Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 8 / Inland

»Wir wünschen uns eine dritte Option für alle«

Nach Urteil des Bundesverfassungsgericht: »Aktion Standesamt« fordert Selbstbestimmung über Geschlecht. Gespräch mit Neph Quack

Interview: Jan Greve
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Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hat die Tür aufgemacht für eine dritte Option neben weiblich und männlich

Am 10. Oktober 2017 urteilte das Bundesverfassungsgericht über die Neuregelung des Personenstandes und über die »dritte Option«. Es wurde entschieden, neben männlich und weiblich künftig einen positiven dritten Geschlechtseintrag beim Personenstand angeben zu können. Der Gesetzgeber soll dies bis Ende 2018 ermöglichen oder Geschlecht als Personenstandsmerkmal streichen. Diese Woche startete die »Aktion Standesamt« – Anlass ist der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, und Transfeindlichkeit am Donnerstag. Um was genau geht es?

Die Aktion Standesamt hat sich gegründet als bundesweites Bündnis von queerfeministischen, Inter- und Transmenschen in Antwort auf die Entscheidung vom Bundesverfassungsgericht. Ziel der Kampagne ist es, dafür zu sorgen, dass dieses Urteil möglichst partizipativ umgesetzt wird. Es soll als Anstoß genutzt werden, verschiedene Rechtsbereiche in bezug auf Geschlecht zu reformieren. Wir sehen das Urteil als große Chance, dass Geschlecht offener geregelt wird. Es soll ein dritter Geschlechtseintrag durchgesetzt werden, der die Identitäten von Inter- und Transmenschen widerspiegelt. Wir wünschen uns eine dritte Option, die zugänglich ist für alle, unabhängig davon, ob sie Gutachten vorweisen können, oder unabhängig von ihren körperlichen Eigenschaften. Sie soll auf der selbstbestimmten Aussage über die eigene geschlechtliche Identität basieren.

Was planen Sie mit der Aktion?

Kernstück wird eine Woche sein, in der wir deutschlandweit Anträge auf Personenstandsänderung stellen. Wir haben im Team viele Musteranträge entwickelt, die verschiedene Konstellationen widerspiegeln. Wir möchten Menschen dazu einladen, wenn sie ihren Personenstand ändern möchten, das mit uns zu tun. Die Anträge sollen dann an die verschiedenen Standesämter gestellt werden. Geplant ist die Aktionswoche zum Jahrestag des Urteils, also im Oktober. Jetzt beginnt die offizielle Mobilisierung.

Täuscht der Eindruck, oder ist das Thema nach dem Urteilsspruch im vergangenen Herbst aus der Öffentlichkeit verschwunden?

Also erst einmal war das damalige Medienecho für mich persönlich total überwältigend. Die ganze Trans- und Inter-Community war zu der Zeit sehr aus dem Häuschen. In meiner Wahrnehmung wurde sich nach dem Urteil sehr auf Intermenschen konzentriert. Dabei geriet aus dem Blick, dass diese dritte Option nicht nur für Menschen wichtig ist, die uneindeutige Körper haben – also Körper, die nicht in die bestehenden Kategorien von männlich oder weiblich eingeordnet werden können. Es geht auch um Menschen, deren Identität weder männlich noch weiblich ist. Die damalige Vermischung von Körperlichkeit und Identität fand ich problematisch.

Na ja, und was danach passiert ist … Ich finde auch, dass das Thema aus dem Mainstream-Diskurs rausgerutscht ist. Auch die Ministerien, die für den Gesetzesentwurf zuständig sind, haben bisher kaum etwas getan. Es gab Anfang der Woche einen Bericht über einen Entwurf aus dem Bundesinnenministerium, das eine Minimallösung vorschlägt. In diesem Entwurf wäre die dritte Option beim Geschlechtseintrag nur für Intermenschen gedacht. Außerdem müssten diese auch noch Gutachten über ihre Intersexualität vorweisen. Das würde die Pathologisierung fortsetzen. Und weiterhin würde es bekräftigen, dass wir nicht selber unsere Identität kennen, sondern sie über Gutachten von vermeintlichem Fachpersonal bestätigen lassen müssen.

Sie führen einen Kampf für Anerkennung und gegen Diskriminierung. Diese Ziele teilen Sie mit anderen Bewegungen. Sind Sie mit anderen Bündnissen in Kontakt, gibt es Austausch?

Wir sind ja schon ein Bündnis aus queerfeministischen, Trans- und Intermenschen. Schon diese Gruppen teilen nicht immer die gleichen Themen. Ansonsten habe ich das Gefühl, dass wir noch nicht so gut vernetzt sind. Das kann aber auch daran liegen, dass wir erst jetzt richtig mit den ersten Aktionen starten.

Neph Quack ist Mitglied der Berliner Regionalgruppe der »Aktion Standesamt«


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