Aus: Ausgabe vom 14.02.2018, Seite 6 / Ausland

Wer ist Michail Saakaschwili?

Expräsident, Exgouverneur und staatenlos

Von Reinhard Lauterbach
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Michail Saakaschwili bei einem kühlen Bad am 19. Januar in Kiew

Nach seiner am Montag abend erfolgten Abschiebung aus der Ukraine will Michail Saakaschwili nach Kiew zurückkehren. »Ich denke, dass wir einen Weg finden werden, das absolut legal zu machen«, sagte er in der Nacht zum Dienstag dem ukrainischen Fernsehsender ZIK.

Saakaschwili stammt aus einer Familie der georgischen Intelligenz; sein Vater war Mediziner und Kurdirektor von Kiew, seine Mutter Professorin für orientalische Geschichte. Er selbst studierte Ende der 1980er Jahre Jura in Kiew; sein Examen fiel mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zusammen. Der heutige ukrainische Präsident Petro Poroschenko war sein Kommilitone.

Nach Ende des Studiums schlug sich Saakaschwili einige Jahre lang mit diversen westlichen Stipendien und Jobs bei NGO durch, bevor er 2000 ein Angebot bekam, in die Regierung des damaligen georgischen Staatspräsidenten Eduard Schewardnadse einzutreten. Mit seinen Kabinettskollegen zerstritt er sich jedoch, ging in die Opposition und gründete mit Unterstützung von Vertretern der US-Demokraten eine »Vereinte Nationale Bewegung«. An deren Spitze organisierte er 2003 die »Rosenrevolution«, eine der ersten »Farbenrevolutionen« des postsowjetischen Raums.

2004 wurde Saakaschwili mit 96 Prozent der Stimmen zum Präsidenten Georgiens gewählt. Er versprach, die Korruption zu bekämpfen und das Land in NATO und EU zu führen. Seine Karriere als prowestlicher Shootingstar erhielt 2008 ihren ersten Knick. Damals versuchte er erfolglos, die abtrünnige Region Südossetien unter georgische Hoheit zurückzuzwingen. Weil seine Armee dabei auch russische Friedenstruppen beschoss, antwortete Moskau mit einer Militäraktion. Der Fünftagekrieg endete mit einer vernichtenden Niederlage Georgiens und damit, dass sich Südossetien und die Schwarzmeerregion Abchasien für unabhängig erklärten. 2012 verlor Saakaschwilis Partei die Präsidentenwahl, und er selbst emigrierte in die USA. In Georgien wurde er Anfang Januar in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren wegen Machtmissbrauchs verurteilt. Auch wohlmeinende Experten werfen ihm Egozentrik und unkontrollierte Emotionalität vor.

Im Frühjahr 2015 erhielt Saakaschwili von Poroschenko das Angebot, Gouverneur von Odessa zu werden, um die multinationale und »prorussische« Hafenstadt auf Linie zu halten. Besondere inhaltliche Erfolge erzielte er nicht, machte sich allerdings mit seinen ständigen Korruptionsvorwürfen keine Freunde in der ukrainischen Politikerklasse. Sein Rücktritt als Gouverneur 2016 wurde nicht das Fanal, als das er sich ihn vorgestellt hatte; im Sommer 2017 entzog ihm Poroschenko die erst 2015 verliehene Staatsbürgerschaft, als sich Saakaschwili im Ausland aufhielt.


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Krieg in der Ukraine Ausländische Einmischung, Putsch und Bürgerkrieg

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