Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Aber bitte nicht kuscheln

Saudi-Arabien hat wieder ein Kino

Von Gerrit Hoekman
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Ungewöhnliche Mischung: Bei der Einweihung des ersten Kinos in Saudi-Arabien seit 35 Jahren durften sogar Frauen neben Männern sitzen (»Black Panther«-Vorstellung, 18.4., Riad)

Am Mittwoch wurde die saudiarabische Hauptstadt Riad Zeugin einer bemerkenswerten Premiere: Das erste Mal seit 35 Jahren durften die Untertanen ins Kino. Um westliche Einflüsse von den Einwohnern fernzuhalten, waren öffentliche Filmspielhäuser in Saudi-Arabien bislang verboten. Bis 2030 sollen über das ganze Land verteilt 350 neue Kinos entstehen.

»Die Rückkehr des Kinos nach Saudi-Arabien markiert einen wichtigen Augenblick in der modernen Geschichte des Königreichs und des kulturellen Lebens«, erklärte Kulturminister Awwad Al-Awwad laut Tageszeitung Al-Schark Al-Ausat bei der Kinoeröffnung. Er sieht das Ereignis als Startschuss für die Entstehung einer Unterhaltungsindustrie in Saudi-Arabien mit einem Potential von einer Milliarde Euro.

Die Menschen machten unterdessen Selfies im Foyer des supermodernen Kinos. Sie kauften Popcorn und tranken Softdrinks. Sehr ungewöhnlich für Saudi-Arabien: Männer und Frauen saßen im Kinosaal nebeneinander. Gezeigt wurde der US-Actionthriller »Black Panther«, der auch in Europa gerade läuft. Der Inhalt ist schnell erzählt: Der Protagonist kehrt als rechtmäßiger Thronfolger zurück in die afrikanische Heimat, um sich auf seine Regentschaft vorzubereiten. Sein Königreich ist isoliert, aber hochentwickelt. Ein Rivale will ihm den Thron streitig machen und sucht dazu die Hilfe eines zwielichtigen Waffenschiebers. Aber mit Unterstützung der CIA kommt der Held an die Macht und bringt dem Land Frieden.

Es ist nicht bekannt, ob der junge Kronprinz Mohammed bin Salman persönlich Einfluss darauf genommen hat, welcher Film als erster nach einer halben Ewigkeit gezeigt werden sollte, aber die Parallelen zwischen der Phantasiewelt im Kino und der politischen Situation im Land sind schon erheblich. Auch Kronprinz Mohammed will König werden, und auch er hat Rivalen, die seinen Kurs der gesellschaftlichen Liberalisierung nicht gutheißen.

Den zahlreichen erzkonservativen Geistlichen im Land wird schon längst schummrig angesichts der rasanten Veränderung. Frauen dürfen neuerdings Auto fahren und ins Fußballstadion gehen. Als Anfang April die ägyptische »Popsensation« Tamer Hosny in Riad auftrat, waren erstmals Tausende Frauen im Publikum. Tanzen war allerdings strengstens untersagt.

Der Kronprinz will den Bogen nicht überspannen. Die staatlichen Medien erklärten unmittelbar nach der Kinopremiere, dass es in Zukunft getrennte Vorstellungen für Männer und Familien geben werde. Und so war auch beim Actionfilm »Black Panther« der Zensor nicht untätig geblieben: Zwei Kussszenen sind gestrichen.


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