Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 15 / Antifa

»Betroffene organisierten sich«

30 Jahre Antifa in Ostdeutschland: Auf einer Tagung in Potsdam wird Bilanz gezogen. Ein Gespräch mit Christin Jänicke

Von Lothar Bassermann
2080j.jpg
Demonstration am 23. Juni 1990 gegen ein von Neonazis besetztes Haus in der Weitlingstraße in Berlin-Lichtenberg

Sie sind Mitherausgeberin des Buches »30 Jahre Antifa in Ostdeutschland«, das bereits im Frühjahr erschienen ist. Die gleichnamige Tagung Anfang Dezember in Potsdam organisieren Sie mit. Woher rührt Ihr Interesse an dem Thema?

In den vergangenen Jahren sind in der Bundesrepublik einige Bücher zur Geschichte der Antifa erschienen. Behandelt wird darin die westdeutsche Seite. Eine Bestandsaufnahme und Analyse ostdeutscher Perspektiven und Besonderheiten, die mit dem Leben und der Sozialisation in einem sich als antifaschistisch verstehenden Staat zu tun haben, waren randständig oder fehlten gar komplett. Biographische Zugänge von Antifas wie etwa prägende Erfahrungen mit Nazigewalt und Bedrohung, waren im Osten oft andere als im Westen. Unser Buch hat neue Fragen aufgeworfen und Diskussionen angeregt. Wir greifen sie in der Tagung auf und bringen kritische Wissenschaft, Aktive und andere Interessierte zusammen. Wir wollen damit den Mängeln bei der Weitergabe von Wissen begegnen, Reflexion der eigenen Praxis und selbstkritische Diskussionen anstoßen.

Aus welchem Anlass entstanden Antifagruppen ab 1987 in der damaligen DDR?

Das nahm seinen Anfang schon zu Beginn der 1980er Jahre. Es waren Wahrnehmungen insbesondere bei Punks, dass es ein wachsendes Problem mit Neonazis und Rassismus in der DDR gibt. Besonders deutlich wurde dies beim Fußball und hier vorwiegend beim Berliner Fußballclub Dynamo (BFC) sowie Dynamo Dresden. Wir wissen heute, dass damals Neonazis begannen, sich zu organisieren und dass rassistische Gewalt in der DDR zunahm. Betroffene organisierten sich deshalb und begannen, sich selbst zu verteidigen. In Potsdam, Halle, Dresden und Berlin fanden sich erste antifaschistische Gruppen zusammen. Die Perspektiven von Migrantinnen und Migranten spielten dabei leider keine wahrnehmbare Rolle. Das war auch Thema bei den Diskussionen rund um unser Buch.

www.afa-ost.de
Tagungsplakat

Wieso ist über das Thema bis heute so wenig bekannt?

Von rechter Gewalt Betroffene und Gefährdete hatten in der DDR keine Lobby. Sie machten zwar immer wieder auf das Problem aufmerksam, beispielsweise 1983, als ein Kranz mit dem Spruch »Nie wieder Faschismus – Punks aus Berlin« an der Neuen Wache in Berlin niedergelegt wurde, nachdem dies auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen durch ein Polizeiaufgebot verhindert worden war. Einer größeren Öffentlichkeit wurde die Problematik aber erst bewusster, nachdem am 17. Oktober 1987 Neonazis ein Konzert in der Berliner Zionskirche angegriffen hatten. Bis dahin hatten Behörden, Medien und Politik solche Vorgänge eher unter der Decke gehalten. Nach dieser Attacke kam es zu einem Gerichtsprozess und einer öffentlichen Debatte.

Mit der Tagung versuchen Sie, einen Bogen von 1987 bis in die Gegenwart zu spannen. Wie setzen Sie das um und was sind hervorhebenenswerte Programmpunkte?

Eröffnet wird die Konferenz mit einer Podiumsdiskussion, auf der es um die Beweggründe antifaschistischen Engagements in der DDR geht, zum Beispiel die Empörung über Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus. In Workshops und Diskussionsrunden geht es um die Erfahrungen und das Wissen damaliger Aktivistinnen und Aktivisten. Dabei werden unterschiedliche Perspektiven und verschiedene Zeiträume beleuchtet. Wir haben ein vielfältiges Programm, das sich mit Aspekten antifaschistischen Engagements in den letzten 30 Jahren auseinandersetzt. Diskutiert wird etwa über Subkultur und Freiräume, Erinnerung und Gedenken oder die Verbindung von Antifaschismus und Feminismus. Außerdem blicken wir auf die Pogrome von Hoyerswerda bis Heidenau. Wer eine Pause braucht, kann sich themenbezogene Filme anschauen, lesen – oder es sich mit anderen beim Kaffee im Pausenraum gemütlich machen. In der Vorbereitungsgruppe sind sowohl jüngere als auch ältere Aktivistinnen und Aktivisten. Auch Referierende sowie Diskutantinnen und Diskutanten lassen spannende Tage erwarten.

Christin Jänicke ist Sozialwissenschaftlerin in Berlin

Die Tagung »30 Jahre Antifa in Ostdeutschland« findet am 1. und 2. Dezember in Potsdam statt. Programm und Anmeldung: www.afa-ost.de

Das Buch »30 Jahre Antifa in Ostdeutschland – Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung«, herausgegeben von Christin Jänicke und Benjamin Paul-Siewert, ist im Mai im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen (208 Seiten, 20 Euro)

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Der rechte Rand Alte Wurzeln, heutige Strategien

Ähnliche:

Mehr aus: Antifa