Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Wittmers, Poche

Von Jegor Jublimov
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Wollte die kritische Auseinandersetzungen in der DDR befördern: Drehbuchautor und Schriftsteller Klaus Poche (1927–2007)

Als vor einiger Zeit der dreißig Jahre alte Film »Wo mich keiner kennt« über ein junges Paar, das von der Stadt aufs Land zieht, im hessischen Fernsehen wiederholt wurde, konnte man die Berliner »Abendschau«-Moderatorin Cathrin Böhme als DFF-Ansagerin wiedersehen. Dagmar Wittmers hatte ihn als einen von sechs Filmen der Reihe »Der Staatsanwalt hat das Wort« eindrucksvoll inszeniert. Ihn und »Engel mit einem Flügel« (1991) mit Jörg Schüttauf zählt sie selbst zu ihren Lieblingsfilmen.

Dagmar Wittmers, die heute vor 65 Jahren geboren wurde, hat eine große Leidenschaft für den Film. Das zeigte sich auch daran, dass sie nach Abwicklung des Fernsehfunks das Magazin »Film ab« im ORB mit interessanten Reportagen versorgte. Seitdem dreht sie Dokumentationen, gelegentlich mit Spielszenen, und jeder, der mit ihr arbeitet, merkt ihr ihre Passion an. Weil öffentlich-rechtliche Fernsehproduktionen oft unterfinanziert sind, übernimmt sie auch die Aufgaben der Requisite, von Kostümbild und Aufnahmeleitung. Jüngst etwa bei der »Kondom-Story« über den Erfinder der »Überzieher«, Julius Fromm. Nun arbeitet sie an einem neuen Film über Wilhelm II., den Kriegskaiser. Begonnen hatte Dagmar Wittmers übrigens 1980 als Regieassistentin bei Celino Bleiweiß, über dessen Schicksal sie 2014 den Film »Das geschenkte Leben« drehte. Er wurde für den Deutsch-polnischen Journalistenpreis nominiert, den sie aber erst dieses Jahr für »Als Zwangsarbeiter auf den Feldern schufteten« erhielt.

Wer sich von seiner Jugendlektüre nicht trennen kann, hat sicherlich noch einige von Klaus Poche illustrierte Abenteuerbücher und Krimis aus den fünfziger Jahren im Schrank, etwa von Wolfgang Schreyer, Harry Thürk, Günter Prodöhl, Eberhard Panitz oder Friedrich Karl Kaul. Poche begann seine Laufbahn 1950 als Redakteur und Illustrator bei der Potsdamer CDU-Zeitung Märkische Union. Er zeichnete bald auch für Das Magazin und bis 1963 für die Junge Welt. War da nicht noch was? Klar, Poche ist heute vor allem als Drehbuchautor für Frank Beyer oder Klaus Gendries bekannt. Gleich mit seinem ersten, 1966 in den Keller geschickten Film »Jahrgang ’45« von Jürgen Böttcher zeigte er, dass er Neues ausprobieren, kritische Auseinandersetzungen in der DDR befördern wollte. Nach mehreren Protesten gegen die Kulturpolitik wurde Poche 1979 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Man ließ ihn gehen. In der BRD drehte er gemeinsam mit Egon Günther, Stefan Heym, Angelica Domröse und vielen anderen die Filme, die in der DDR nicht möglich waren. Am Samstag wäre er 90 geworden – Poche ist bereits vor über zehn Jahren gestorben.

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