Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 8 / Inland

»Formen der Agitation unserer Zeit anpassen«

Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration will klassenkämpferische Alternative zum DGB-Aufmarsch sein. Ein Gespräch mit Halil Simsek

Interview: Kristian Stemmler
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Rebellisch und klassenkämpferisch: Die Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration in Hamburg (1.5.2016)

Sie sind Anmelder der 1.-Mai-Demonstration in knapp zwei Wochen in Hamburg. Was ist geplant, welche Route ist vorgesehen?

Dieses Jahr demonstrieren wir unter dem Motto »Kapitalismus – immer noch scheiße! Heraus zum 1. Mai«. Wir wollen aufzeigen, dass der Kapitalismus viele Facetten hat, die es zu kritisieren gibt. Ob Pflegenotstand, Leiharbeit, Altersarmut oder Hartz IV, Sexismus oder Rassismus, Wohnungsnot und Verdrängung – die Widersprüche im System kommen in der sozialen Frage immer stärker zur Geltung. Am Hauptbahnhof soll es losgehen und diesmal in den Arbeiterstadtteil Wandsbek. Den Frontblock bildet ein selbstorganisierter FLTI-Block, FLTI steht für Frauen, Lesben, Transgender und Intersexuell. Der Block versucht, die soziale Frage aus einer feministischen Perspektive zu sehen.

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?

In den letzten Jahren ist die Teilnehmerzahl der revolutionären Demo stetig angestiegen und letztes Jahr sind wir kurz vor G 20 mit über 3.000 Menschen gelaufen. Dies versuchen wir in diesem Jahr zwar zu übertreffen, aber G 20 war schon ein starker Mobilisierungsfaktor. Für viele ist die klassische DGB-Demo, bei der in der Vergangenheit häufig der damalige Bürgermeister Olaf Scholz mitlief, eben kein Ausdruck einer klassenkämpferischen Politik. Diese Menschen gilt es abzuholen.

Es ist die erste 1.-Mai-Demo nach dem G-20-Gipfel. Welche Rolle spielt das?

Die Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und der Ausbau der Repressionsorgane sind nach dem Gipfeltreffen nicht einfach verschwunden. Die drakonischen Strafen der Klassenjustiz überschatten jegliches politisches Handeln, und leider befinden sich weite Teile der Zivilgesellschaft immer noch in einem Distanzierungsmodus. Dies kommt aber oft nach Gipfeltreffen vor, und diese Schockstarre wird sich irgendwann wieder lösen.

Im vergangenen Jahr lag der 1. Mai ja kurz vor dem Gipfel, da blieb es relativ friedlich. Die Jahre davor gab es zu diesem Tag immer mehr oder weniger Randale. Womit rechnen Sie diesmal?

Letztes Jahr sind wir seit vielen Jahren zum ersten Mal nicht von der Polizei angegriffen worden und konnten unsere Route zu Ende laufen. Dies hoffen wir in diesem Jahr zu wiederholen, um unsere politischen Inhalte in den Vordergrund zu stellen.

In der linken Szene der Stadt gibt es unterschiedliche Strömungen. Marschiert man am 1. Mai dennoch gemeinsam?

Zum G 20 kamen viele verschiedene Spektren zusammen und konnten eine gewisse Zeit zum gleichen Thema arbeiten. Vielleicht hat dies dazu beigetragen, Grabenkämpfe zu überwinden. In den letzten Jahren beteiligten sich weite Teile der autonomen Szene nicht an der Demonstration, das ist leider auch dieses Jahr eher wahrscheinlich.

Sie haben auch etwas vor für den 5. Mai, den 200. Geburtstag von Karl Marx. Was ist da geplant?

Seit einigen Jahren veranstalten wir das »Klassenfest gegen Staat und Kapital«, ein kostenloses Hip-Hop-Open-Air. Dieses Jahr widmen wir es dem 200. Geburtstag von Karl Marx. Das Line-Up kann sich wirklich sehen lassen, dabei sind Said Hoodrich, PTK, BOZ und weitere bekannte und weniger bekannte Künstler.

Die Versammlung findet auf dem Fischmarkt statt, jenem Ort also, an dem die »Welcome to hell«-Demo letztes Jahr starten sollte. Aktuell macht die Versammlungsbehörde Ärger, weil sie der Meinung ist, dass unsere Veranstaltung keine politische Versammlung ist. Dies ist aber haltlos, denn im jährlichen Verfassungsschutzbericht Hamburgs wird sie erwähnt und hat explizit einen politischen Charakter.

Marx hat ja nun keinen Hip-Hop gehört, warum also gerade in seinem Namen so ein Open Air?

Als Kommunisten sollten wir die Formen der Agitation unserer Zeit anpassen, unsere Veranstaltung ermöglicht es, politische Inhalte jugendkonform zu verpacken und damit ein größeres Publikum zu erreichen, als dies mit klassischen Flugblättern oder Redebeiträgen möglich wäre. Dabei ist uns wichtig, nicht nur Künstler aus der klassischen linken Szene performen zu lassen, sondern auch Leuten eine Bühne zu geben, die einfach aus der Lage der Arbeiterklasse berichten.

Halil Simsek ist Aktivist beim Roten Aufbau Hamburg und Anmelder der revolutionären 1.-Mai-Demo

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