher wisst ihr denn, dass das alles echt ist?‹« Und das Moskauer Büro der Carnegie-Stiftung bedauerte, künftig würden es sich »westliche Medien gut überlegen, ob sie ukrainischen Quellen weiterhin einen Vertrauensvorschuss gegenüber russischen gewähren sollten. Es ist eine Besonderheit solcher Operationen, dass man das Vertrauen der Weltöffentlichkeit nur einmal missbrauchen kann, und dass es schwer ist, es anschließend wiederzuerlangen.« Kritik von Schwindelprofis an den Amateuren aus Kiew.

Das angebliche Opfer war gerade im »Krankenwagen« am »Sterben«, da postete Anton Geraschtschenko, der Groblügner des ukrainischen Innenministers, auf Facebook die Version, Babtschenko sei »beim Verlassen seiner Wohnung von einem im Hausflur auf ihn wartenden Killer in den Rücken geschossen worden«. Das »Mordopfer« lag zwar mit dem Kopf ins Wohnungsinnere auf dem Bauch, so dass das irgendwie nicht stimmen konnte. Versendet sich. Später hieß es dann, Babtschenko sei erst auf der Rückkehr vom Einkaufen ermordet worden. Ach so. Von einem Täter, den offenbar im leeren Treppenhaus so viele Leute gesehen hatten, dass die Polizei innerhalb von Minuten eine Allerweltsvisage als Phantombild in die Welt setzen konnte. Und das, obwohl sie in diesem Treppenhaus Stunden vor dem »Mord« die Videokameras »im Zuge von Ermittlungen« beschlagnahmt hatte – um keine Zeugen der Mystifikation zu haben. Der Fall stank von Anfang an, das musste jedem klar sein, der sich die ersten Meldungen anschaute.

Aber Quellenkritik ist von der deutschen Qualitätspresse zuviel verlangt. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) twitterte, jetzt sei die Zeit gekommen, »ernsthaft über einen Boykott der Fußball-WM nachzudenken«. Als der Fake dann aufflog, blieb nur noch der Druck auf die Löschtaste. Entschuldigen, richtigstellen? Wir doch nicht. Bild-Redakteur Julian Röpcke wusste sofort: »Putins Regime mordet und mordet und mordet«, um Nord Stream 2 und die WM durchzukriegen. Was trug Babtschenkos »Tod« dazu bei? Boris Reitschuster, ehemals vom Fakten-Fakten-Fakten-Focus, erklärte im Deutschlandfunk solche für sowieso unwesentlich: »Wir werden wohl nie erfahren, wer die Täter waren. Aber: Ich sehe eine ganz klare politische Verantwortung beim System Putin, wenn man solchen Hass schürt auf Kritiker, wenn man sie de facto für vogelfrei erklärt.« Man mag sich gar nicht vorstellen, was der jW an »Menschenverachtung« vorgeworfen würde, wenn hier anlässlich des Todes einer Bundeswehrpatrouille in Afghanistan oder Mali geschrieben würde, das sei nicht weiter schade, die Umgekommenen hätten »für das System gekämpft«. So hat sich Bab­tschenko über die Opfer des Flugzeugabsturzes vor Sotschi 2016 geäußert, als ein zur Truppenbetreuung nach Syrien reisender Soldatenchor und etliche Fernsehteams umkamen.

Es blieb Michael Rediske, einst Chefredakteur der Taz, heute Chef von »Reporter ohne Grenzen«, vorbehalten, nach der Märchenstunde von Kiew bitterlich zu weinen: Das sei »ein Stich ins Mark der Glaubwürdigkeit des Journalismus«. Abgesehen von der Substantivhäufung, die man als Volontär zu vermeiden gelernt haben sollte: Das kommt vom Mitlügen.

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  • T. S.: Was vernünftige Menschen dazu sagen ... Ein entnervter US-Amerikaner schrieb neulich in der Kommentarspalte eines Artikels: »I have been wrong about Russiagate from the beginning, because every day I think it can’t get more stupid, and ever...

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