Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 4 / Inland

Ignorierte Völkermorde

Frankfurt am Main: Tagung über Umgang Deutschlands mit Genoziden an Kurden und Jesiden

Von Gitta Düperthal
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Bereits in den 1930er Jahren wurden in der damaligen türkischen Provinz Tausende kurdische Aleviten von ihrem Land vertrieben und viele ermordet. Auf dem Bild sind türkische Soldaten mit gefangenen Aleviten aus Dersim zu sehen

Im Bundestag sei stets nur die Rede vom Völkermord an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen. Der historische Genozid an den Kurden und die gewaltsame Unterdrückung dieser Minderheit durch die türkischen Regierungen bis heute sei dagegen kein Thema. Das kritisierten der Historiker Mihran Dabag von der Ruhr-Universität Bochum und andere Wissenschaftler auf einer Konferenz am Samstag in Frankfurt am Main. Das Netzwerk kurdischer AkademikerInnen, »Kurd-Akad«, hatte zu einem wissenschaftlichen Austausch über »Genozide im Nahen Osten und Perspektiven für eine Aussöhnung« eingeladen.

Mit der Herausbildung der Nationalstaaten habe die Durchsetzung von Ordnungsvorstellungen begonnen, darunter auch die »einer Gleichheit, die keine Differenzen zulässt«, erklärte Dabag den Hintergrund der Tagung. Der Kulturwissenschaftler Mehmet Bayrak erläuterte, in der Türkei habe schon bei Staatsgründung gegolten: Alles was nicht »dazugehört«, solle assimiliert, zwangskonvertiert oder vertrieben und vernichtet werden. 1915/1916 sei man im osmanischen Reich so gegen die Armenier vorgegangen. In den 1930er Jahren habe die türkische Armee dann »nichtstaatliche Gemeinschaften« der 150.000 kurdischen Aleviten in der damaligen Provinz Dersim im Osten der Türkei auszulöschen versucht. 1938 war deren Widerstand niedergeschlagen, 140 Dörfer waren dem Erdboden gleichgemacht worden. Die von den Streitkräften selbst als »Säuberung« bezeichnete Aktion endete in der Umbenennung von Dersim in »Tunceli« (»Eiserne Hand«). Bayrak zog Parallelen zur heutigen Politik. Die türkische Luftwaffe sei damals gegen die Kurden auch mit Giftgas vorgegangen, das u. a. aus Deutschland importiert worden sei. Seit Anfang dieses Jahres sei im nordsyrischen Kanton Afrin die kurdische Bevölkerung ebenfalls mit Waffen vertrieben und ermordet worden, die zum Teil aus Deutschland stammen.

Jan Ilhan Kizilhan, Psychologe an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, berichtete, von den Vertreibungen im nordsyrischen Kanton Afrin seien auch 25.000 Jesiden betroffen, eine Völkergruppe, die ebenfalls seit langem immer wieder von Genozid und Verfolgung betroffen sei. In der Türkei, wo eins deren Siedlungszentrum gelegen habe, lebten heute nur noch ganz wenige Jesiden. Wie bei anderen bedrohten Minderheiten gehe es auch im Fall der Jesiden darum, dass die internationale Gemeinschaft anerkennt, dass ein Genozid gegen sie stattgefunden hat – und dass die Täter vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gestellt werden. Im Gespräch mit jW wies Kizilhan darauf hin, dass die Türkei schon 2011 die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) unterstützt habe. Das sei den Geheimdiensten aller Akteure in Syrien bekannt gewesen. Doch weder die USA noch Europa hätten das Land aus der NATO ausgeschlossen. Statt dessen sei sie offiziell bis heute Teil der »Anti-IS-Koalition« in Syrien.

Welche Perspektive es für Kurden künftig geben kann, darauf ging die türkisch-kurdische Politikerin Leyla Imret von der Demokratischen Partei der Völker (HDP) ein. Die demokratisch gewählte Bürgermeisterin der Stadt Cizre im Südosten der Türkei war 2015 ihres Amtes enthoben worden. Seitdem steht die Stadt unter einer vom türkischen AKP-Regime eingesetzten Zwangsverwaltung. Das dortige Modell der demokratischen Autonomie und Selbstverwaltung unter Beteiligung von Angehörigen verschiedener Ethnien und Kulturen habe große Strahlkraft in die Türkei gehabt, berichtete die im deutschen Exil lebende Imret. Besonders die Frauen hätten die Gleichberechtigung zu schätzen gewusst. 350 Menschen seien von türkischen Militärs Anfang 2016 allein in Cizre ermordet worden. 54 Bürgermeister säßen in der Türkei in Haft.

Der Berliner Historiker Michael Knapp sprach über den demokratischen Föderalismus, wie er in Afrin und anderen kurdischen Gebieten praktiziert wird. Hierbei gehe es darum, die Bevölkerung durch das besondere Modell der Räterepublik zu überzeugen. Im Kanton Afrin, aus dem Kurden und andere Volksgruppen nun gewaltsam vertrieben wurden, sei dieses Modell besonders weit entwickelt gewesen.


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