Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 6 / Ausland

Ein Veränderer

Der langjährige Präsident der irisch-republikanischen Sinn Féin, Gerry Adams, hat seinen Rückzug angekündigt

Von Uschi Grandel
RTS1KJ9G.jpg
Gerry Adams beim Sinn-Féin-Parteitag am Samstag in Dublin

Im nächsten Jahr feiert Gerard »Gerry« Adams seinen 70. Geburtstag. Er ist der weltweit bekannteste Vertreter der irisch-republikanischen Bewegung und seit 1983 Präsident der irischen Sinn Féin. Am Samstag gab er auf deren Parteitag in Dublin vor 2.500 Delegierten und Gästen bekannt, sich im nächsten Jahr aus seinem Amt als Präsident von Sinn Féin zurückzuziehen und nicht mehr für das Parlament in Dublin zu kandidieren.

Der Schritt kam nicht unerwartet. Gemeinsam mit dem im März unerwartet verstorbenen Martin McGuinness hatte Adams den Wechsel an der Führungsspitze von langer Hand geplant. Er habe sich »immer als Teamplayer und Teambuilder gesehen« sagte er in seiner Rede, die der staatliche irische Fernsehsender RTÉ live übertrug.

Gerry Adams wurde 1948 in einen nordirischen Staat hineingeboren, den Großbritannien 1921 gegen den Willen der Bevölkerung künstlich geschaffen und vom Rest Irlands abgespalten hatte. Die herrschende probritische Elite verweigerte der irischen, meist katholischen Hälfte der Bevölkerung Arbeit, vernünftige Wohnungen und jede Art politischer Mitsprache. Sie schürte einen protestantischen Rassismus, der sich immer wieder in antikatholischen Pogromen entlud. Als die Situation Ende der 1960er Jahre explodierte und die Unterdrückung der Bürgerrechtsbewegung durch nordirische Polizei und britische Armee in einen bewaffneten Konflikt zwischen den Streitkräften und der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) mündete, war Adams bereits einer, auf dessen Rat man hörte. Sinn Féin war bis 1974 eine verbotene Partei, und der damalige Bürgerrechtsaktivist Adams landete bald im Untergrund und mehrere Male in Internierungslagern. Der Konflikt schien unlösbar, erst recht, nachdem 1981 im nordirischen Hochsicherheitsgefängnis Maze zehn republikanische Gefangene im Hungerstreik starben. Aber der Kampf um Solidarität mit den Inhaftierten erreichte eine gewaltige Dynamik. In beiden Teilen Irlands wurden IRA-Aktivisten noch während ihres Hungerstreiks in die jeweiligen Parlamente gewählt.

Als Adams 1983 Präsident von Sinn Féin wurde, verkündete er »über die Kultur des Widerstands hinaus« als neue Form »den Kampf um die Veränderung der Gesellschaft«. Heute ist Sinn Féin in den Parlamenten vertreten, hat aber ihre Präsenz auf der Straße und ihre Fähigkeit, Massenproteste zu organisieren, nicht nur nicht verloren, sondern weiterentwickelt.

Dieser politische Weg war und ist ihren Gegnern ein Dorn im Auge. Zwanzig Parteiaktivisten wurden von probritischen Paramilitärs ermordet. Auch Adams wurde 1984 bei einem Attentat schwerverletzt. Und seit Jahren versuchen herrschende Parteien und Medien im Süden Irlands, den Parteichef durch Schmutzkampagnen zu dämonisieren.

Am Zustandekommen des Friedensvertrags von 1998, der den bewaffneten Konflikt beendete, war Gerry Adams maßgeblich beteiligt. Schon Jahre zuvor hatte er in Gesprächen mit Alex Reid und John Hume Wege zum Frieden ausgelotet. Das Karfreitagsabkommen, wie der Vertrag genannt wird, beendete allerdings nicht den Konflikt, aber seine militärische Phase. Es enthält einen Plan für eine radikale Demokratisierung Nordirlands und ermöglicht die friedliche Wiedervereinigung der beiden Teile Irlands. Adams nennt den Friedensprozess deshalb »einen unserer wichtigsten Erfolge«.

Ausgefeilt wurden solche Strategien nie im Alleingang. Die irisch-republikanische Bewegung ist eine internationalistische Bewegung mit weltweiter Vernetzung. Bekannt ist die enge Verbindung zur baskischen linken Unabhängigkeitsbewegung. Nach dem Tode Nelson Mandelas war Gerry Adams auch zur internen Gedenkveranstaltung des ANC eingeladen. Die Botschafter von Kuba und Palästina sind regelmäßige Gäste auf den Parteitagen.

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Sunday, Bloody Sunday Nordirlands langer Weg zum Frieden

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Simbabwes entmachteter Präsident erklärt »freiwilligen« Rücktritt
  • Ecuadors Expräsident will am Freitag nach Quito zurückkehren. Regierungspartei droht Spaltung
    Volker Hermsdorf
  • Russland spielt im Syrien-Konflikt seinen Vorteil aus, um ein Ende des Blutvergießens zu erreichen
    Karin Leukefeld
  • Unter Matteo Renzi kungelt Italiens Demokratische Partei mit Berlusconi. Als Opposition präsentieren sich die »Fünf Sterne« von Beppo Grillo
    Gerhard Feldbauer