Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 15 / Antifa

Harmlose Flurbezeichnung?

Im brandenburgischen Storkow fordert eine Bürgerinitiative Umbenennung der Kurmark-Kaserne und erinnert an gleichnamigen SS-Truppenübungsplatz

Von Jana Frielinghaus
Bundeswehrkaserne_in_43107314.jpg
Bis 1993 war der brandenburgische Truppenstandort nach dem nahen Küchensee benannt. Das dort stationierte NVA-Pionierregiment trug den Namen des von den Nazis verfolgten Antifaschisten Ottomar Geschke

Der Bundeswehrstandort Storkow hat in den vergangenen Monaten eine gewisse Prominenz auch in den überregionalen Medien erlangt. Der Grund: Der seit Oktober 2017 amtierende Bataillonskommandeur ist eine Frau – und eine Transgender-Person dazu. Denn Oberstleutnant Anastasia Biefang war bis vor drei Jahren ein Mann. Die Truppe präsentiert sich gerade am IT-Standort Storkow gezielt als in Sachen »Diversity Management« besonders fortschrittlicher und zugleich ganz normaler »Arbeitgeber«. Mit Homestorys dieser Art wird gekonnt davon abgelenkt, dass die Bundeswehr an Angriffskriegen beteiligt ist, ein massives Problem mit Neonazis – und ein, freundlich ausgedrückt, ambivalentes Verhältnis zur Vorgängerorganisation Wehrmacht hat.

Das zeigt sich auch im harmlos klingenden Namen der Storkower Kurmark-Kaserne – allerdings eher ungewollt. Diejenigen, die 1993 die Umbenennung der zu DDR-Zeiten nach dem nahen Küchensee benannten Einrichtung initiierten, berufen sich jedenfalls auf die lange Geschichte der Regionsbezeichnung. Thomas Jacob sieht das ganz anders. Seit dem vergangenen Sommer fordert eine von dem Regisseur und Drehbuchautor gegründete Bürgerinitiative, in der sich etwa zwei Dutzend Aktive engagieren, die Umbenennung der Kaserne. Im Januar hat sich Jacob mit diesem Anliegen auch an die neue Kommandeurin gewandt. Bisher gab es keine Reaktion.

Die BI »Aufrechte Bürger« verweist auf die Geschichte des SS-Truppenübungsplatzes Kurmark im 50 Kilometer entfernten Lieberose. Für das Übungsareal der faschistischen Kampfverbände wurden ab Ende 1943 die Bewohner von 17 Dörfern zwangsumgesiedelt. Um das KZ Lieberose zu errichten sowie SS-Mannschaftsunterkünfte und -Übungsanlagen auf- und auszubauen, wurden Häftlinge und Zwangsarbeiter eingesetzt. Rund 8.000 Inhaftierte sind hier ums Leben gekommen. Kurz vor Kriegsende wurden 1.256 kranke Häftlinge erschossen, bevor die übrigen »evakuiert« wurden. Unter anderem deshalb, so Jacob im Gespräch mit jW, habe die Initiative an die Politik appelliert, die Kaserne umzubenennen.

Ernst Georg Krohm, Initiator der Umbenennung von 1993, findet die Argumentation der BI abwegig. Der Bundeswehroberst a. D. war ab 1991 der erste Westkommandeur am Standort Storkow. Dem RBB sagte er Anfang Juli vergangenen Jahres, die Bezeichnung »Kurmark« habe nichts mit der Nazizeit zu tun. Und der Militärhistoriker Sönke Neitzel meinte, sie sei zwar zwischen 1933 und 1945 durchaus verwendet worden, man könne sie aber auch auf viele »andere Epochen« beziehen.

Die BI will dennoch weiter für eine Umbenennung streiten. Jacob meint, die Kaserne könne ja wieder nach dem Küchensee benannt werden. Oder aber nach Ottomar Geschke, der vor 1990 Namensgeber des Storkower NVA-Panzerpionierregiments war. Geschke war Sozialdemokrat und Antifaschist, wurde von den Nazis in Zuchthäuser und Konzentrationslager gesperrt, er überlebte den Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen im Mai 1945 nur knapp.

Die Chancen dürften unterdessen nicht besonders gut stehen. Storkows Bürgermeisterin Cornelia Schulze-Ludwig (SPD) und die Stadtverwaltung pflegen ein geradezu liebevolles Verhältnis zum Führungsunterstützungsbataillon 381. Im vergangenen Juni machte man sogar den Tag der Bundeswehr und das Stadtfest zu einem gemeinsamen Event. Motto: »Wir. Sind. Storkow.«

Und noch etwas spricht gegen einen Erfolg der Initiative: Zwar hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im vergangenen Jahr betont, man wolle für die noch nach Wehrmachtsgrößen benannten Kasernen neue Bezeichnungen suchen – allerdings unter Einbindung von Kommunen, Vereinen und Entscheidungsträgern vor Ort. Weil letztere im nordrhein-westfälischen Augustdorf gegen eine Umbenennung der dortigen Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne waren, wird die weiter so heißen. Denn, so von der Leyen bei einem Standortbesuch im Juni 2017, die Einrichtung sei »bewusst benannt worden an einem Jahrestag des Widerstands«. Das zeige, »dass Rommel seine Rolle im Widerstand auch gehabt hat«.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Antifa
  • Dresden tut sich noch immer schwer mit einem angemessenen Gedenken an Opfer des Faschismus einerseits und der Bombardements im Februar 1945 andererseits. Gastkommentar
    Silvio Lang