Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 8 / Ansichten

700 Kartons des Tages: Riefenstahls Nachlass

Von Christof Meueler
Germany_Riefenstahl_56276918.jpg

Haben Sie schon einmal versucht, einen der beiden »Olympia«-Filme, die legalen Naziwerke von Leni Riefenstahl, zu schauen? Oder einen ihrer »Nuba«-Bildbände betrachtet? Oder ihre Korallenfotos? Es wird sie sehr ermüden, ähnlich wie die Bücher von Ernst Jünger, dem anderen über 100 Jahre alt gewordenen Faktotum des Faschismus. Jünger starb 1998 im Alter von 102 Jahren, Riefenstahl 2003 mit 101. Beider Ästhetik, Theatralik, Hitleristik und Langweileristik – das ist der Krempel, über den die bundesdeutschen Feuilletons an geistig windstillen Tagen gerne brüten, wenn sie den Faschismus politisch kleinreden und ihn dabei groß in Form bringen.

Die faschistische Überwältigungsästhetik ist bis heute äußerst beliebt. Deshalb kommen jetzt 700 Kartons nach Berlin – der gesamte Nachlass von Leni Riefenstahl. Er soll von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Stiftung Deutsche Kinemathek durchgearbeitet werden. Bild fasste bei der Gelegenheit Riefenstahls Leben so zusammen: »Sie inszenierte in ihren Propagandafilmen den Wahnsinn der Nazis, zeigte später die Schönheit der Unterwasserwelt und von afrikanischen Naturvölkern«. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, jubelte über ein »bahnbrechendes ästhetisches Werk«, das man entgegennehme, natürlich nur, um sich »kritisch« damit auseinanderzusetzen. Andreas Hahn schrieb in seinem Riefenstahl-Nachruf in der jW: »Es war ihr wahrscheinlich wirklich gleichgültig, ob sie einen Panzer, einen Speerwerfer, einen Seestern oder ein Hakenkreuz fotografierte – alles war gleich unbelebt, Hauptsache das Licht ›stimmte‹. Nichts ist faszinierend daran (an dieser Dummheit).«

Riefenstahl war Hitlers Lieblingsregisseurin, und trotzdem erzählte sie nach 1945, sie sei unschuldig und unpolitisch. Deutscher geht es nicht.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Ansichten