Aus: Ausgabe vom 08.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Hintergrund: »Lügenfritz« und »Hänge-Peters«

Wer das Stichwort »Afrikanisches Viertel« bei Wikipedia aufruft, der erfährt, dass Carl Hagenbeck in dieser Ortslage im Berliner Ortsteil Wedding vor dem Ersten Weltkrieg eine Anlage bauen wollte, um Tiere und Menschen aus den damaligen deutschen Kolonien zu zeigen. Der Krieg habe den Plan durchkreuzt, »aber die Straßennamen waren bereits vergeben, so dass sie bis heute existieren«. Diese Darstellung geschichtsklitternd zu nennen, ist fast noch untertrieben.

Tatsächlich ging es schon 1899, als die ersten beiden der 22 Straßen des Gebiets die Namen Kameruner Straße und Togostraße erhielten, vor allem darum, den deutschen Kolonialismus und dessen Protagonisten zu verherrlichen. Dazu sollte ein ganzes Viertel genutzt werden, nicht im Stadtgebiet verstreute Straßen. Diese Idee machte Schule. Der Weddinger Kiez wurde zum Vorbild für zahlreiche Kolonialviertel andernorts.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der »Begründer« von Deutsch-Südwestafrika, der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz (1834–1886), mit einer Straße geehrt. Er war vor allem für seine betrügerischen Methoden bekannt, mit denen er den Einheimischen Ländereien abnahm. So kaufte er 1883 vom Nama-Häuptling Josef Frederiks II. Land im Umkreis von fünf Meilen, ließ aber offen, ob es sich um deutsche Meilen (ca. 7,5 Kilometer) oder englische (ca. 1,6 Kilometer) handelte. Der Kaufmann meinte natürlich deutsche Meilen, die Nama protestierten erfolglos. Lüderitz hatte seinen Spitznamen »Lügenfritz« weg.

Im Jahre 1910 wurde der zentrale Platz des Viertels nach Gustav Nachtigal (1834–1885), dem zweiten »Begründer« deutscher Kolonien in Afrika benannt. Der in Europa als »Afrikaforscher« bekannt gewordene Beamte reiste 1884 mit einem Kriegsschiff nach Westafrika, um dort – wo immer es noch möglich war – mit Unterstützung der Reichsmarine die deutsche Flagge zu hissen. In Kamerun kam es dabei zum ersten blutigen Militäreinsatz gegen Afrikaner. Auch Nachtigal arbeitete mit Erpressung, Betrug und militärischer Gewalt.

Erst 1939 wurde mit der Petersallee der dritte »Begründer« einer deutschen Kolonie, von Deutsch-Ostafrika, geehrt: Carl Peters (1856–1918), den die Nazis als größten deutschen »Kolonialpionier« feierten. Tatsächlich war er wegen seines hemmungslosen Rassismus und seiner brutalen Methoden schon zu Lebzeiten umstritten. Als Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet zwang er afrikanische Mädchen, ihm sexuell zu dienen. Eine von ihnen und deren Geliebten ließ er öffentlich aufhängen, was ihn das Amt kostete. Die Afrikaner nannten Peters »blutige Hand«, in Deutschland wurde er »Hänge-Peters« genannt. (kst)

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Widerstandskämpfer statt Kolonialherren: »Afrikanisches Viertel« in Berlin wird erst durch geplante Umbenennung von Straßen seinem Namen gerecht
    Kristian Stemmler
  • Distanzierung von Kolonialverbrechern noch nicht selbstverständlich. Gespräch mit Ulrich Hentschel
    Interview: Kristian Stemmler