Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 15 / Medien

Erdbeben gefällig?

Roboterjournalismus: Algorithmen übernehmen das Nachrichtengeschäft und Teile der Lokalberichterstattung

Von Ralf Wurzbacher
RTXE54A.jpg
So humanoid wie diesen auf einer Messe in Hannover präsentierten Gesellen darf man sich nachrichtengenerierende künstliche Intelligenz nicht vorstellen. Aber irren kann auch sie sich

Was, wenn dieser Artikel von einem Computerprogramm geschrieben wäre? Würden Sie ihn trotzdem lesen wollen, womöglich sogar erst recht, oder würden Sie die Zeitung links liegen lassen? Die Ludwig-Maximilians-Universität München befasste sich vor zwei Jahren mit dem Thema. In einer Studie bekamen knapp 1.000 Testpersonen einerseits von Journalisten verfasste sowie andererseits von Algorithmen generierte Texte vorgesetzt. Ergebnis: Die Probanden bevorzugten »Menschengemachtes« – genauer das, wovon sie glaubten, es sei von Menschenhand. Darin allerdings lag die Crux. Die als humanoid gekennzeichneten Beiträge erhielten auch dann bessere Noten, wenn sie eigentlich von der Maschine stammten. Mehrheitlich wurde diesen sogar größere Glaubwürdigkeit bescheinigt.

Vielen dürften solche Befunde Angst machen. Man lässt sich ja schon von menschlichen Schreiberlingen ungern manipulieren. Wie ist das erst, wenn künstliche Intelligenz die Feder führt – und man davon gar nichts ahnt? Für andere sind das durchweg prächtige Aussichten, zum Beispiel für die Zunft der Zeitungsmacher. Die leiden angesichts des Internetbooms unter wegbrechenden Einnahmen aus Abonnements und Werbung und lechzen nach Möglichkeiten, die Produktionskosten zu drücken. Lohndumping, Tarifflucht, unbezahlte Mehrarbeit: Wozu noch, wenn sich ein Großteil der Aufgaben schon bald durch unbezahlte Maschinen erledigen lassen?

In Großbritannien verspricht sich die Branche von dem, was gemeinhin »Roboterjournalismus« genannt wird, nichts weniger als die »Rettung der Lokalpresse«. In der Vorwoche berichtete Netzpolitik.org von einem neuen Angebot der Nachrichtenagentur Press Association, das den Hunger der Redaktionen nach Inhalten (Content) stillen soll. Eine mit Unterstützung von Google entwickelte Software namens Radar bastelt aus öffentlich zugänglichen Datensätzen, etwa zu Geburten- und Kriminalitätsraten, den Wartezeiten in Krankenhäusern oder Gewichtsproblemen von Kindern komplette Artikel samt Überschriften zusammen. Dabei kommen Geschichten mit sehr engem lokalem Bezug zu Themen heraus, die bislang lediglich auf nationaler Ebene behandelt werden.

Noch ist das Projekt in der Probephase, soll aber, sobald voll einsatzfähig, monatlich bis zu 30.000 Storys liefern. Der Chefredakteur des Cambridge Independent, Pete Clifton, äußert sich in einem Beitrag voller Überschwang: Radar erlaube selbst in der tiefsten Provinz eine faktenbasierte Debatte. Das sei eine »phantastische Übung in Demokratie«. Eine mindestens blauäugige Sicht, denn Demokratie lebt bekanntlich davon, dass über Missstände, Probleme und Ungerechtigkeiten diskutiert wird. Aber wohin mag es führen, wenn Maschinen die Auswahl treffen, worüber geredet und gestritten wird?

Netzpolitik-Autor Alexander Fanta verweist zur Veranschaulichung auf eine Roboterstory im Lokalblatt Romford Recorder. Danach schafften es in der Region nur 16 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten Familien auf eine Universität. Was fehlt, ist der Hinweis auf einen Beschluss der konservativen Regierung in London, das Budget der Kommune drastisch zu kürzen. In dessen Folge werden sich die Bildungschancen armer Leute und die soziale Lage der Bewohner weiter verschlechtern. Wenige Monate zuvor hatte die Zeitung darüber noch berichtet – damals war der Text noch von einem Redakteur.

Ein Algorithmus verarbeitet dagegen (vorerst) nur das, womit er gefüttert wird und was man ihm beigebracht hat. Im Nachrichtengeschäft kommen Roboter schon heute sehr verbreitet da zum Einsatz, wo viele Daten gesammelt werden, die sich in ein Schema pressen lassen, etwa beim Sport, beim Wetter oder an der Börse. Gemäß einer Untersuchung der Universität Oxford nutzen fast alle großen Nachrichtenagenturen in Europa Robotertexte, darunter auch die Deutsche Presseagentur, die das allerdings dementiert.

»Vorbild« sind wie so oft die USA. Dort soll die Washington Post am Wahltag 2016 mit Hilfe der Software Heliograf in Echtzeit über knapp 500 verschiedene Abstimmungen berichtet haben. Den Sieg Donald Trumps hat das nicht verhindert. Zumal der ja auf das Konto von Twitter und Facebook gegangen sein soll, die es mit der Wahrheit auch nicht so genau nehmen. Apropos: Im Juni 2017 meldete die Los Angeles Times ein starkes Erdbeben vor der kalifornischen Küste. Schuld war ein Algorithmus, der sich im Jahrhundert vertan hatte.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Medien