Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 16 / Sport

Apokalypse in Italien

Das Unentschieden war mal wieder schwer zu halten: In Mailand setzt sich Schweden gegen den vierfachen Weltmeister endgültig durch

Von Stefan Malta
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Wo sind die »jungen, hungrigen Spieler«? Gian Piero Ventura, ratlos

Oh, es hat dann doch wehgetan. Der vierfache Weltmeister Italien fährt nicht zur WM nach Russland. In all ihrer Lässigkeit, Spiele nach hinten raus spannend zu gestalten, vermochte es die Squadra Azzurra dann doch nicht, gegen Schweden wenigstens ein Tor zu erzielen – und muss sich so die erste WM seit 1958 versagen. Und das alles in regulärer Spielzeit, ohne Verlängerung oder gar Elfmeterschießen. Das entscheidende Tor dieser Play-off-Begegnung erzielte der eingewechselte Jakob Johansson im Hinspiel am Freitag in Solna: Man schrieb die 61. Spielminute, der Schuss wurde abgefälscht, und Gianluigi Buffon hatte keine Chance.

Und weil auch im Rückspiel am Montag abend in Mailand keine weiteren Treffer mehr notiert wurden, trat der 39jährige Kapitän direkt nach seinem insgesamt 175. Länderspiel unter Tränen zurück. Das taten auch seine ansonsten wieder nahezu untadeligen Abwehrkollegen Andrea Barzagli (36 Jahre alt) und Giorgio Chiellini (33). Nur der Jungspund in dieser Best-ager-Dreierkette, Leonardo Bonucci, will mit seinen gerade mal 30 Jahren anscheinend noch abwarten, was aus der »Neugründung des italienischen Fußballs«, die Marco Tardelli, Altweltmeister von 1982, nun theatralisch eingefordert hat, noch alles werden mag – nach dieser »Apokalypse, Tragödie, Katastrophe«, wie der Corriere dello Sport den Nullinger im Giuseppe-Meazza-Stadion betitelte, diese »größte Demütigung der Geschichte und unerträgliche Schande« (ebenda).

Eigentlich war es so ähnlich wie vor 13 Jahren, als die Squadra Azzurra in Porto in der EM-Vorrunde gegen Schweden anrannte und es am Ende 1:1 stand. Immerhin hatte man damals sogar 1:0 geführt, durch Antonio Cassano. Jochen Schmidt beschrieb diesen Vorfall in dieser Zeitung: »In der 36. Minute geschieht, womit niemand außerhalb Italiens gerechnet hat: Cassano köpft ein, jetzt wird es ganz schwer, das Unentschieden noch zu halten«. Zum Glück war da noch Zlatan Ibrahimovic, der in der 85. Minute das Remis, das die Italiener so lieben, garantierte.

Doch »Ibra« spielt ja nicht mehr mit bei Schweden. Tore sind doch nur was für Statistiker. Mit bis zu 80 Prozent Ballbesitz rannte Italien am Montag in sein Verderben. Toll, wie Gabbiadini in der 27. verstolperte, damit Candreva über die Latte dreschen konnte. Oder wie der Mann mit dem sprechenden Namen, Immobile, in der 40. nicht wusste, was er tat, als er vor Schwedens Torhüter Olsen auftauchte. Schön auch Florenzis Direktabnahme ins Nichts in der 54. oder Chiellinis Meisterstück, in der 58. den Ball in die Arme von Olsen zu plazieren. Artistik, Spannung, Ineffizienz – das Auge isst mit. »Und wenn ich auf dem Platz sterben muss, ich spiel’ die WM«, hatte vorher Mittelfeldspieler Florenzi versprochen, doch »das Leben ist eben kein Unentschieden«, wie Jochen Schmidt damals bilanziert hatte. Italien flog in der Vorrunde raus, Schweden dann gegen die Niederlande, allerdings im Elfmeterschießen. Am Montag wurden derer gleich drei verweigert, davon zwei zu Ungunsten der Schweden. Der Held dieses Play-offs, Jakob Johansson, musste schon in der 19. Minute raus, ohne Fremdeinwirkung, aber mit Verdacht auf Kreuzbandriss.

Italiens Trainer Gian Piero Ventura ist dagegen vorläufig noch im Amt (Stand Dienstag 16.06 Uhr). Ebenso Verbandspräsident Carlo Tavecchio. Das stört doch keinen großen Geist. »Die Ära einiger Veteranen geht zu Ende, die von hungrigen, jungen Spielern beginnt. So sollte das auch sein«, sagte Ventura.

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