Aus: Ausgabe vom 13.02.2018, Seite 10 / Feuilleton

Sing mit dir selbst im Chor

Selbstreflexionspop, ohne durchzudrehen: »Breaking With Habits« von And The Golden Choir

Von Rafik Will
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Wahnsinn, was Tobias Siebert als And The Golden Choir aus ein bisschen Rumtrommeln so macht

And The Golden Choir ist ein Soloprojekt, das diesen Namen auch verdient. Denn hier steht nur ein einziger Künstler hinter den Songs: Der Berliner Musiker und Musikproduzent Tobias Siebert. Er ist Gitarrist und Sänger der Band Klez.e. Seit den frühen Nullerjahren betreibt er das Studio »Radio Buellebrueck«, wo letztes Jahr unter anderem Bands wie »Gewalt« und »Feine Sahne Fischfilet« aufgenommen haben. Dort hat Siebert auch »Breaking With Habits« eingespielt, sein zweites Album als And The Golden Choir. Das erste war »Another Half Life«. Es war 2015 erschienen, mit einem sehr dogmatischen Konzept, die ganze Musik darauf war analog entstanden.

Auf dem neuen Album darf es auch digital zugehen, es gibt Keyboards und Drumcomputer, Samples und digitale Schnittechnik. Doch Siebert sagt von sich, dass er ein Sammler von alten Instrumenten sei. Wenn man ihn in seinem Studio besucht, führt er einem ein 100 Jahre altes Harmonium vor. Auf »Breaking with Habits« spielt er Autoharp, eine Zither aus der Bluegrass-Musik der USA, und auch ein persisches Hackbrett, denn »das hat irgendwie so eine Traurigkeit in sich, die ich total mag«.

Eine tiefe Traurigkeit wohnt ebenfalls vielen der Songs inne. »Ich glaub, ich bin so ’ne Drama Queen«, meint Siebert. Zerrissen sind auch die hochmodischen Hosen in »The Distressed Jeans« – es geht da um die Schere zwischen Arm und Reich und die Merkwürdigkeit, dass angerissene Hosen zum teuren Fashionstatement geworden sind. Deprimierend wirken die Songs allerdings nie, sie schwelgen nicht in Negativität, sondern sind Ausdruck der literarisch-musikalischen Bewältigung von Sachverhalten, die einen eigentlich runterziehen. Hier werden zum Beispiel Liebes- oder Geldprobleme besungen und dabei aus verschiedenen Perspektiven, die miteinander in Austausch treten, untersucht. Und zwar dadurch, dass Siebert quasi mit sich selbst im Chor singt.

Beim Gesang peilt er als And The Golden Choir die höheren Tonlagen an und löst beim Hören Assoziationen zu so unterschiedlichen Musikern wie Antony and the Johnsons oder Justin Timberlake oder – kleine Zeitreise – die frühen Wishbone Ash aus. Eine große Vielfalt also. Vielleicht rührt die ja daher, dass die Stücke weder text- noch melodiegetrieben sind, sondern allesamt ihren Ursprung im Rhythmischen haben. »Ich fange immer mit Rhythmik an«, sagt Siebert. »Wenn ich ins Studio gehe, habe ich nichts. Ich fang’ dann an, fünf Minuten auf dem Schlagzeug rumzutrommeln, und denke so, okay, nach fünf Minuten könnte das Lied vorbei sein.« Dieser Basisstruktur werden dann nach und nach die anderen Songelemente hinzugefügt. Wahnsinn, was dieser Mann aus ein bisschen Rumtrommeln so macht!

Das Cover ist bildhübsch. Es zeigt Tobias Siebert, wie er schüchtern die Augen niederschlägt, mit Lidschatten und Wimperntusche. Das Durchbrechen von Genderstereotypen ist vor allem für männliche Musiker leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Das ist aber nicht nur ein gesellschaftspolitisches Statement, sondern macht sich auch auf künstlerischer Ebene positiv bemerkbar. Diese Songs sind vielfach interpretierbar. Etwa, wenn in »The Queen of Snow« eine kalte Herrscherin besungen wird. Die muss einem gar nicht äußerlich entgegentreten, sondern kann auch tief im lyrischen Ich versteckt sein, als gefühlskalter Dämon betrachtet werden, der einem immer mal wieder hilft, sich selbst aufs Glatteis zu führen.

Im Studio stellt es natürlich kein Problem dar, alle Gesangs- und Instru­mentenspuren persönlich einzuspielen. Auf der Bühne geht das aber nicht. Deswegen hat Siebert eine Plattensammlung von seinen eigenen Titeln, bei denen immer eine Spur fehlt. So kann er bei Liveauftritten den Plattenspieler anschmeißen und zu seiner eigenen Begleitmusik auftreten. Mit »Breaking With Habits« soll bei den Konzerten nun ein Tonbandgerät zum Setup stoßen.

And The Golden Choir ist ein gutes Beispiel dafür, wie man den komplizierten Prozess der Selbstreflexion schafft, ohne durchzudrehen. Das ist doch mal was!

And The Golden Choir: »Breaking With Habits« (Caroline/Universal)


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