Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 16 / Sport

Die Preußen kommen

Von André Dahlmeyer
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Ein Hauen und Stechen: Argentiniens Darío Benedetto (2. v. r.)

Einen wunderschönen guten Morgen! Die Boca Juniors haben am Sonntag die Einstellung eines Ligarekords verpasst. River Plate gewann 1991 die ersten neun Saisonspiele hintereinander, bei Boca wurden nun acht in den Schulkladden vermerkt. Der neunte Streich der »Xeneizes« wollte im Stadion »Bombonera« (Pralinenschachtel) gegen den Racing Club partout nicht gelingen.

Fünf Abgesandte von Borussia Dortmund hatten sich einen eigenen Balkon gemietet, um Darío Benedetto (argentinischer Torschützenkönig und Nationalspieler) und Lautaro Martínez (Juniorennationalspieler mit Chancen für die WM in Russland nominiert zu werden) zu »beobachten«. So was hat man in Argentinien ja gar nicht gerne. Jedes Telefon wird überwacht, jeder Computer ist angezapft. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend Geheimdienste, die ihre Kohle an den Grenzen des ehemaligen Einwanderungslandes machen, mit Schmuggel und illegalen Beschlagnahmungen, und ansonsten den »inneren Feind« bekämpfen, diesen zähen Tausendfüßer. Und jetzt kommen auch noch die von Preußen Dortmund und wolln en bissken mitspielen. Ad hoc verspürt man Lust, ihnen den Rücken zuzuwenden, und über die Gästetribüne in den ekelhaften Río Riachuelo zu pinkeln, aber Gästefans sind in Argentinien zur Gewaltreduktion ja seit Jahren nicht zugelassen, auch keine, die mal aufs Klo müssen. Die Tribüne ist leer und verwaist, und die Pseudoordner stammeln einem unschöne Dinge entgegen, die sie für Flüche halten, weshalb sie sich dabei ständig bekreuzigen. Wenn ich eine Stinkbombe dabei hätte, würde ich sie in den piekfeinen Balkon der Preußen geworfen haben.

Ich habe aber keine dabei. Außerdem haben die von Boca gegen solche wie mich längst vorgesorgt. Sie pferchen uns auf der ultrasteilen Kurvenseite zusammen, wo wir, wenn es die Pyrotechnik zulässt, eine hervorragende Aussicht auf die linke Gegengerade haben, die ausschließlich aus VIP-Lounges besteht. Dort wirft sich die Schickeria in einem Affentempo perlmuttfarbene Kanapees ein, während sich bei uns in der Kurve der Speichel staut. Die ersten hängen in Klappbetthaltung über den Wellenbrechern – Kollateralschäden. Mittlerweile raucht es dann aber doch ganz gewaltig. Durch den blau-güldenen Nebel erkenne ich einen Zeppelin, der über dem Rasenrechteck kreist und auf dessen Schweif eine Botschaft steht. Sie ist von Sicherheitsministerin Patricia Bullrich. Es wird behauptet, dass unter deren Knute keine Straftäter mehr in argentinische Stadien gelangen. Patricia weiß nicht, was ich weiß, und steht nicht, wo ich stehe. Ich stehe angeklebt an einen Kollateralschaden. Die Zunge des Ohnmächtigen streichelt fast den Beton. Würde man Zunge und Beton mit einem bolivianischen Bahnschwellennagel zusammenführen, wäre das Kunst. In Dortmund würden sie ein Schweinegeld dafür hinblättern. Ganz sicher in Düsseldorf. Ich bin eingekreist von Barras, die vom Blech rauchen. Einer reicht mir eine Ladung rüber. Ich habe keine Ahnung, wo sich meine Hände befinden. Spüren kann ich sie schon länger nicht mehr.

Lautaro Martínez knallt die Pille gegen den Innenpfosten, nulleins. Darío Benedetto gleicht per Strafstoß für Boca aus. Ein einziges Hauen und Stechen. Benedetto muss vom Platz. Komplizierter Kreuzbandriss im Knie. Nationalcoach Jorge Sampaoli macht in einem nicht weiter lokalisierbaren Glockenturm auf Rumpelstilzchen und Augusto Solari den Eins-zu-zwei-Siegtreffer für die Gäste. Ich bin Independiente-Fan. Wir hassen Boca und River, aber Racing, das geht gar nicht.


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