Aus: Ausgabe vom 22.03.2018, Seite 7 / Ausland

Aufrecht im Tresor

Millionen Euro aus Libyen im Geldspeicher. Ermittler verhören Sarkozy 20 Stunden lang

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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BLUB

Rund 20 Stunden lang musste sich Nicolas Sarkozy seit Dienstag morgen den Ermittlern der französischen Justiz stellen. Der frühere Staatschef steht unter dem schweren Verdacht, seine Kampagne zur Präsidentschaftswahl im Mai 2007 zum großen Teil mit rund 50 Millionen Euro aus der Kasse des damaligen libyschen Herrschers Muammar Al-Ghaddafi finanziert zu haben. Der Verdacht gegen Sarkozy gründet unter anderem auf einer »Geheimpapier« genannten Vereinbarung zwischen Sarkozys und Ghaddafis Vertrauten, die sich in den Händen der Justiz befindet. In dem Vertrag habe Ghaddafis Geheimdienstchef Moussa Koussa 2006 die Freigabe der für die Kampagne des Franzosen bestimmten Millionensumme schriftlich festgehalten.

Die seit rund fünf Jahren andauernden Ermittlungen der Pariser Untersuchungsrichter Serge Tournaire, Aude Buresi und Clément Herbo führten in dieser Woche zu der brisanten Entscheidung, den ehemaligen Präsidenten in Polizeigewahrsam zu nehmen und von acht Uhr morgens bis weit nach Mitternacht zu vernehmen. Sarkozy durfte zwar einige Stunden in seinem Pariser Luxusappartement schlafen, das Verhör wurde aber am Mittwoch morgen fortgesetzt.

Auch enge Vertraute und Freunde aus Sarkozys Entourage – unter ihnen der frühere Innenminister Brice Hortefeux – wurden befragt. Auf mehrere andere Zeugen, die Licht in die Affäre hätten bringen können, hat die Justiz keinen Zugriff mehr. Ghaddafis Erdölminister Schukri Ghanem wurde im Frühjahr 2012 in Wien tot aus der Donau gezogen. Der junge Libyer Mohammed Albichari starb im selben Zeitraum an einer »Diabetes-Krise«, wie es im gerichtsmedizinischen Bericht heißt. Er hatte in den Wirren des libyschen Bürgerkriegs 70 von Geheimdiensten später als »authentisch« eingestufte Tonaufnahmen aus dem Besitz des im Oktober 2011 ermordeten »Revolutionsführers« aufgetrieben und sie offenbar zum Verkauf angeboten. Baschir Saleh, ehemaliger Kabinettchef Ghaddafis, wurde am 23. Februar vor seiner Haustür im südafrikanischen Johannesburg angeschossen. Das Attentat überlebte er nur knapp und ist seither nicht vernehmungsfähig.

Wie sein Bruder Mahdi Saleh den Ermittlern erklärte, habe Baschir in dem Fall aussagen wollen und sich seither anonymen Morddrohungen ausgesetzt gesehen. Der Anschlag veranlasste britische Justizbehörden am vergangenen Montag, einen in London gastierenden alten Vermittler und Berater »Sarkos« für libysche Angelegenheiten wegen akuter Fluchtgefahr festzusetzen. Alexandre Djouhri könnte nach Ansicht der Pariser Untersuchungsrichter als »Schlüsselzeuge« in einem eventuellen Prozess gegen Sarkozy wichtig werden. Er war nach Angaben des Internetportals Mediapart, das Sarkozys finanzielle Verbindungen nach Libyen seit sieben Jahren untersucht und die Affäre 2012 anstieß, »ein enger Vertrauter« des damaligen französischen Innenministers und späteren Präsidenten. Das für Sarkozy bestimmte »pognon« (Kohle) sei unter seiner Aufsicht in Barbeträgen von 1,5 bis sechs Millionen Euro nach Frankreich geschleust oder auch in zwielichtigen Immobiliengeschäften von Ghaddafis Stiftung »Libyan African Portfolio« gewaschen und weitergereicht worden.

Neben dem treuen Freund und verurteilten Rassisten Hortefeux steht den Ermittlern auch Claude Guéant zur Verfügung. Sakozys früherer Kabinettchef und zeitweiliger Innenminister wurde am Januar 2017 in zweiter Instanz wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu zwei Jahren Gefängnis, 75.000 Euro Geldstrafe und einem fünfjährigen Verbot für »Arbeit in öffentlicher Funktion« verurteilt. Während Sarkozys Kampagne für die Präsidentschaftswahl war Guéant für »Spenden und sonstige Einnahmen« zuständig. Offenbar in Erwartung hoher Beträge hatte er damals bei der Pariser Bank BNP eine mächtige, 165 Zentimeter hohe Tresorkammer gemietet. Ein Geldbunker, den sein Chef Sarkozy hätte in Augenschein nehmen können, ohne sich zu bücken.


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  • Volker Wirth: Undankbarer Westen Die Überschrift könnte von Dr. Seltsam stammen: Ob nun aufrecht, gebückt oder kniend – Sarkozy wurde vom »Revolutionsführer« Muammar Al-Ghaddafi nicht ohne Sinn und Zweck mit illegalen Wahlkampfmittel...

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