Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 15 / Antifa

Mythos der »unschuldigen Stadt«

Dresden tut sich noch immer schwer mit einem angemessenen Gedenken an Opfer des Faschismus einerseits und der Bombardements im Februar 1945 andererseits. Gastkommentar

Von Silvio Lang
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Heidefriedhof Dresden am Dienstag: sächsische AfD-Landtagsabgeordnete legen zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt Kränze nieder. Für Rechte und Geschichtsrevisionisten ist das Memorial auf dem Friedhof noch immer ein wichtiger Anlaufpunkt

Nachdem es 2010 erstmals gelungen war, den alljährlichen Neonaziaufmarsch zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens zu blockieren, reifte unter Antifaschistinnen und Antifaschisten eine Erkenntnis: Noch auf Jahre würde man mit Großdemos von Rechten zu tun haben, gelänge es nicht, die Gedenkkultur in bezug auf die Ereignisse im Februar 1945 zu verändern.

Über Jahrzehnte war das offizielle Gedenken in Dresden vollkommen unkritisch gestaltet worden. Bevor es von antifaschistischen Akteuren thematisiert wurde, störte sich kaum jemand daran, dass Vertreter der bürgerlichen Parteien alljährlich am 1965 auf dem Heidefriedhof errichteten Memorial Kränze niederlegten – seit 2004 Seit’ an Seit’ mit Anhängern der neofaschistischen NPD. Das Memorial besteht aus 14 Stelen, eine davon trägt die Aufschrift »Dresden«, andere die Namen von der faschistischen Wehrmacht zerstörter Städte wie Coventry oder von Konzentrationslagern wie Auschwitz und Ravensbrück – eine unsägliche Gleichsetzung.

Von der so dokumentierten Sichtweise war es nie weit zum von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels am 14. Februar 1945 gesetzten Schlagwort von der »unschuldigen Stadt« und zum am Samstag auf Transparenten während eines rechten Aufmarsch wieder einmal zu lesenden Diktum vom »Bombenholocaust«. Mit dem offiziellen »stillen Gedenken« wurde solchen Auslegungen nie widersprochen. Wie auch? Erst nachdem der Widerstand in der Stadt rund um den 13. Februar so groß und die Debatte um das Gedenken so prominent wurde, wurden leichte Veränderungen vorgenommen. Die Zeremonie auf dem Heidefriedhof wurde protokollarisch herabgesetzt und 2015 an bürgerliche Gruppen übergeben.

Damit erfüllte man zwar einen Teil der Forderungen von Antifaschistinnen und Antifaschisten. Doch ein Nachdenken über die etablierte Gedenkkultur blieb aus. Vielmehr ließ man mit abnehmender Prominenz des Themas (es kamen ja »nur noch« 500 Rechte in die Stadt, nachdem es zuvor mehrere tausend gewesen waren) die Debatte darüber wieder einschlafen. Das Ergebnis solcher Halbherzigkeit lässt sich seit zwei Jahren beobachten: Anhänger von AfD, Pegida und Co. nutzen die Parolen heute genauso wie früher die Neonazis von NPD und »freien Kameradschaften«. Und erneut widerspricht man ihnen nicht. Vielmehr solle die AfD in die »Normalität entlassen werden«, wie der Koordinator der städtischen »AG 13. Februar«, Joachim Klose (CDU), in einem Interview mit den Dresdner Neuesten Nachrichten (online, 11.2.) kundtat. Sie habe ja nur eine Meinung unter vielen. Er begeht damit genau den alten Fehler, der schon in den 1990er Jahren zum Erstarken der rechten Aufmarschbewegung geführt hatte: Kein Neonazi verschwindet dadurch, dass man ihn ignoriert. Die von der Stadtverwaltung initiierte Menschenkette, alljährlich aufgeführt als Schauspiel unreflektierten Gedenkens an die »Opfer von Nationalsozialismus und Krieg, Hass und Zerstörung« ohne klare politische Botschaft gegen rechts ist tradierter Ausdruck dieser Haltung. Auch zur von der AfD für Dienstag abend angemeldeten geschichtsrevisionistischen Kundgebung in der Innenstadt gab es aus dem Rathaus bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme.

Das Ergebnis ließ sich am vergangenen Samstag »bewundern«: 550 Neonazis der Kameradschaftsszene und 450 Rechte unter dem Banner der AfD-Jugend marschierten gleichzeitig durch die Stadt. Dresden 2018 erinnert traurig an Dresden Anfang der 2000er Jahre, als ohne große Gegenwehr vierstellige Teilnehmendenzahlen bei rechten Aufzügen normal wurden. Starken Protest, gar Gegenwehr von offizieller Seite oder eine kritische Reflexion der eigenen Gedenkkultur sucht man bei der Stadtspitze vergebens, obwohl aus der Stadtratsmehrheit von SPD, Linkspartei und Grünen darauf gedrängt wurde. Dresden 2018 zeigt: Solange die für Neonazis anschlussfähige Gedenkkultur nicht aufgebrochen und nachhaltig verändert wird, bleibt Dresden für Rechte ein attraktives Reiseziel, nicht nur im Februar – egal, ob unter blauem oder braunem Banner.

Der Autor ist stellvertretender Landesvorsitzender der Partei Die Linke Sachsen und Sprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN–BdA) Sachsen


Debatte

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  • Beitrag von Roland W. aus A. (14. Februar 2018 um 09:44 Uhr)

    Stilles Gedenken soll es sein, nicht politisch benutzt werden soll das Gedenken an die Bombennächte von Dresden. Dabei müßte es gerade heute lauter denn je sein. Laut müßte heute denen Frieden geboten werden, die längst wieder in Deutschland, Sachsen gen Osten ihr Feindbild errichten, Waffen, Rüstung und Panzer gen Osten rollen lassen. Dient das dem Frieden? Wessen gedenken die Oberen und ihnen folgenden Bürger?

    Es soll alles still passieren, nicht wie in den 80er Jahren als auch Dresden laute und aktive Friedenskämpfer in den Kirchen hatte und Schwerter zu Pflugschar schmiedete. Das ist bei heutigem Gedenken alles nicht notwendig? Darüber soll nichts verlauten, darüber, wer und wie die nächsten Kriege längst vorbereitet und an vielen in der Welt beteiligt ist. Wie kann Stille und Friedensgebet heute abwenden, was längst geschieht? Politisch soll es nicht sein, was einzig heißt, es darf nicht an das erinnert werden, was der Zerstörung Dresdens vorausging, das was auch heute wieder vorausgeht und zu Dresden 1945 geführt hat. Das soll nicht ausgesprochen werden, nicht angemahnt werden. Was unterscheidet das vom „Gedenken“ der Rechten, die sich an vorher nicht erinnern. Wer will etwas hören von tausenden Städten, Dörfern, die vor Dresden dem Erdboden gleich gemacht wurden? Alles heute nicht wahr, nicht erwähnenswert, nicht als Ursache zu nennen.

    Vergessen sollten wir jedenfalls auch heute nicht, Dresden hat noch geschichtsbewußte Menschen gesehen, wie einen Peter Sodann u.a., die nicht Opfermythos pflegen, die Täterspuren folgen und nicht über das alles still, unpolitisch hinweggehen, sich in ekelhafter Heuchelei bei achtungsvoller Duldung der neuen Nazis.

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