Aus: Ausgabe vom 08.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

»Hoihoo, wir fahren zur Hölle!«

Viel mehr als Parteilyrik: Die Werke der proletarischen Literaturbewegung Japans erzählen eine universelle Geschichte

Von Michael Streitberg
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Keine Schrecken einer überwundenen Vergangenheit: Hunderttausende fühlten sich bei der Lektüre des »Fabrikschiffs« an ihr eigenes Arbeitsleben erinnert

»Wie die Hitze beim Rösten die Bohnen von der Pfanne treibt, so hatte die Heimat sie von sich gestoßen«: Die auf dem schrottreifen Dampfer Hakkomaru versammelten Arbeiter in Takiji Koba­yashis Kurzroman »Das Fabrikschiff« haben sich aus allen Teilen des Landes aufgemacht, um der Armut in ihren Städten und Dörfern zu entfliehen. Sie heuern auf dem Schiff eines Fischereiunternehmens an, um sich beim Krabbenfang vor der Küste Kamtschatkas an der Grenze zu Russland ein wenig Geld zu verdienen. Die erfahreneren unter ihnen ahnen bereits, was sie auf See erwartet: »Hoihoo, wir fahren zur Hölle!«, rufen zwei Krabbenfischer, die an der Reling stehen und auf eine triste Szenerie in der Hafenbucht blicken.

Das Werk, das kurz nach seiner Veröffentlichung verboten wurde, erschien bereits 1929. Takiji Kobayashi wurde daraufhin mehrere Monate ins Gefängnis geworfen. Er wurde nach seiner Entlassung Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei. Am 20. Februar 1933 wurde er von der Geheimpolizei zu Tode gefoltert.

Die Unterdrückung und die Gewalt, die die Fischer und Saisonarbeiter an Bord der Hakkomaru erfahren, sind keineswegs die Schrecken einer glücklich überwundenen Vergangenheit. Nach fast acht Jahrzehnten, im »Finanzkrisenjahr« 2008, katapultierte sich »Das Fabrikschiff«, dessen Originaltitel »Kanikosen« lautet, in die Bestsellerlisten des japanischen Buchhandels. Hunderttausende Leser fühlten sich an ihr eigenes Arbeitsleben erinnert – eines, das heutzutage von Prekarität, Niedriglohn und unbezahlter Mehrarbeit geprägt ist. Erst vor wenigen Monaten unterzeichnete der größte, »sozialpartnerschaftlich« orientierte Gewerkschaftsdachverband Rengo ein Abkommen, das bis zu 100 Überstunden im Monat billigt. Immer mehr Beschäftigte gehen an diesen Verhältnissen buchstäblich zugrunde: Sie werden Opfer von Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung.

Reiche Sprache

Der Wiederentdeckung des »Fabrikschiffs« folgte eine Welle von Eintritten in die Japanische Kommunistische Partei (JCP). Diese ist schon seit langem eher sozialdemokratisch orientiert, und hat nur noch wenig mit der revolutionären Partei aus Kobayashis Zeiten gemein. Dennoch erhofften sich von ihr vor allem jüngere Menschen jene gemeinsame Kraft und Solidarität, die die Arbeiter auf dem Schiff nach und nach entwickeln. Obwohl deren Streik letztendlich scheitert, wird er langfristig zur Stärkung des Widerstands und der Herausbildung eines Klassenbewusstseins beitragen.

Wer den Fischern in die Hölle folgt, wird mit den noch heute allgegenwärtigen Mechanismen kapitalistischer Herrschaft konfrontiert. Asagawa, der Inspektor des Fischereiunternehmens, verprügelt und brandmarkt die Arbeiter, lässt sie elendig ertrinken und spricht von ihnen als »Schweine«. Nur, wenn es gegen die Russen bzw. die junge Sowjetunion geht, deren Fanggründe man sich einverleiben will, wird an den Stolz der »Söhne Japans« appelliert. Doch das bedeutet nicht, dass das Schiff umkehren kann, um Hunderte Arbeiter auf einem anderen Kahn der Fischereiflotte aus Seenot zu retten: »In einem Kampf zwischen zwei Ländern«, so Asagawa, »ist für Gefühlsduselei kein Platz«. Auch ein Schiff der kaiserlichen Armee ist zur Niederschlagung des Arbeitskampfs sofort zur Stelle. Nachdem sie die Soldaten kurz zuvor noch als »unsere Jungens« betrachtet hatten, wissen die Arbeiter bald, wer auf welcher Seite steht.

In Kobayashis Roman verbindet sich der politische Appell eines kommunistischen Schriftstellers auf meisterhafter Weise mit erzählerischem Können. Obwohl die Mitglieder der Besatzung auch ein Tableau gesellschaftlicher Machtverhältnisse bilden, degradiert Kobayashi sie nicht zu archetypischen Platzhaltern ohne psychologische Tiefe. Eine reiche, bildhafte Sprache und ein gekonnter Spannungsaufbau lassen nie das Gefühl aufkommen, die literarische Form diene nur als Mittel zum agitatorischen Zweck.

»Das Fabrikschiff« braucht den Vergleich mit den besten Werken Willi Bredels, Karl Grünbergs und anderer Autoren herausragender Arbeiterliteratur nicht zu fürchten. Dem auf Literatur aus Japan spezialisierten Cass-Verlag ist es zu verdanken, dass der bereits 1958 im Verlag Volk und Welt in der DDR erschienene Roman wieder allgemein zugänglich ist. Die ursprüngliche, gelungene Übersetzung wurde behutsam überarbeitet, zwei seinerzeit nicht aus dem japanischen Original übernommene Seiten (welche die sexuellen Nöte der Männer an Bord beschreiben) wurden hinzugefügt.

Kunst als Waffe

Wer sich nach der Lektüre des »Fabrikschiffs« eingehender mit der im Westen weitgehend unbekannten proletarischen Literaturbewegung Japans beschäftigen will, sollte zu einem im vergangenen Jahr erschienenen englischsprachigen Sammelband greifen. Die Literaturwissenschaftsdozentin Heather Bowen-Struyk und die emeritierte Japanologieprofessorin Norma Field haben mit »For Dignity, Justice and Revolution« ein Werk vorgelegt, dass das Genre in seiner ganzen Bandbreite abbildet.

Im Vorwort und in mehreren informativen Einschüben werfen die Herausgeberinnen Schlaglichter auf den gesellschaftlich-politischen Hintergrund, vor dem die linke Literatur der 1920er und 30er Jahre entstand. Sie beschreiben, wie sich am Morgen des Erscheinungstags der Zeitschrift Kriegsflagge Schlangen vor den Buchläden in Tokio bildeten. Denn jeder wusste, das bis zum Mittag die Polizei da sein würde, um die Hefte zu beschlagnahmen. Der Staat begegnete den Schriftstellern – wie der gesamten sozialistischen und kommunistischen Bewegung – mit erbarmungsloser Härte. Um ins Gefängnis geworfen zu werden, konnte es schon genügen, als Teilnehmerin an der Totenwache für Takiji Kobayashi identifiziert zu werden. Die Autorinnen und Autoren verstanden sich als Teil der Weltrevolution: Der wichtigste Dachverband revolutionärer Kulturschaffender gab sich einen Namen in Esperanto, um den Internationalismus der Bewegung zu betonen.

Die insgesamt 40 Beiträge des Bandes sind nach thematischen Schwerpunkten geordnet. Diese tragen Titel wie »Das Private ist politisch« oder »Kunst als Waffe«. Charakterisierungen sämtlicher vertretener Autoren fehlen ebensowenig wie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Neben zahlreichen Kurzgeschichten sind auch literaturtheoretische Schriften versammelt. Kobayashi reflektiert darin etwa über das Schreiben einer Kurzgeschichte. Er merkt an, diese dürfe nicht den Eindruck eines Romans erwecken, von dem man einfach Anfang und Ende abgeschnitten habe. Auch ruft er zum Lernen von den europäischen Meistern der Gattung auf. Eine Autorin kritisiert ihre Kinderliteratur schreibenden Genossen: Diese hätten kein Gespür dafür, wie ihre potentiellen Leser fühlten und dächten. Sie würden schlicht versuchen, Kinder mit politischer Theorie vollzustopfen, die sie in die Form von Geschichten gössen. Eine solche Literatur vermöge es jedoch nicht, junge Leser mitzureißen.

Solche Debatten, merken die Herausgeberinnen an, zeigten die Vielfalt der thematischen und stilistischen Ansätze innerhalb der Bewegung. Sie widerlegten jene Literaturwissenschaftler, die die Werke der Bewegung in Japan und anderswo auf der Welt als stumpfe Parteilyrik ohne literarischen Wert abtun.

Materielle Gewalt

Es fällt tatsächlich schwer, unter den vielen gelungenen Beiträgen einen herauszugreifen. Zweifelsohne zählt jedoch die Kurzgeschichte »Gebet« der Autorin Ineko Sata zu den Höhepunkten des Bands. Sie spielt vor dem Hintergrund erbitterter Arbeitskämpfe in der Fabrik Toyo Muslin in Tokio, an der sich in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren Tausende weibliche Beschäftigte beteiligten. Eine gläubige Christin, für die die Beteiligung am Streik Züge einer Sünde trägt, will ihr Schicksal ganz in die Hände Gottes legen: »Wenn dir die Suppenschüssel aus der rechten Hand gerissen wird, halte auch die Reisschüssel in der linken Hand hin.« Nach und nach gerät sie jedoch in Konflikt mit einer Auslegung des Christentums, die »keine materielle Gewalt« sein kann und will. Da die Kirchenleute für die gegen ihre Entlassung kämpfenden Kolleginnen nichts übrig haben als schöne Worte, wachsen ihre Zweifel. Am Ende findet sie sich schließlich inmitten Hunderter weiterer junger Frauen wieder, die gegen ihre Bosse und die »sozialpartnerschaftliche« Gewerkschaftsführung zu Felde ziehen. Denen an ihrer Seite, die sie und ihre Glaubensgenossinen wenige Tage zuvor noch verspottet und als Streikbrecherinnen beschimpft hatten, fühlt sie sich in diesem Moment ganz nah.

Takiji Kobayashi: Das Fabrikschiff. Aus dem Japanischen von Alfons Mainka, Cass-Verlag, Berlin 2012, 112 Seiten, 9,80 Euro

Heather Bowen-Struyk/Norma Field: For Dignity, Justice and Revolution. An Anthology of Japanese Proletarian Literature. University of Chicago Press, Chicago und London 2016, 442 Seiten, ca. 30 Euro

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