Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Zeichen der Zeitenwende

»Etwas ganz anderes machen«: Florence Hervé präsentiert ihr Buch »Wasserfrauen«

Von Gerd Schumann

Die Vorgeschichte zum Projekt »Wasserfrauen« handelt von Geistern, die weiterhin und, wie alltäglich erfahrbar, immer stärker ihr unlauteres Spiel mit der Geschichte treiben. Mit ihnen setzt sich Florence Hervé auseinander, seit sie denken kann, und jüngst wieder in den Büchern zu Natzweiler-Struthof, einem KZ der Nazis im besetzten Frankreich, und zum Massaker der SS-Division »Das Reich« in Oradour-sur-Glane 1944. Dieses erschien vor kurzem, präsentiert auf der Frankfurter Buchmesse, in zweiter Auflage.

Die Arbeit daran hatte Kraft gekostet. Nicht nur die bekannten, doch unfassbaren Anfeindungen und Anwürfe durch Nazis; vor allem auch die Recherchen, die mit Erinnerungen der wenigen Verfolgten und KZ-Opfern zu tun haben, die noch leben. Jedes Gespräch ein Zurück in die Vergangenheit. Die ist nicht vergangen, wie sich zeigt. Zeichen einer Zeitenwende? »Wir waren schon mal weiter«, sagt die Französin. Seit Ende der 1960er Jahre sei Antifaschismus schon eine Art Grundhaltung gewesen, an sich eine Selbstverständlichkeit. Und heute treten Leute auf, die Gaskammern und Massaker leugnen. Nicht die SS, heißt es dann, Partisanen hätten die Kirche von Oradour in Brand gesetzt und seien verantwortlich für 642 erschossene, verbrannte, ermordete Menschen – in ihrer Mehrzahl Frauen und Kinder.

Die promovierte Germanistin bewältigte Dutzende Veranstaltungen zu ihren zweisprachig, in deutsch und französisch verlegten Büchern und musste sich häufiger mit jenen seltsamen Relativierungen von Verbrechen, die sich nicht relativieren lassen, auseinandersetzen. Die entsprechenden Behauptungen von Naziautoren aus Frankreich und Deutschland kursieren, ein Oradour-Prozess fand nicht statt, und der Kreis des Geschichtsrevisionismus schließt sich, wenn sich die Stammtischparole vom »Gedenkwahn«, der endlich beendet werden müsse, im öffentlichen Raum verbreitet.

Dabei haben die Themen Faschismus und Résistance Hervés Biographie ebenso geprägt wie – durchgängig – ihr publizistisches Werk aus Dutzenden Büchern, ungezählten Beiträgen in Periodika – seit langem übrigens auch regelmäßig für junge Welt. Und diesbezüglich seien die »Wasserfrauen«, so wertete die Westdeutsche Zeitung im Frühjahr, für die Autorin, für »ihren eigenen Energiefluss« (WZ, 20.3.2017), wichtig gewesen. Florence Hervé bestätigt das nun im Gespräch:

»Ziemlich dreckig« sei es ihr gegangen, und sie habe etwas »ganz anderes« machen wollen, etwas Schönes, etwas, das mit Hoffnung zu tun hat. »Wasserfrauen« entstand, ein opulenter Reportageband mit großformatigen Bildern, ein Buch »voller Zuversicht«, wie Anja Röhl in ihrer Besprechung feststellt (jW, 30.6.2017). Denn: »Die mit Wasser, am Wasser, im Wasser, in Eis und Schnee und in der Stadtplanung Arbeitenden vermitteln die Wirksamkeit einer Arbeit, die nicht zerstört, sondern erhält. Arbeit als Weltverbesserung, als Lebenssinn, als Selbstverwirklichung«. Beim Lesen sei sie regelrecht eingetaucht »in andere Welten«, schreibt Röhl. Was nicht etwa Flucht aus der Realität – oder eben auch aus historischem Elend – bedeutet.

Im Gegenteil. Zwar meinten alle 23 porträtierten Frauen: »Ich liebe meinen Beruf, ich kann mir keinen anderen vorstellen. Wasser ist für mich alles: Freude, Glück, Entspannung«, so Röhl. Jedoch spare Hervé, die das Buch gemeinsam mit dem Fotografen und Juristen Thomas A. Schmidt realisierte, keinesfalls die Widersprüche aus, die zwangsläufig dann entstehen, wenn sich eine verschwindend kleine Minderheit von Besitzenden die Natur, Grund und Boden und die Wasser der Welt aneignet und sie zum Geschäft erklärt. Wasser ist Überlebensmittel und gewinnbestimmter Zugriff darauf mit diesem Zweck nicht kompatibel.

Florence Hervé / Thomas A. Schmidt (Fotos): Wasserfrauen. AvivA-Verlag, Berlin 2017, 192 Seiten, 29 Euro

Berliner Buchpremiere mit Florence Hervé am Donnerstag, 16.11., 19 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstraße 6

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