Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 8 / Ansichten

Säuberung des Tages: Frauenbroschüre

Von Arnold Schölzel
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Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf in Berlin hat eine Broschüre unter dem Titel »Starke Frauen« herausgegeben. Darin werden 23 Frauen gewürdigt, die zwischen 1945 und 1990 im Südwesten der Stadt gelebt haben. Am Freitag vergangener Woche wurde die Textdatei von der Internetseite des Bezirks entfernt, am Mittwoch die Auslieferung der Druckexemplare gestoppt. Grund: Die erste Kurzbiographie ist Hilde Benjamin (1902–1989) gewidmet – Rechtsanwältin der »Roten Hilfe« vor 1933, nach Kriegsende von der Sowjetischen Militäradministration als Staatsanwältin in Steglitz eingesetzt, Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR bis 1953, danach bis 1967 Justizministerin. Eine Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen, etwa durch die Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern oder die Reform des Scheidungsrechts. Sie setzte durch, dass homosexuelle Beziehungen nicht länger strafbar waren und dass der Paragraph 218 aufgehoben wurde.

All das ist in Zeiten, in denen »Blut und Boden« wieder »Leitkultur« für Frauen und Familie werden, schrecklich genug. Unverzeihlich für Bezirksamt und Frontstadtpresse aber: Hilde Benjamin verurteilte Naziverbrecher. Schlagzeilen des Medienmobs: »Schlimmste Scharfrichterin der DDR« (B. Z.), »Berüchtigte SED-Ministerin« etc. Das ist zwar ein Fortschritt im Vergleich zu 1952, als ein Zeit-Autor Hilde Benjamin, deren Mann, der Arzt und Kommunist Georg Benjamin, im Konzentrationslager Mauthausen in den tödlichen Elektrozaun gejagt worden war, »mongolisches Aussehen« bescheinigte. Aber wenigstens herrscht die gleiche stramme Gesinnung wie vor 66 Jahren. Denn Tradition verpflichtet. In Zehlendorf gibt es solch eine Denkwürdigkeit wie die »Spanische Allee«, die im Juni 1939 zu Ehren der aus dem Spanischen Krieg zurückkehrenden faschistischen Mörder der »Legion Condor« so benannt wurde. Auch dabei bleibt’s.

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