Aus: Ausgabe vom 12.05.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Was macht er falsch? Gar nichts!«

Ein Preis für Clemens Schittko und ein Gedicht von ihm

Von Bert Papenfuß und Clemens Schittko
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»Der anarchistische Realismus pflegt eine Kombination aus Lyrik, Wissenschaft, Prosaskizze und Pfiff, der nahe an Phantasie und Reminiszenz gebaut ist« – eine Szene der Berliner »Walpurgisnacht«-Demo am 30.4.2018

Laudatio auf Clemens Schittko zur Verleihung des »Karin-Kramer-Preises für widerständige Literatur« am 5. Mai 2018 in Berlin

Clemens Schittkos Biographie im kurzen Überflug: Geburt 1978 im Kreißsaal an der Berliner Leninallee, Knechtung durch Unrechtsstaat – nominalsozialistisch –, Schulbildung inklusive paralleler Entblödung, Knechtung durch weiteren Unrechtsstaat – diesmal turbokapitalistisch –, als Obergefreiter Ladeschütze – schad’ nüscht, auch Stefan Döring war Kanonier –, Gebäudereiniger, Verlagskaufmann, abgebrochener Student, seither freischwebend. Groß rumgekommen in der Weltgeschichte ist er nicht, der proletarische Realist mit Abitur, als Marodeur in den lyrischen Gefilden der Partyzone Friedrichshain und den Abgründen ringsum.

Versprengte Veröffentlichungen in Klein- und Kleinstverlagen, einige mickrige Literaturpreise. Großverlage und sogenanntes Qualitätsfeuilleton werden sich auch weiterhin nicht um ihn reißen: Staatsfeind, definitiv kein wahrer Demokrat im Sinne des privatwirtschaftlichen Grundgesetzes, zu explizit, nimmt kein Blatt vor den Mund und nennt das Kind beim Namen, er fordert Menschenmögliches. Was macht er falsch? Gar nichts! Er macht alles richtig.

Außer Blumentöpfen wird nichts bei rumkommen. Soll er etwa Haikus twittern, Selfies vertonen, mit einem App Store für Lyrikalgorithmen hausieren gehen? – Er hat den längeren Atem. Das Hecheln der Zeitgeistlektorate ist ein Abwind dagegen. Stipendien bleiben auf der Strecke. Die Butterung der Weltrevolution ist Aufgabe genug. Nicht aufgeben … erst den »Karin-Kramer-Preis für widerständige Literatur« – dann die nächste Schwelle. Die Auslagerung der Mitte ist im Gange … der Aufstand kommt so der so.

Was will man mehr? Altersarmut kommt von allein, Bescheidenheit bricht sich Bahn, auf Bedürfnislosigkeit kommt es an im aufopferungsvollen Kampf für die Verdichtung des Raums und der Zeit auf dem Balkon. Bis er runterkracht, dann ist einiges getan. Huch, da liegt er ja schon … Lyrik ist im Schwange, mosert rum und kippt die Zwänge:

»… alles ist im Grunde lächerlich

bis auf die Lächerlichkeit selbst

die nicht lächerlich ist

die Lächerlichkeit selbst ist nicht lächerlich

lächerlich aber sind Uhren, der Raum und die Zeit

sag, was du zu sagen hast

sag, wer du bist

und sag vor allem, was du wirklich willst

wovon bist du abhängig?

wer bezahlt dich?

wie hoch ist dein Preis?

ab welcher Summe begehst auch du Verrat?

und dann sag Klasse, Bewusstsein und Utopie

sag immer wieder: soziale Frage und neuer Mensch

wir brauchen ein zweites Achtundsechzig

wir brauchen Aufstände und Umstürze und Anarchie.«1

Tja, massenkompatibel sind Clemens’ Texte eigentlich schon, aber die Massen – haben stark nachgelassen. »Der anarchistische Realismus pflegt eine Kombination aus Lyrik, Wissenschaft, Prosaskizze und Pfiff, der nahe an Phantasie und Reminiszenz gebaut ist.«2 – Clemens hat sich, wie vor Zeiten auch ich, auf Lyrik kapriziert. Ich wurde ein berüchtigter Dichter, weil ich verboten war. Dennoch bzw. deswegen wurde ich von Leuten unterstützt. Und im Laufe von zehn Jahren im Zuge zögerlicher kulturpolitischer Lockerungen legalisiert. Wenn ich in Clemens’ Alter wäre und erst nach dem Zusammenbruch des abgeschlossenen Sammelgebietes DDR zu schreiben angefangen hätte, würde mich heute keiner kennen. Ich hätte längst aufgehört zu schreiben, würde vagabundierend Militarismus militant bekämpfen. An mir ist ein Partisan verlorengegangen. Aus mir spricht ein Waffendienstverweigerer, der seine Gründe gefunden hat – die auch Clemens umtreiben. Er hat allerdings mehr davon, als die paar, die mich aus der Reserve rockten. Die gesellschaftlichen Probleme sind ernster geworden. Und Verbote subtiler. Aber der Pfiff geschliffener und der Ton rauher. Weiter im Text … mit Karacho und Gusto.3

Bert Papenfuß

Anmerkungen:

(1) Aus: Clemens Schittko: der Aufstand kommt so oder so. Gonzo-Verlag, 2017

(2) Aus: Kurzer Lehrgang … In: Bert Papenfuß u. v. a. m.: Ur-Rumbalotte. Moloko-Print, 2017, S. 36

(3) In der gehaltenen Laudatio hieß es an dieser Stelle »mit Schnelle und Schmackes«. Das war eine Anspielung auf den Wahlspruch »Snille och smak« der Schwedischen Akademie, die u. a. den Nobelpreis für Literatur verleiht. Das war von mir nicht recht bedacht und blieb unverständlich. »Snille och smak« wird heute übersetzt mit »Talent/Genie/Geist und Geschmack« bzw. »dem Geiste und dem Geschmack«. Der altnordische Begriff »Snille« wird übersetzt mit »Genie, Talent, Witz, Witzigkeit, Geist, Geschicklichkeit, Tauglichkeit« usw., je nachdem, wie alt die Wörterbücher sind. Meine Interpretation war »geistige Regsamkeit (Raschheit, Gewandheit)«, daher die freie Übertragung »Schnelle«, die auch nicht wirklich falsch, was den Ursprung des Wortes betrifft. Und »Schmackes« war sowieso eine Entgleisung meinerseits, ’tschuljung.

ich bin nichts

ich kann nichts

ich habe versagt

weit über 30 inzwischen

und immer noch bin ich unten

hunderte Bewerbungen habe ich verschickt

und dennoch bin ich arbeitslos

zum Nichtstun verdammt

oder dazu,

sinnlose Zeilen wie diese zu schreiben

nichts habe ich geschafft

und nichts habe ich erreicht

alles begann,

als mein Vater mit nur 44 Jahren starb

ich war 19, das heißt: ich war bereits erwachsen,

und konnte ihm dennoch nicht helfen,

seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs zu besiegen

in meiner Trauer konnte ich froh sein,

dass mich wenigstens die Bundeswehr aufgenommen hatte

und mein Abitur war so schlecht,

dass ich anschließend nur Gebäudereiniger werden konnte

doch selbst dort habe ich versagt

all der Dreck hat mich krank gemacht

und als ich daraufhin versuchte zu studieren,

interessierte sich an der Universität niemand für diesen meinen Dreck

also wurde ich Verlagskaufmann

aber auch das konnte meinen Abstieg nicht aufhalten,

denn ich weiß bis heute nicht,

wie man mit Geld umgeht

und wie sollte ich auch?

ich weiß ja noch nicht einmal,

wie Geld hergestellt wird

insofern habe ich überhaupt keine Ahnung,

wie das ganze System funktioniert

ich bin einfach zu blöd für den Kapitalismus

und deshalb bin ich arbeitslos und dazu verdammt,

sinnlose Zeilen wie diese zu schreiben

andere fälschen ihre Lebensläufe und machen Karriere

doch mir gelingt das nicht

ich komme über die eigene Selbstbespiegelung nicht hinaus

ich bin zu ehrlich,

um zu lügen

und deshalb bekomme ich noch nicht einmal eine Frau ins Bett

ich bin zu feige,

eine Frau überhaupt nur anzusprechen

vor nichts habe ich mehr Angst als vor Ablehnungen

man könnte es auch fehlendes Selbstvertrauen nennen

oder müsste es fehlendes SelbstBEWUSSTSEIN heißen?

wahrscheinlich trifft sogar beides zu

kurzum:

ich bin nichts

ich kann nichts

ich habe versagt

zehntausende Euro wurden in mich investiert,

um mich wettbewerbsfähig zu machen

und dennoch bin ich ganz unten

all die Bildung hat nichts genutzt

eigentlich müsste ich mich umbringen

doch selbst dafür fehlt mir das handwerkliche Geschick

ich bekomme ja noch nicht einmal einen Nagel in die Wand

deshalb sollten mich besser andere umbringen

doch auch so würde ich anderen wieder nur zur Last fallen

irgendwer müsste schließlich meinen Leichnam entsorgen

und irgendwer müsste für die Beerdigungskosten aufkommen

deshalb wird es wohl das beste sein,

wenn ich einfach so weitermache

so kann ich mich für den Rest meines Lebens für mein Versagen entschuldigen

das sollte Strafe genug sein

denn ich bin nun mal ein Nichts,

ein Niemand,

eine Null,

ein absoluter Versager –

dazu verdammt,

sinnlose Zeilen wie diese zu schreiben,

ja, sinnlos sind diese Zeilen

denn sie werden nichts an meinem Versagen ändern

sie werden keine Revolution auslösen

und sie werden mich nicht ernähren

sie werden nicht in die Literaturgeschichte eingehen

und sie werden mich nicht berühmt machen

am Ende kann ich sogar froh sein,

wenn sie überhaupt irgend jemand veröffentlicht

nein, diese Zeilen werden mich allenfalls dort zurücklassen,

wo ich jetzt schon bin

und das bedeutet:

ganz weit unten

denn wo ich bin,

da ist nun mal unten

und wo unten ist,

da bin nun mal ich

man könnte auch sagen:

ich befinde mich im Untergrund

nur zur Erinnerung:

im Untergrund halten sich all diejenigen auf,

die nicht gut genug sind für den Mainstream

und ich bin nun mal nicht gut genug

ich bin sogar richtig schlecht

ich bin so schlecht,

dass ich eigentlich schon wieder gut bin

doch in Wahrheit bin ich nicht gut,

sondern lediglich zu gut

und »zu gut« ist eben nicht dasselbe wie »gut«

soviel Ehrlichkeit muss einfach sein

denn schließlich bin ich unten

und wer unten ist,

kann alles so klar und offen sagen,

wie es ist

denn wer unten ist,

hat ja nichts mehr zu verlieren

und deshalb kann ich nur noch einmal wiederholen:

ich bin nichts

ich kann nichts

ich habe versagt

so war es immer gewesen

und so wird es auch immer sein

ich kann das nur immer wieder so sagen,

damit es auch der Letzte von euch versteht

ich habe mich bemüht

und dennoch ist aus mir nichts geworden

ich bin arbeitslos und lebe ausschließlich auf Kosten der Gesellschaft

so gesehen sollte ich froh darüber sein,

dass man mich bislang noch nicht umgebracht hat

ich möchte mich hiermit bei allen ausdrücklich für mein Scheitern entschuldigen

und ich hoffe, dass ich niemanden mit in den Abgrund reißen werde

denn letztlich mache ich ja doch nur alles kaputt

was fällt mir eigentlich ein,

andere beim Geldverdienen zu stören?

doch letztlich muss ja immer jemand ganz unten sein

und da ihr nicht unten seid,

bin ich es nun einmal,

der unten ist

so sieht das Ganze nun mal aus

so läuft das alles nun mal ab

was soll man dazu auch noch großartig sagen?

ich bin schlecht

und das ist auch gut so

jeder bekommt schließlich das,

was er verdient

da kann man einfach nichts mehr machen

also finden wir uns besser damit ab

Freunde habe ich im übrigen auch nicht

mit anderen Worten:

ich bin völlig isoliert

doch zum Glück nehme ich das in meiner Depressivität gar nicht mehr wahr

und so bleibt mir abschließend nur zu sagen:

ich bin nichts

ich kann nichts

ich habe versagt

Clemens Schittko

Am 5. Mai wurde dem Berliner Dichter Clemens Schittko der »Karin-Kramer-Preis für widerständige Literatur« überreicht und zwar im Rahmen der Blatt- und Buchmesse »Könsum ohne Terror – Niederschläge kulturpolitischer Produktion«, ausgerichtet von Rumbalotte Prenzlauer Berg Connection e. V. in der Gastronomität Watt (Metzer Str. 9, 10405 Berlin).

Der Karin-Kramer-Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Er ist gestiftet von der Künstlergruppe Bauphilosophen (Kerl Fieser, Eckhart Triebel, Hermann Jan Ooster) und mit 1.000 Euro dotiert. Mit ihm soll die Erinnerung an das 2014 verstorbene anarchistische Verlegerpaar Karin und Bernd Kramer wachgehalten werden, die über vierzig Jahre mit dem Karin-Kramer-Verlag »so viele undogmatische Impulse in die deutschsprachige Literaturlandschaft funkte, doch diese dankte es ihnen nie!« (Ooster).

Der Preis sollte eigentlich stets an Karin Kramers Todestag (20. März) in Berlin-Neukölln, dem Standort des Verlages, verliehen werden, was dieses Mal aus organisatorischen Gründen aber nicht möglich war. Er wird »ausschließlich nur jenen Autoren und Autorinnen zuerkannt, die in feiner Sprache den Gegenstand Welt widerständig zur herrschenden Denkauffassung beschreiben und verdichten« (Ooster).

2016 wurde der Karin Kramer Preis erstmals verliehen: an den Berliner Dichter Bert Papenfuß, der dieses Jahr für Clemens Schittko die Laudatio hielt.

Bibliographie eigenständiger Publikationen von Clemens Schittko: »who is who / is who or what«, Samson, 2010; »Und ginge es demokratisch zu«, Sukultur, 2011; »da kapo mit CS-Gas« (mit Kai Pohl), Fix­poetry, 2011; »Manifest der Nachhut«, Distillery, 2011; »Auslagerung der Mitte«, Edition Rothahndruck, 2015; »Weiter im Text«, Ritter-Verlag, 2016; »Ein ganz normales Buch«, Freiraum-Verlag, 2016; »der Aufstand kommt so oder so«, ­Gonzo-Verlag, 2017


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