Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Hände weg vom Döner!

Sozial unverträglich: EU-Parlamentsausschuss empfiehlt Verbot des phosphathaltigen Imbissbestsellers

Von Gerrit Hoekman
Junkfood oder Delikatesse: Dönerspießproduktion in Berlin
Junkfood oder Delikatesse: Dönerspießproduktion in Berlin

Am vergangenen Mittwoch ereilte uns die Nachricht, der Umweltausschuss im EU-Parlament wolle den Döner verbieten. Der Grund: Den Fleischspießen wird Phosphat zugesetzt, ehe sie tiefgefroren werden. Nach Ansicht von Ärzten sei der Stoff nicht gesund. Also erst einmal Luft holen: Was bedeutet das?

Käme ein Verbot, müssten die Spieße direkt am Ort des Verkaufs/Verzehrs hergestellt werden, um ein Einfrieren zu vermeiden. Das klingt, als würde man von Frittenbuden verlangen, das Brät der Currywurst erst vor den Augen der Kunden in den (gelegentlich verwendeten) Darm zu drücken. Der Gesundheitsausschuss des Parlaments relativierte den Plan wenig später: Vor einer Entscheidung müsse noch eine Studie abgewartet werden, die Ende 2018 vorliegen soll.

Doch die Nachricht war schon raus und hat – milde ausgedrückt – Unmut ausgelöst. »Ein Verbot von Phosphaten bei nicht verzehrfertigen Halbfertigerzeugnissen führt mangels Substitutionsprodukten faktisch zum Erliegen der Dönerproduktion in der EU«, zitierte Die Welt am vergangenen Donnerstag aus einem Papier des deutschen Fachverbands der Gewürzindustrie an die EU-Parlamentarier. Das Aus für Tausende wenn nicht Zehntausende Dönerbuden in der EU. Es kursiert die Zahl von 110.000 bedrohten Arbeitsplätzen.

Die Angelegenheit erhält zusätzliche Brisanz, weil davon vor allem eine Bevölkerungsgruppe betroffen wäre: Türken oder Deutsche mit türkischen Wurzeln. Das Problem: »Viele Dönerimbissbetreiber wählen diese Branche aus der Not heraus«, sagte Ertan Celik in einem Interview mit Zeit online am 2. Oktober.

Gemeinsam mit seinem Bruder Oyhan führt der Hamburger die Großfleischerei Celik Döner GmbH. »Wir stellen 50.000 Portionen (…) am Tag her«, sagte Celik im Interview. Der Umsatz der Firma habe sich im letzten Jahr auf acht Millionen Euro belaufen. Die kurdische Familie kam einst zum Zwecke der »Gastarbeit« nach Deutschland, inzwischen besitzen die Brüder nur noch einen deutschen Pass. Ein Dönerverbot würde sie ihrer Existenzgrundlage berauben und einigen Dutzend Beschäftigten den Job kosten.

Auch neuer Ärger mit Ankara wäre programmiert, ausgerechnet jetzt, wo sich die Wogen der vergangenen zwei Jahre anscheinend etwas geglättet haben. Ein solcher Beschluss wäre Wasser auf die Mühlen von Präsident Recep Tayyip Erdogan, wieder eine Art Beweis, dass die Europäer keinen Respekt vor der türkischen Kultur haben. Dabei wird ihm egal sein, dass der Döner Anfang der 1970er Jahre von Berlin aus seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat, nicht etwa aus Anatolien.

Vielen Betreiber der Imbißstände würde ein Verbot wie Schikane vorkommen. Während die Deutschen Bratwurst essen dürfen, bis ihnen die nachgewiesen krebserregenden Nitrite aus den Ohren kommen, soll es dem Döner wegen des Phosphats an den Kragen gehen, weil der Zusatz auf Dauer zur Schädigung der Nieren und zu Herz-Kreislauf-Krankheiten führen kann. Allerdings müsste die EU dann auch Cola und Kartoffelchips verbieten, auch diese Produkte enthalten Phosphat. Zur Erinnerung: Erst am Mittwoch erlaubte die EU den Einsatz des scharf kritisierten, weil vermutlich krebserregenden Düngemittels Glyphosat für fünf weitere Jahre.

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