Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 11 / Feuilleton

Manchmal bei Sturm

Gerlind Reinshagens außergewöhnliche Gedichte sind nun in einem Band erschienen

Von Björn Hayer

Die Welt in passende Bilder zu betten, ihr Wesen in Spiegelungen zu fassen – all das vermag Gerlind Reinshagens atmosphärisch dichte Lyrik. Nach vielen Hörspielen, Theaterstücken und Romanen erscheinen im Suhrkamp-Verlag nun erfreulicherweise ihre gesammelten Gedichte unter dem Titel »Atem anhalten«. Bereits das erste Poem gibt eines ihrer wichtigsten Verfahren zu erkennen: das Zoomen. Wenn man einen Mitmenschen verstehen möchte, setzt dies behutsame Annäherung voraus – so als würde man zaghaft das Innere eines fremden Hauses erkunden. Man muss »Den Spinnenhecken / Mit Geduld / Auf der Spur bleiben«, aber »niemals / Entlarven wollen«. Vor der »innersten Kammer« angelangt, sind schließlich Zurückhaltung und höchste Aufmerksamkeit gleichermaßen geboten: »Plötzlich / Hör ich dich atmen / Leise / Im Dunkeln / Hinter verschlossener Tür«.

Reinshagens Miniaturen klären nichts auf, sie umkreisen Phänomene. Besonders berührend sind die Texte über Vergangenheit und Erinnerung: »Manchmal bei Sturm / fliegt mir ein Sandkorn / Aus der alten Stadt ins Auge«. Sie führt den Leser zurück in die »Stadt der Kindheit«, wo einst noch »Aschefunken« zu spüren waren, Krieg und Untergang. 1926 im damals ostpreußischen Königsberg (heute das russische Kaliningrad) geboren, hat die Autorin in ihren jungen Jahren noch hautnah die Schrecken des NS-Terrorregimes miterlebt. Die Gewalt hat sich ihren Gedichten eingeschrieben.

Wo vermeintlich Idylle herrscht, bricht immer wieder das Unsagbare oder Fehlende durch. Selbst wenn im Frühling »der letzte / Verdächtige Hügel« entfernt ist, taucht in der Landschaft noch ein verschollener Freund als Licht- oder Sinnestäuschung auf. Jede noch so meditative Stille zeugt von einem unheimlichen Untergrund. Bei einem harmlosen »Heidespaziergang bei Bergen-Belsen«, so der Titel eines weiteren Poems, bemerkt das lyrische Ich: »Da liegen viel Tausend zur Ruh verscharrt«. Etwas »wartet in Höhlen daß man es weckt«, so der lyrische Appell zu einer ernsthaften und ehrlichen Aufarbeitung.

Reinshagen schreibt eigentlich stets über Menschen. Doch konkret beschreibt sie Räume, an die sich Schicksale knüpfen. Ihre Schule beispielsweise avanciert zu einem Gedächtnisort. Im letzten Kapitel des Bandes mit Widmungsgedichten findet sich etwa der Text »Für Sarah Kirsch«, ihre berühmte norddeutsche Dichterkollegin, die 2013 in Heide verstarb. Nachdem sich die beiden dort kennenlernten und Freundinnen wurden, hinterlässt am Ende der Tod ein trauriges Vakuum. Anfangs ist der Text noch dicht, später löst er sich geradezu auf: »Ich höre / Dich / Nicht / Mehr« lauten die letzten, verhallenden Verse.

Der Band »Atem anhalten« ist ein Zeugnis der Menschlichkeit, der Aufrichtigkeit und einer lebenslangen Suche, sowohl nach dem Vergangenen und Verlorenen als auch dem Fremden und Unbekannten, wobei Reinshagen stets darauf achtet, nie den letzten Sinn der Dinge zu verraten. Allem wohnt eine eigene Faszination inne.

Gerlind Reinshagen: Atem anhalten. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 174 Seiten, 20 Euro


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