Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Verstoßene Soldaten

Die polnische Regierungspartei will das Andenken an ­antifaschistische Widerstandskämpfer auslöschen: Exemplarische Straßenumbenennungen in Warschau

Von Reinhard Lauterbach
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Zur »regelmäßigen Versammlung« aufgewertet: Zehntausende Nazis marschierten am Samstag durch Warschau

Am vergangenen Freitag gab Zdzislaw Sipiera, von der PiS-Regierung ernannter Wojewode (Regierungspräsident) der Region Mazowsze – sie umfasst auch die Hauptstadt Warschau –, eine Pressekonferenz. Der Mann, der soeben erst die alljährlichen Aufmärsche polnischer Nazis und Rassisten anlässlich des Unabhängigkeitstages zur »regelmäßigen Versammlung« aufgewertet und für drei Jahre vorab genehmigt hatte, präsentierte eine Liste mit 47 Straßenumbenennungen in Warschau. Deren Grundlage war das im Dezember 2016 vom Sejm beschlossene »Entkommunisierungsgesetz«. Es gab den lokalen Verwaltungsgremien Zeit bis zum 1. September, sich neue Namen für diese Straßen auszudenken.

Die 47 par ordre du mufti umbenannten Straßen waren nicht die ersten und sind wohl auch nicht die letzten. Rund 1.500 Warschauer Straßen sind seit 1990 aus politischen Gründen umbenannt worden; schon 1990 war zum Beispiel aus der nach dem Kampfgefährten von Rosa Luxemburg benannten Marchlewski-Allee die »Allee Johannes Pauls II.« geworden, in Verletzung der gesetzlichen Bestimmungen, die eine Benennung von Straßen nach (damals noch) Lebenden verbieten. Wie ein Beitrag in dem Satiremagazin Nie dieser Tage genüsslich darstellte, hat diese Heiligung dem Erscheinungsbild der Straße übrigens nicht geholfen; heute ist sie ein Zentrum des Warschauer Schmuddelgeschäfts mit Massen von Sexshops, Go-go-Bars, Pfandhäusern und Becken anderer Kredithaie.

Sipieras Order erging auf dem Weg der sogenannten Ersatzvornahme. Sie betraf Straßen, die umzubenennen sich der von der liberalen »Bürgerplattform« (PO) dominierte Warschauer Stadtrat geweigert hatte. Die Zurückhaltung der Stadtverordneten ist durchaus verständlich. Denn jeder, der irgendwie mit sogenannten Regimeverbrechen in Verbindung zu bringen war, hat seinen Ehrenplatz im Stadtraum schon längst verloren; ebenso sind deklarative Straßennamen, hinter denen ohnehin nie etwas stand, wie die »Allee der polnisch-sowjetischen Freundschaft«, längst passé. Was den Warschauer Stadtrat vermutlich gehindert hat, die jetzt monierten 47 Straßennamen zu ändern, war der Umstand, dass ihren Namenspatronen beim besten Willen keine »stalinistischen Repressionen« angelastet werden konnten. Teils, weil sie ihnen selbst zum Opfer fielen; vor allem aber, weil sie starben, lange bevor jene »zweite Diktatur« sich in Gestalt der Volksrepublik in Polen etablieren konnte; bevor auch nur absehbar war, dass eine an die Sowjetunion angelehnte Staatsmacht in Polen würde entstehen können.

Es klingt grotesk, aber es ist so: Fünf der 50 polnischen Geiseln, die die Deutschen am 16. Oktober 1942 auf einer zentralen Straße in Warschau vor aller Augen erschossen, werden jetzt mit einer Sanktion belegt, die nicht einmal die Nazis sich einfallen ließen: der Zerstörung ihres Andenkens. Hatten die Faschisten die Namen der Exekutierten noch auf ihren berüchtigten blutroten Plakaten zur öffentlichen Kenntnis gegeben, so sollen jetzt Jozef Balcerzak, Sylwester Bartosik, Franciszek Ilski, Antoni Kacpura und Witold Kokoszko, die jenem Massenmord mit 45 anderen zum Opfer fielen, aus der Erinnerung gestrichen werden. Der Grund: Sie waren kommunistische oder sozialistische Warschauer Arbeiter, die zu einem Zeitpunkt aktiven Widerstand leisteten, als die bürgerliche »Heimatarmee« sich noch in Aufstellung befand und ihre Führung wegen der für Deutschland günstigen Entwicklung des Kriegsgeschehens bewaffnete Aktionen für unklug hielt. Franciszek Bartoszek, Piotr Gruszczynski, Roman Pazinski und Hanna Sawicka sind weitere antifaschistische Widerstandskämpfer, im Kampf gefallen, an einem Bahndamm erhängt oder im Gefängnis zu Tode gefoltert, deren Andenken dem heutigen Polen kein Stück Blech mehr wert ist. Niemand kennt sie in Deutschland, und weil sie auch in Polen bald niemand mehr kennen soll, wird in diesem Absatz bewusst mehr Namedropping betrieben als sich normalerweise mit den Regeln des Journalismus verträgt.

Manche von ihnen starben für genau das, was im Falle der »Heimatarmee« jede Heldenerzählung rechtfertigt: Anschläge auf Besatzungsfunktionäre, »Expropriationen« deutscher Postzüge, um an Geld zu kommen, und so weiter. Besonders empörend ist die Streichung der Erinnerung an Helena Wolff. Die junge Ärztin war Jüdin und leitete den Sanitätsdienst einer Einheit der kommunistischen »Volksarmee«, 1944 ist sie mit 29 Jahren im Kampf gegen die Faschisten gefallen. Die ihr gewidmete Straße heißt künftig nach Sergiusz Piasecki, einem Kleinkriminellen und späteren Bankräuber, der seine Spionage- und Schmuggelkarriere im polnisch-sowjetischen Grenzgebiet der Zwischenkriegszeit im Gefängnis zu dem Roman »Der Geliebte der Großen Bärin« verdichtete – eine talentiert geschriebene Geschichte, aber durch diese Umbenennung wird sie einem vergällt.

Wer tritt an die Stelle der hinausgesäuberten Kommunisten und Antifaschisten? Diverse bisher nicht zum Zuge gekommene Kämpfer des antikommunistischen Untergrunds, meist nicht im Kampf gegen die Deutschen, sondern in dem gegen die Rote Armee umgekommen. Zwei antikommunistische Liedermacher der Solidarnosc-Zeit treten an die Stelle der beiden ersten Außenminister der VR Polen. Einer der Politiker war der Vater von Karol Modzelewski, dem Erfinder des Namens »Solidarnosc« für die antisozialistische Gewerkschaft des Jahres 1980. Mehrere PiS-nahe Opfer des Flugzeugabsturzes bei Smolensk 2010 bekommen die Ehre, etliche rechte Schriftsteller ebenfalls. Eine einzige der 47 Umbenennungen ehrt sicher keinen Falschen: Marek Edelman, Kämpfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto, Überlebender und bis zu seinem Tod 2009 eine moralische Instanz des Nachwendepolens. Nichts dagegen, ihm eine Straße zu widmen. Aber warum musste ihm Jozef Lewartowski weichen, ein jüdischer Kommunist, der 1942 im Ghetto von der deutschen Polizei erschossen wurde?

Die PiS betreibt das, was man mit Bezug auf das alte Rom »Damnatio memoriae« nennt: die demonstrative Auslöschung des Andenkens an eine Person durch die Nachwelt. Damals wurden aus den Triumphbögen die Gesichter in Ungnade Gefallener herausgemeißelt, heute werden Straßenschilder abmontiert. Im Falle von Lewartowski aber auch die Gedenktafel, die an seinem letzten Wohnort an ihn erinnerte.

Die »Damnatio« im alten Rom führte nicht zum Vergessen der Geächteten, vielleicht war das nicht einmal ihr Zweck. Durch die Verdammung wurde die Erinnerung an die aus den Annalen Getilgten wachgehalten. Und so hat wohl auch die Infamie im heutigen Polen ihre ironische Pointe. Die neuen Säulenheiligen der PiS-Regierung sind die sogenannten Verstoßenen Soldaten – jene antikommunistischen Desperados der Nachkriegszeit, die die frühe Volksrepublik, so sie ihrer habhaft wurde, als Terroristen zum Tode verurteilte und in anonymen Gräbern verscharren ließ. Die PiS ist dabei, die nächste Kohorte »verstoßener Soldaten« zu schaffen. In ihrem geschichtspolitischen Furor steht sie Politikern jener Epoche, die sie zu verabscheuen behauptet, in nichts nach.

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