Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Rechte fährt Ernte ein

Zu jW vom 14. März: »Angriff auf Lohnabhängige«

Der Weg nach unten ist heutzutage verdammt kurz: Firma pleite, Arbeitslosengeld beziehen, Erspartes verbrauchen – und schon ist man ohne eigene Schuld »Hartzer«. Die Auswirkungen auf den Lebensstandard sind katastrophal, aber noch schlimmer ist die Stigmatisierung als Versager und Schmarotzer. Wichtiges politisches Ziel dieser asozialen Aktion war auch, die Betroffenen vom Anspruch- zum Bittsteller zu degradieren, Kontrolle und Erpressung jederzeit ausüben zu können und jegliches Selbstbewusstsein und alle Forderungen bereits im Keim zu ersticken. Arbeitslosigkeit hat als selbstverschuldet zu gelten und muss gesellschaftlich geächtet sein. Die Ziele sind im Interesse der Konzerne voll erfüllt, die Erfüllungsgehilfen SPD und Grüne loben den wirtschaftlichen Aufschwung und heucheln Betroffenheit, reden aber geflissentlich beharrlich nicht über ihre eigene schäbige Rolle dabei. Abschaffung von »Hartz IV« war mal zu Beginn eine Hauptforderung der Linkspartei, leider begnügt man sich da mittlerweile ebenfalls mit reiner Kosmetik der Auswirkungen. Auf diesem so bereiteten Feld fahren leider die rechten Strömungen gerade die Ernte ein.

Dieter Reindl, Nürnberg

Hungern inklusive

Zu jW vom 14. März: »›Spahn hätte sich vorher informieren sollen‹«

Leider erwähnt Nikolaus nicht, dass die 4,77 Euro pro Tag, die für Essen und Trinken im Regelsatz von Alleinstehenden enthalten sind, Mangelernährung bedeuten. Nach aktualisierten Erhebungen des Dortmunder Forschungsinstituts für Kinderernährung braucht ein Erwachsener 3,26 Euro pro 1.000 Kilokalorien, um sich gesund ernähren (…) zu können. Selbst wenn man nur von einem täglichen Verbrauch von 2.200 Kilokalorien ausgeht, müssten im Regelsatz von 416 Euro pro Tag nicht 4,77 Euro, sondern 7,17 Euro enthalten sein. Die Diakonie hat 560 Euro als notwendig errechnet, um am Leben in der Gesellschaft teilnehmen zu können. Leider akzeptiert sie dabei aber die Summe von 4,77 Euro für (Mangel-)Ernährung. Der Regelsatz müsste also, wenn man für bedarfsgerechte Ernährung eintritt, mindestens 600 Euro betragen, wie es eine von einer Reihe von Initiativen unterstützte Kampagne (…) fordert (…). Da die Gelder in der Regel vor Monatsende aufgebraucht sind, wie viele Bezieher bestätigen können, schließt »Hartz IV« im übrigen auch Hunger am Monatsende nicht aus.

Prof. Rainer Roth, Klartext e. V./Rhein-Main-Bündnis

Verschwörungstheorie

Zu jW vom 16. März: »Das Komplott«

Was die jW wieder zum Fall Aldo Moro veröffentlicht, ist nicht nur sachlich inakzeptabel für alle, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben und beschäftigen, es ist inzwischen auch unerträglich, diese abgedroschene Verschwörungstheorie immer wieder neu vorgesetzt zu bekommen. Der Eurokommunismus, der »historische Kompromiss«, überhaupt die gesamte kommunistische Bewegung in Italien sind nicht an den »Roten Brigaden« gescheitert oder an Machinationen irgendwelcher Geheimdienste, sondern an der eigenen Unzulänglichkeit der gesamten kommunistischen und radikalrevolutionären Bewegung, dem sich modernisierenden Kapitalismus mit seiner voll entfalteten Welt des Konsums und der Individualisierung und Entwurzelung des Menschen etwas Neues entgegenzusetzen. (…)

Sveva Haertter, per E-Mail

Kontrafaktisch und unlogisch

Zu jW vom 16. März: »Das Komplott«

(…) Gerhard Feldbauer sieht in den »Roten Brigaden« (RB) eine von CIA und NATO gelenkte Organisation, die durch ihren Terror die Machtübernahme durch die Italienische Kommunistische Partei (PCI) verhindern sollte. Von der PCI schreibt er gleichzeitig, dass die sozialdemokratische Fraktion in ihr bestimmenden Einfluss gewann, die die bürgerliche Demokratie »und deren Parteiensystem respektierte und die kapitalistische Marktwirtschaft anerkannte«. Das hält er weder für ein Argument gegen die von ihm behauptete notwendige Unterwanderung der RB noch für ein Argument dafür, dass all die vielen Gruppierungen, die gegen die PCI entstanden sind, darin ihren Ausgangspunkt hatten. Statt dessen tut er den ganzen Artikel so, als hätte Italien wegen der PCI kurz vor dem Kommunismus gestanden und nur durch äußerst geschickte CIA- und »Gladio«-Fake-Aktionen davon abgehalten werden können. Er zitiert einen Offizier, der sagte, dass die Entführung Moros ein »Glanzstück an Perfektion« gewesen sei und nur von Militärs mit »ausgetüftelter Spezialausbildung« durchgeführt werden konnte. Nach dieser Logik konnte die Selbstbehauptung der Bolschewiki in Russland gegen 20 Interventionsarmeen auch nur durch eine fremde kapitalistische Macht durchgeführt worden sein. Woher hätten die Kommunisten auch so ein Wissen haben können? (…) In den Hosenaufschlägen von Aldo Moro wurden Spuren von Sand gefunden. Klarer Fall für Feldbauer, dass der von den Tolfa-Hügeln nördlich von Rom stammte, wo ein NATO-Stützpunkt war. Schließlich war ja in der Entführerwohnung kein Sand. Und die Druckmaschine, die die RB vom Trödel gekauft hatten und die vorher dem italienischen Geheimdienst gehörte, ist auch so ein Beweis (auf den Feldbauer diesmal im Artikel verzichtet). Wen kümmert es, dass Mario Moretti später dazu sagte: »Wenn wir uns damals hätten vorstellen können, wie ihr Auftauchen bei uns instrumentalisiert werden würde, hätten wir sie Schraube für Schraube aufgegessen.« Für Durchschnittslinke ist Silvio Berlusconi ein Kollege Frau Merkels, der mit ihr (…) das Europa des Kapitals modernisiert (…) hat. Für Feldbauer hingegen ist nachgewiesen, dass »16 Jahre nach der Ermordung Moros mit der Bildung einer faschistisch-rassistischen Regierung« die Geheimloge »P 2« samt CIA und NATO endlich zu ihrem Ziel gekommen ist. Also kalte Abschaffung der Demokratie mittels Verschwörung – nur wenige, ganz gewiefte Journalisten haben’s mitgekriegt. (…)

Klaus Ohliga, per E-Mail

Die kommunistische Bewegung in Italien ist nicht an den »Roten Brigaden« oder irgendwelchen Geheimdiensten gescheitert, sondern an der Unzulänglichkeit, dem Kapitalismus etwas Neues entgegenzusetzen.

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