Aus: Ausgabe vom 13.02.2018, Seite 5 / Inland

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Viele Eltern würden ihren Nachwuchs überwachen lassen. »Schutzranzen«-Projekt auf der Kippe

Von Ralf Wurzbacher
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Mit dem Smartphone können die lieben Kleinen bei jedem Schritt verfolgt werden

Viele Eltern können sich vorstellen, ihren Nachwuchs mit Hilfe moderner Trackingtechnologien zu überwachen. Laut einer neueren Umfrage des Marktwächter-Teams der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen lassen sich heute bereits acht Prozent der mehr als 1.000 befragten Mütter und Väter den Aufenthaltsort ihrer Sprösslinge via Smartphone oder Smartwatch übermitteln. Allerdings ziehen 46 Prozent derjenigen, die derzeit ihr Kind nicht auf diese Weise überwachen, die Möglichkeit für die Zukunft in Betracht. Dagegen lehnen 48 Prozent das Vorgehen aus Prinzip ab, insbesondere wegen des starken Eindringens in die Privatsphäre ihrer Kinder.

Die Ortung von Heranwachsenden ist aktuell ein kontrovers diskutiertes Thema. Zuletzt hatte der Verein Digitalcourage in einem offenen Brief den Stopp des Projekts »Schutzranzen« des Unternehmens Coodriver gefordert (jW berichtete). Dabei lässt sich durch einen im Schulranzen integrierten GPS-Tracker sowie eine zugehörige App rund um die Uhr der Standort des ABC-Schützen aufzeigen. Außerdem soll die Technik dem Schutz vor Verkehrsunfällen dienen, indem Autofahrern signalisiert wird, dass sich Kinder in der näheren Umgebung befinden.

Der geplante Test an zwei Wolfsburger Grundschulen wurde inzwischen abgeblasen. Zuvor hatte Niedersachsens Datenschutzbeauftragte Barbara Thiel Bedenken vorgebracht, weil die erhobenen Informationen nicht komplett anonym übertragen und nicht ausreichend gegen den möglichen Missbrauch durch Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook gesichert würden. Zudem sind die früheren Coodriver-Partner Volkswagen und Ranzenhersteller Scout schon im Vorjahr aus dem Projekt ausgestiegen. Dennoch wird auf der Webseite Schutzranzen.com weiterhin mit der Marke geworben.

Auch um den beabsichtigten Pilotversuch an Grundschulen der Stadt Ludwigsburg in Baden-Württemberg gibt es mittlerweile Diskussionen. In der Vorwoche hat der Landtagsabgeordnete Jürgen Walter von der Grünen-Fraktion Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in einer Anfrage aufgefordert, sich mit dem Fall zu beschäftigen und ihre Haltung zu konkretisieren. Bisher seien noch viele Fragen offen, sowohl hinsichtlich des Datenschutzes als auch des »pädagogischen Sinns« der Vorhabens. Oberbürgermeister Werner Spec hatte im September 2017 verkündet, als bundesweit erste Stadt die flächendeckende Verbreitung der Technik erreichen zu wollen. »Sicherlich würden sich viele ›Helikoptereltern‹ freuen, wenn sie ihre Kinder noch besser kontrollieren könnten«, gab nun Grünen-Politiker Walter zu bedenken. Nötig wäre es vielmehr, alles dafür zu tun, die »Schulwege sicherer zu machen«, indem man beispielsweise ein flächendeckendes Radwegenetz schaffe.

Diejenigen Eltern, die sich bei der Marktwächter-Befragung gegen das Tracking von Kindern aussprachen, begründeten das vor allem damit: »Man muss seinen Kindern auch vertrauen können.« Die Hälfte gab an, dass ihr Kind auch ohne eine Standortverfolgung sicher sei. Apropos: Studienleiterin Miriam Rusch-Rodosthenous wies auf einen Test von GPS-Uhren durch norwegische Verbraucherschützer hin. Demnach könne der Standort des Kindes bei einigen Modellen sogar manipuliert werden. »In so einem Fall kann den Eltern ein Ort angezeigt werden, an dem sich das Kind gerade nicht befindet.«


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