Aus: Ausgabe vom 17.11.2017, Seite 7 / Ausland

Bildung für den Klassenkampf

Eine Bildungskonferenz in Brasilien widmet sich dem Nachklang sozialer Kämpfe. Ideologischer Druck auf Lehrende nimmt zu

Von Matthias István Köhler
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Die Gewerkschaft CUT veranstaltet am 10. November eine öffentliche Anhörung zur »unparteiischen Bildung«

Was haben Bildung und Klassenkampf miteinander zu tun? Forschungsgruppen aus ganz Brasilien kamen vom 7. bis 10. November in Teresina, der Hauptstadt des Bundesstaates Piaui im Nordosten des Landes, zusammen, um über diese Frage zu diskutieren.

Als die Konferenz mit etwas Verspätung in der Bibliothek der Universität um halb sieben abends eröffnet wird, ist es draußen bereits dunkel, die Temperaturen liegen bei angenehmen 35 Grad. Die wissenschaftliche Konferenz beginnt mit einem kulturellen Programm. Der Chor der Bewegung der landlosen Arbeiter (MST) singt über die Bedeutung des Kampfes um Land. Dann marschieren die Aktivisten der Gruppe ein, sie rufen »Putschisten! Faschisten! No pasarão!« Auf der Bühne stellen sie den Kampf mit der Regierung, mit den multinationalen Unternehmen szenisch dar und rufen zur Solidarität von Ureinwohnern, Land- und Industriearbeitern auf.

Vor der Bibliothek stehen Studenten in Che-Guevara-T-Shirts. Sie scharen sich um einen Büchertisch, den das 2012 gegründete und in Maceió ansässige Georg-Lukács-Institut aufgebaut hat. Neben Büchern des marxistischen Philosophen aus Ungarn, darunter dessen Gesprächsband mit Hans Heinz Holz und Wolfgang Abendroth, wird das Jahrbuch des Instituts verkauft. Das Denken des ungarischen Philosophen bietet für die meisten Vorträge das theoretische Fundament. Er ist hier ein Klassiker. Das überrascht angesichts der Tatsache, dass Lukács in Europa gegenwärtig neu entdeckt wird. Während in Deutschland etwa aber immer noch vor allem »Geschichte und Klassenbewusstsein« als Inspirationsquelle gilt, steht hier im Mittelpunkt das in Deutschland kaum wahrgenommene Spätwerk Lukács’, die »Ontologie des gesellschaftlichen Seins«. Auch der Name des kürzlich verstorbenen Lukács-Schülers István Mészáros fällt oft. So in dem Vortrag von Helena Freres aus Ceará. Wie Mészáros geht auch Freres von einer »strukturellen Krise« des Kapitals aus. Unter den gegenwärtigen Bedingungen stehe Wissen fast absolut im Dienst des militärisch-industriellen Komplexes. Anstatt für die Befreiung des Menschen, werde sie für die Entwertung der menschlichen Umwelt verwendet. Valdemarin Coelho kritisiert in seinem Vortrag die Bildungsprogramme der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Armut. Sie mystifizieren Armut, so Coelho, indem sie so tun, als wäre mangelnde Bildung die Ursache von Armut. Dass es das Kapital selbst sei, das seine Armen immer wieder produzieren müsse, um überleben zu können, werde verschwiegen.

Die beiden sind Mitglieder der Forschungsgruppe Arbeit, Bildung und marxistische Ontologie (GPTOM). »Konkret stellen wir uns die Frage, wie Bildung etwas zum Klassenkampf und letztlich zur Emanzipation des Menschen beitragen kann«, erklärt Susana Jimenez, die an der Universität in Fortaleza, im Nachbarbundesstaat Cereá unterrichtet. Die Bedingungen für die Wissenschaften hätten sich seit dem Putsch Michel Temers allgemein verschlechtert. Nicht nur finanziell. Es gibt noch eine andere Sache, die den Forschern Sorge bereitet: »Escola sem Partido«, Lehrer sollen zu unparteiischer Bildung verpflichtet werden. Gegen Deribaldo Santos, der auf der Konferenz zur Lukácsschen Ästhetik vorträgt, wurde von einem Studenten bei der Universitätsleitung Beschwerde eingelegt. Santos hätte sich insgesamt zu kritisch gegenüber Kapitalismus, aber nicht kritisch genug gegenüber Kommunismus geäußert.

Konflikthaft ist aber auch die Beziehung zu Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Die Initiative für die Forschungsgruppe geht zurück auf das Jahr 1993. Mit der Gewerkschaft CUT sollten gemeinsam Bildungsprogramme für Arbeiter konzipiert werden und letztliche ein Art Volksuniversität geschaffen werden. Die Forschungsgruppe blickte jedoch mit Argwohn auf die Gewerkschaften, die sich zunehmend markt- und staatsorientiert zeigten. Jimenez und ihre Gruppe wollte mit den Arbeitern in Seminaren über Politische Ökonomie und Geschichte der Arbeiterbewegung in Brasilien und der Welt diskutieren, die Gewerkschaft dagegen Qualifizierungsprogramme und Fortbildungen. 2000 dann trennten sich die Wege. Die Vorstellungen dessen, welche Art von Wissen vermittelt werden sollte, waren zu unterschiedlich.

»Wissen ist zu einer Angelegenheit der Eliten geworden. Arbeiter sollen nur noch die nötigen beruflichen Fähigkeiten haben. Wollen sie teilhaben an den Errungenschaften der Künste und Wissenschaften, wird das als Respektlosigkeit gewertet«, so die Gruppe. Dies sei ein grundsätzliches Problem in der Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften. Aber auch mit MST, der größten und wichtigsten sozialen Bewegung in Lasteinamerika. Sie arbeiten in bestimmten Programmen zusammen, es gibt jedoch Meinungsverschiedenheiten. Ein Streitpunkt ist das Thema »kulturelle Identität«, die innerhalb der Studienkreise von MST propagiert werde. »Die Schüler sollen zwanghaft die Identität eines Menschen verinnerlichen, der kein eigenes Land bearbeiten kann. Kulturelle Identität, der Respekt vor den kulturellen Wurzeln, das ist alles in Ordnung, aber doch als Ausgangspunkt, nicht als Ziel«, erklären die Wissenschaftler.

Es sei schon ein wenig widersprüchlich, dass man derartige Differenzen mit MST und den Gewerkschaften habe, meint Jimenez am Ende des Gesprächs mit der jungen Welt. »Aber wir wollen nun mal revolutionäres Bewusstsein vermitteln.« Es ist ein klassischer Widerspruch, den sie formuliert. Lukács hatte ihn in »Geschichte und Klassenbewusstsein« als dialektisches Verhältnis zwischen prolatarischem Bewusstsein an sich und für sich beschrieben und daraus seinen Begriff der Verdinglichung entfaltet.

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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