Aus: Ausgabe vom 23.04.2018, Seite 7 / Ausland

Straßenkampf in Bet El

Eindrücke von den Protesten der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten

Von Freya Fraszcak, Ramallah
Junge Pal. vermummen sich mit der
Die Medien sind immer dabei: Junge Palästinenser machen sich bereit für den Kampf gegen die israelische Armee

Bet El ist eine von rund 200 israelischen Siedlungen in den palästinensischen Autonomiegebieten und gilt wegen des dortigen Militärstützpunktes, in dem sich auch die israelische Zivilverwaltung für den Raum Ramallah/Al-Bira befindet, als eine der strategisch wichtigsten israelischen Kolonien im Westjordanland. Hier in »Bethel«, dem »Hause Gottes«, stehen sich fast täglich die israelische Armee und das aufständische palästinensische Volk gegenüber. Die Palästinenser fordern ihr 1977 für die Errichtung der Siedlung beschlagnahmtes Land zurück. Israel beansprucht dagegen den 3.800 Jahre alten und schon in der Bibel erwähnten Ort mit seinen aktuell 6.000 Einwohnern als Teil des »Gelobten Landes«.

Seit Beginn der jüngsten Protestwelle aus Anlass des 70. Jahrestages der »Nakba«, der Vertreibung Hunderttausender Palästinenser im Zuge der Staatsgründung Israels 1948, demonstrieren auch in Bet El Tausende Menschen jede Woche gegen die Besatzung. Am vergangenen Freitag fielen die Auseinandersetzungen im Vergleich zu den Vorwochen weniger dramatisch aus, es gab nur einige Verletzte, die israelischen Soldaten setzten überraschend wenig Tränengas ein. »Vielleicht liegt es am Wind, er ist heute auf unserer Seite und weht in Richtung der Soldaten«, spekuliert ein Freund, der als Fotograf in einer knallgelben Weste seit fünf Jahren die Proteste dokumentiert.

Mohammed, ein 17jähriger und großgewachsener Junge aus dem Kaddura-Flüchtlingslager in Ramallah, ist jeden Freitag hier. »Wir revoltieren, weil wir unserer Land zurückhaben wollen. Unsere Großväter erzählen, wie sie dieses Land bearbeitet und von ihm gelebt haben. Wir wurden von Israel vertrieben, werden unterdrückt und haben keine Rechte, weil sie uns alles vorenthalten.«

Mohammed schließt dieses Jahr die Schule ab, und ich frage ihn nach seinen Plänen. Er schaut mich mit seinen klaren Augen an: »Ich plane nicht in die Zukunft, weil ich bereit bin, mein Leben für Palästina zu opfern. Wir denken hier nicht an uns selbst, sondern an die Gemeinschaft, an unser Land.« Als »Märtyrer« zu sterben ist für viele der Jungs hier das Beste, was ihnen das Leben zu bieten hat. Sie glauben, dann in dem vom Koran versprochenen Paradies empfangen zu werden – im Gegensatz zur Realität und Härte des Konfliktes hier ist das für viele ein vielversprechender Ausgang.

Mahmud, ein 24jähriger Freund Mohammeds, verlor schon zwei seiner Brüder in den Kämpfen. Zwei weitere Brüder sind inhaftiert, weil sie auf israelisches Militär schossen, und er selbst saß auch bereits ein Jahr hinter Gittern. Deshalb kommt er jeden Freitag nach Bet El und schließt sich den Jungs an, die die Verbindungsstraße nach Ramallah mit Tonnen und brennenden Reifen versperren. Zwischen den Schlachten singen und klatschen sie im Kreis, spielen Fußball oder schaukeln auf dem Spielplatz, der als kleiner Rückzugsort dient. Oft kommt es in solch unbeschwerten Momenten zu Tränengasangriffen der israelischen Armee, dann rettet man sich bestenfalls in die Tankstelle, die mit ihren großen Fensterscheiben einen durchsichtigen Schutz bietet. Andernfalls muss man nach wenigen Sekunden keuchen und nach Luft schnappen. Die Augen sind rot, der Atem ist kurz, und noch Stunden später hat man das Gift in den eigenen Lungen. Es ist ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel, das sich die israelische und die palästinensische Seite liefern, und mit jedem neuen Opfer wächst die Wut auf den Feind.

Auch Mustafa Barghuthi, Vorsitzender der sozialdemokratisch orientierten Al-Mubadara, steht für palästinensische Präsenz nahe der Siedlungen. Nach dem Freitagsgebet führt er regelmäßig eine Gruppe Sanitäter und friedlicher Demonstranten zu den israelischen Absperrungen bei Bet El. Im Unterschied zu den gewaltsamen Protesten setzt seine junge Partei auf »BDS«: Boykott, Abzug von Investitionen aus Israel sowie Sanktionen gegen die Besatzungsmacht. Auf politischer, kultureller und wirtschaftlicher Ebene soll so mit internationaler Unterstützung der israelische Staat geschwächt werden. Die BDS-Bewegung fordert ein Ende der Besatzung des Westjordanlands sowie die Rückkehr der vertriebenen Palästinenser in ihre Heimat.


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