Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Erbe schreit’s dem See

Deutschland, erzählt von Josef Bierbichler: Der Kinofilm »Zwei Herren im Anzug«

Von André Weikard
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»Und was nicht deutsch ist, mach ma hie« (Josef Staber)

»Ich will nicht unterhalten werden, und deswegen will ich auch niemanden unterhalten«, grantelte Josef Bierbichler in einem Interview zu seinem neuen Film »Zwei Herren im Anzug«. Mediale Unterhaltung sei »organisiertes Verdrängen«. Da schwingt das »organisierte Verbrechen« gleich mit. Düster und bitter geht’s in Bierbichlers Familiengeschichte dann zu. Er hat sie geschrieben, in Szene gesetzt, gespielt und vermutlich so ähnlich auch erlebt.

Hauptfigur Pankraz wird Anfang des 20. Jahrhunderts in Bayern geboren und würde gerne Opernsänger werden. Weil der ältere Bruder im Weltkrieg zuviel Giftgas abbekommt und schließlich in der Irrenanstalt landet, muss Pankraz aber den väterlichen Betrieb, ein Wirtshaus am See, übernehmen. Da wird je nach dem Lauf der Geschichte mal gesungen: »Und was nicht deutsch ist, mach ma hie«, mal geflüstert: »Ich war zwar nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nie.«

Bierbichler, selbst Sohn eines Wirts und Erbe eines Gasthauses am Starnberger See, gibt an, er habe »nicht die eigene Familiengeschichte« thematisieren wollen, sondern »über Deutschland erzählen«. Was immer die BRD so beschäftigte, wird im bäuerlichen Milieu vor den Karren gespannt. Es geht um Kriegsflüchtlinge aus Schlesien, die der Seewirt einquartieren muss, um den ersten Fernseher im Ort und den ersten Traktor. Eine Papstwahl spielt eine Rolle, und vorm Kamin wird Zither gespielt.

Bierbichler steht dem allen mit einer Hassliebe zur Heimat gegenüber, wie man sie sich etwa von Thomas Bernhard abschauen kann. Der Film kulminiert in einer Faschingsnacht, in der drinnen wie blöd gefeiert wird, währen draußen der Sturm pfeift und eine wacklige Esche jederzeit auf das Wirtshaus zu fallen und alles in Stücke zu schlagen droht. Tut sie dann auch. Und der Bierbichler? Steht am zugefrorenen See und schreit’s in den Regen hinaus, wie sehr es ihn ankotzt, sein »verfluchtes Erbe«. Und wie er seit »40 Jahren im eigenen Kadaver« lebt und ganz krank wird vom »Verwesungsgeruch«.

Das hat viel Wucht und Kraft, wirkt manchmal zu theatralisch, aber so ist er halt, der Bayer, der auf der Bühne lieber mit mächtigen Hieben Holzscheite spaltet, als seinen Text herzusagen. Stark ist »Zwei Herren im Anzug«, wenn es an die Psychologie der Familie geht. Um die zwei biestigen Schwestern von Pankraz, die seiner Frau das Leben schwermachen, die er aber nicht vom Hof jagen kann, weil die beiden während seiner Kriegsgefangenschaft das Gut erhalten haben. Die Rolle der duldsamen Mutter (Martina Gedeck), die ihren einzigen Sohn ins Internat geben muss, weil in der Provinz keine guten Schulen sind, oder des Pankraz, der von Anfang an mit seinem Sohn fremdelt und sich übergeben muss, wenn er das Neugeborene nur sieht.

Leider eskaliert der Film zum Ende. Da tauchen Erinnerungen an vergaste Kinder auf, da wälzt sich der nackte Sohn auf dem entblößten Leib der gebrechlichen Mutter, da kommt – zu allem Überfluss – auch noch eine Vergewaltigung durch einen katholischen Priester ans Licht.

Vater und Sohn zerfleischen sich bei der Beerdigung der Frau bzw. Mutter in unnachgiebiger Anklage. Unterm Neonlicht, Stapel dreckigen Geschirrs auf den Tischen, wühlen sie in der Vergangenheit. Umgeben von übriggebliebenen Torten und Kuchen, die keiner essen mag, zerfleddern sie ihre Erinnerungen. »Mich interessieren Gedanken«, gab Bierbichler zu dem Film zu Protokoll, keine »manipulierten Gefühle.« Am Ende hinterlässt er den Zuschauer deprimiert.

»Zwei Herren im Anzug«, Regie: Josef Bierbichler, BRD 2017, 139 min, Kinostart heute


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