Aus: Ausgabe vom 01.12.2017, Seite 2 / Inland

»Richter ließ rechte Claqueure gewähren«

Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck wurde am Mittwoch zu 14 Monaten Haft verurteilt. Ein Gespräch mit Manfred Hilbrink-Späth

Interview: Anselm Lenz
Prozess_gegen_Ursula_55444806.jpg
Die wegen Volksverhetzung angeklagte Ursula Haverbeck sitzt am 23. November 2017 im Verhandlungssaal im Landgericht in Detmold (Nordrhein-Westfalen)

Sie haben alle Prozesse gegen Ursula Haverbeck mitverfolgt. Nun könnte man sagen, sie ist einfach eine alte Faschistin, und man sollte keine Märtyrer schaffen. Warum steht sie trotzdem vor Gericht?

Das hat sich in diesem Prozess selbst gezeigt. Frau Haverbeck hat bereits eine große Anhängerschar und ist in dieser Szene zu einer Art Ikone geworden. Und deswegen ist es so wichtig, dass man die Öffentlichkeit darauf aufmerksam macht, was da passiert in dieser Szene – und klarmacht, dass es nicht geduldet wird.

Einige Ultrarechte scheinen die Gerichtsverhandlungen zu genießen.

Ja, sie genießen es, und auch Frau Haverbeck genießt es. Sie nutzt die Gerichtsverhandlungen als Bühne. Was jetzt an dem Prozess in Detmold so schlimm war, ist, dass der Richter diese rechten Claqueure einfach gewähren ließ.

Wie haben die sich geäußert?

Es waren etwa 70 vollbesetzte Sitzplätze im Gerichtssaal für das Publikum. Darunter waren nur etwa zehn Personen wahrscheinlich nicht der rechten Szene zugehörig. Der Rest setzte sich zusammen aus Reichsbürgern, der Partei »Der III. Weg« und anderen. Alles, was die rechte Szene so hergibt, war vertreten und bundesweit angereist. Das war ein bedrückendes Gefühl für Leute, die nicht dieser Szene angehören. Wie sehr diese im Saal in der Minderheit waren, fiel auf, als die Rechten mit Beifallskundgebungen kamen. Das Gejohle ging los, als Frau Haverbeck den Gerichtssaal betrat. Sie bekam sogar Szenenapplaus für ihre Ausführungen, in denen sie wiederum den Holocaust geleugnet hat im Gerichtssaal. Es wurde nicht vom Richter unterbunden. Das ging fünf-, sechsmal so.

Haverbeck sagte auch bei Gericht wieder, für den Holocaust fehlten angeblich »die Leichen und die Obduktionsbefunde«.

Das ist eigentlich immer dasselbe. Es geht ihr nicht um die Wahrheit, sondern um Rache. Sie spricht auch vom »jüdischen Jahrhundert« und meint damit letztlich die gesamte Moderne. Sie leugnet zudem alle wissenschaftlichen Tatsachen.

Was ist Ihr Resümee nach dem Gerichtsverfahren? Wie geht es weiter?

Es sind ja noch einige Prozesse anhängig, in Hamburg und in Berlin. Sie will allerdings hier in Detmold in Revision gehen. Ich denke, die Justiz muss jetzt auch mal zeigen, dass sie sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Haverbeck muss eigentlich ins Gefängnis, auch wenn sie 89 Jahre alt ist. Ich finde, das wäre ein wichtiges Signal.

Die Holocaustleugner zweifeln nicht nur, sie wollen das für die deutsche Gesellschaft so wichtige Gedenken an das Verbrechen eliminieren, um dann eine Art »Wiedergeburt der Nation« zu feiern.

Das ist ja immer noch so ein Hindernisgrund für die Rechten, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Es gibt aber nicht nur Holocaustleugner, die stumpf leugnen. Es gibt jetzt Leute in der neuen Rechten wie etwa Björn Höcke oder die »Identitären«, von denen die Leugnung mehr umschrieben und intellektualisiert wird. Sie wollen das Verbrechen in die allgemeine Historie einebnen als einen Punkt unter vielen. Aber für uns ist es eben ein besonderer Punkt. Antisemitismus und Rassismus gibt es zwar auf der ganzen Welt. Aber nirgendwo wurden sie so akribisch und mörderisch umgesetzt wie in Deutschland. Das darf man nicht vergessen.

Die Sache ist eindeutig. Aber unternehmen wir noch mal in aller Kürze den Versuch. Wo finden sich die von Haverbeck angeblich vermissten Beweise?

Wir haben während des Prozesses gegen Reinhold Hanning hier in Detmold den Arbeitskreis »Gegen das Vergessen« gegründet. Hanning war einer der letzten lebenden Nazischergen, die in Auschwitz ihr Unwesen getrieben haben. Im Gerichtsprozess sind 2016 nochmals Überlebende, Augenzeugen und Wissenschaftler zu Wort gekommen und Beweise vorgelegt worden. Es ist vielfach bewiesen, was in Auschwitz passiert ist. Wir haben uns auch mit Wissenschaftlern auseinandergesetzt und das Thema von verschiedener Seite beleuchtet. Vor vier Wochen haben wir eine weitere Studienreise nach Auschwitz gemacht, wo auch wieder ganz klar deutlich wurde, wieviel Wert die SS darauf gelegt hat, Spuren zu verwischen – auch das ist bewiesen. Es gab die SS-Einheit 1005, die in Auschwitz Leichen ausgegraben und verbrannt hat. Doch die sowjetischen Truppen kamen etwas zu schnell, und der Holocaust ist zu umfangreich, als dass die Nazis die Spuren hätten ganz verschwinden lassen können.

Und die Ermordeten fehlten, wo sie zuvor gelebt hatten.

Richtig. Die Menschen fehlen.

Manfred Hilbrink-Späth ist Elektriker in Rente in Lage (NRW). Er arbeitet im Arbeitskreis »Gegen das ­Vergessen«


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland
  • Der Bau von »Stuttgart 21« wird teurer und dauert länger. Zusätzliches Geld fehlt an anderer Stelle
  • Auf Abbau bei Siemens reagierte die IG Metall bisher mit Protesten. Nun deuten sich Gespräche an
    Johannes Supe
  • Hamburger Bürgermeister will in die Bundespolitik – und lässt gegen osteuropäische Obdachlose vorgehen
    Kristian Stemmler
  • Kasseler Konferenz zu Militarisierung von NATO und EU. Zuvor werden Whistleblower geehrt
    Franziska Lindner
  • Bundesagentur für Arbeit verkündet Beschäftigungswunder. Dabei breiten sich Zeitarbeit und Armut weiter aus
    Susan Bonath
  • Kirche beansprucht mehr Raum im Leipziger Hochschulgebäude Paulinum. Dagegen regt sich Widerstand. Gespräch mit Jana Adler
    Gitta Düperthal