Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 6 / Ausland

Die Route des Erdöls

Gegen Venezuela, Kuba, China und Russland: US-Außenminister Rex Tillerson beendet Südamerika-Reise

Von Volker Hermsdorf
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Vor dem Hauptgebäude von Venezuelas Erdölkonzern PDVSA symbolisiert ein Bohrturm den Reichtum des Landes

Nach Visiten in Mexiko, Argentinien, Peru und Kolumbien hat US-Außenminister Rex Tillerson am Mittwoch mit einem kurzen Zwischenhalt in Jamaika seine Rundreise durch Südamerika abgeschlossen. Die rechtskonservativen Regierungschefs der besuchten Länder hatten den Gesandten Donald Trumps überall mit offenen Armen empfangen. Weniger begeistert reagierten die Menschen in den Ländern auf den überall gebetsmühlenartig wiederholten Satz Tillersons, man könne »der Zerstörung der venezolanischen Demokratie nicht länger tatenlos zusehen«. Unter Anspielung darauf, dass Tillerson vor seiner diplomatischen Karriere an der Spitze des Erdölmultis Exxon-Mobil stand, zitierte der lateinamerikanische Nachrichtenkanal Telesur einen Bürger in Jamaikas Hauptstadt Kingston mit den Worten: »Der Exxon-Mann kann mich nicht täuschen.« Es gehe einzig und allein darum, die Regierungen Venezuelas und Kubas zu stürzen. Der frühere Premierminister Percival J. Patterson appellierte in der Tageszeitung Jamaica Observer an die Politiker der Karibikinsel, sich nicht vor Washingtons Karren spannen zu lassen. Die nichtpaktgebundenen Staaten müssten sich sonst fragen lassen, »ob wir unseren Sinn für die internationale Moral« verloren haben.

Der US-Außenminister verfolgte mit seiner Rundreise zu den wichtigsten neoliberalen Verbündeten in der Region vor allem drei Ziele. In erster Linie wollte er sich die Unterstützung der rechten Staatschefs bei einem verschärften Vorgehen gegen die gewählte Regierung in Caracas garantieren lassen. Dass zu Washingtons Planspielen längst die Möglichkeit einer militärischen Intervention gehört, gab Tillerson in mehreren Reden ganz offen und wenig diplomatisch zu. Das zweite Ziel besteht darin, einen Keil in die Front der lateinamerikanischen Länder zu treiben, die sich bislang einheitlich gegen die Blockade Kubas aussprechen. Mit seiner Rolle rückwärts in den Kalten Krieg hatte Trump in der Region zunächst nicht Havanna, sondern abermals die USA isoliert. Tillerson versuchte mit heftigen Verbalattacken gegenzusteuern und forderte einen Systemwechsel auf der Insel, der mit den Wahlen im Frühjahr einsetzen müsse.

Schließlich warnte der US-Außenminister vor dem »wachsenden Einfluss Russlands und Chinas« in der Region. Er bezeichnete die beiden Länder als »räuberische Akteure«, deren Präsenz in Lateinamerika »alarmierend« sei. Tillerson klagte Moskau an, militärische Ausrüstung an »feindliche Regime« zu verkaufen, welche »die demokratischen Werte nicht teilen«. Beijing sei ein »Raubtier«, dessen »staatlich gelenktes Entwicklungsmodell an die Vergangenheit erinnert«. Im Gegensatz zu Russland und China, die der US-Chefdiplomat als »neue imperiale Mächte« bezeichnete, strebe Washington nicht nach »schnellem Gewinn«, sondern wolle eine gegenseitig vorteilhafte Partnerschaft, erklärte Tillerson. Die Regierung in Beijing reagierte ungewöhnlich scharf. Hua Chunying, die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums warf dem US-Außenminister einen »Mangel an Respekt« vor den lateinamerikanischen Ländern vor.

Die kubanische Parteizeitung Granma riet ihren Lesern am Dienstag, der »Route des Erdöls« zu folgen, um die Pläne Tillersons zu verstehen. Laut der im Dezember 2017 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie Washingtons wollen die USA bis 2040 zum wichtigsten Erzeuger von Erdöl und Erdgas werden und zum Zentrum eines Energienetzes, das von Kanada bis Chile reicht. Für die Umsetzung dieser Planung, so die Granma, brauche Washington den Zugriff auf das Öl Venezuelas, dem Land mit den größten Reserven der Welt. Die Zeitung weist darauf hin, dass die USA zwar noch der größte Einzelabnehmer des venezolanischen Öls seien, Caracas seit 2016 jedoch bereits mehr als 50 Prozent seiner Förderung nach Asien exportiere. »Die geopolitische Hinwendung zu anderen aufkommenden Akteuren wie China und Russland macht Washington zu schaffen«.

Bereits am Montag hatte das kubanische Außenministerium offiziell die »Arroganz und Verachtung« angeprangert, die der US-Außenminister auf seiner Reise gezeigt habe. Tillerson strebe eine »Rückkehr zur Monroedoktrin« an, die Lateinamerika als Hinterhof der USA betrachtete. Das sei inakzeptabel und beleidigend. »Unser Kontinent hat unter der demütigenden Herrschaft der USA gestanden, die nur daran interessiert waren, in einer ungleichen Beziehung dessen Ressourcen herauszuziehen«, heißt es in der Erklärung Havannas. Doch die Region habe sich verändert, »es wird nicht mehr so einfach sein, sie in die Knie zu zwingen.«


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