Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

Iron Man und die Folgen

Von Thomas Wagner
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Bald auch Transhumanist? Comic-Fan mit Iron Man-Anzug

Eine wichtige Inspirationsquelle für viele Transhumanisten ist die Science-Fiction-, Fantasy- und Comicliteratur. Nehmen wir Max More, den Leiter des Kryonik-Unternehmens Arcor. Hier werden Menschen eingefroren, die darauf hoffen, wieder zum Leben erweckt zu werden, wenn es der Stand der Technik in Zukunft erlaubt. Als Kind beeindruckten ihn Superheldencomics. Insbesondere die von Stan Lee entwickelte Figur des Iron Man mit ihrem schwer gepanzerten Exoskelett hatte es ihm angetan. Die Lektüre der von Robert Shea und Robert Anton Wilson verfassten Romantrilogie »Illuminatus« wiederum erweckte bei ihm das Interesse am Libertarismus. In einem Diskussionszirkel, der sich dieser marktradikalen Wirtschaftsphilosophie verschrieben hatte, traf er Gleichgesinnte, die sich auch für die Aufbesserung der menschlichen Intelligenz und die Besiedlung des Weltraums begeisterten.

Der im niederländischen Groeningen geborene Transhumanist und Neuroinformatiker Randal A. Koene begeisterte sich in seiner Kindheit für phantastische Literatur. Im Alter von 13 Jahren las er Arthur C. Clarkes bereits 1956 erschienenen Zukunftsroman »Die Stadt und die Sterne«. Der handelt von einer Kuppelstadt, die in einer Milliarde Jahren von einem superintelligenten Computer regiert wird. Diese Maschine produziert Körper für die Bewohner, deren Bewusstsein im Falle der Zerstörung dieser stofflichen Hülle solange in einer Datenbank gespeichert wird, bis sich eine neuer Körper findet. Koene will diese Fiktion Wirklichkeit werden lassen. Zu diesem Zweck gründete er das Unternehmen Carboncopies, das sich der Herstellung eines »substratunabhängigen Bewusstseins« verschrieben hat. Dabei geht es um »das Ziel, personenspezifische Hirnfunktionen und Erfahrungen auf vielen Operationssubstraten neben dem Gehirn aufrechtzuerhalten«, so der Journalist Mark O’Connell in seinem 2017 erschienenen Buch »Unsterblich sein«. Zu Koenes Geldgebern gehören der russische Tech-Multimillionär Dmitri Izkow sowie Bryan Johnson, der Leiter des Risikokapitalkonzerns OS Fund.

Ein weiterer Transhumanist mit Hang zur phantastischen Literatur heißt Elizer Yudkowsky. Er hat das Singularity Institute mitgegründet, das heute Machine Intelligence Research Institute heißt und sich der Aufklärung über die Gefahren einer maschinellen Superintelligenz verschrieben hat. Deren Entwicklung wird von den Mitarbeitern der Einrichtung schon zur Mitte unseres Jahrhunderts erwartet. Yudkowsky schmiss die Schule bereits in der achten Klasse und verschaffte sich seine naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse auf autodidaktischem Weg. In seiner umfänglichen Onlinepublikation »Harry Potter und die Methoden der Rationalität« unterzieht er die in dem Fantasyroman geschilderten Zauberkünste einer wissenschaftlichen Überprüfung.

Eine wichtige Rolle im transhumanistischen Denken spielt die Idee einer künftigen »Intelligenzexplosion«, die dann erfolgen soll, wenn Computer auf allen Einsatzgebieten das Intelligenzniveau des Menschen erreicht haben. Ab diesem Zeitpunkt wären Maschinen in der Lage, in immer kürzeren Zeitabständen immer intelligentere Maschinen zu bauen. Dieses Konzept stammt von dem Mathematiker Irving John Good, der den Regisseur Stanley Kubrick beriet, als dieser den fiktiven Supercomputer HAL 9000 für seinen Film »2001: Odyssee im Weltraum« entwickelte.


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