Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Indien blickt nach Osten

Eisenbahnverbindungen zum Nachbarn Bangladesch erleben Renaissance. Das dient nicht zuletzt dem geplanten transasiatischen Schienennetzwerk

Von Thomas Berger
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Der Maitree- (»Freundschaft«) Express verbindet seit April 2008 wieder Kolkata mit Dhaka

Seit Jahrzehnten sind die meisten Bahnverbindungen zwischen Indien und Bangladesch gekappt. Das soll sich ändern. Geplant ist, die bestehende Verbindung von der westbengalischen Metropole Kolkata nach Dhaka aufzuwerten und auch zur Alternative zum Flugzeug werden zu lassen. Zugleich ist vorgesehen, weitere Schienenwege über die Grenze wieder in Betrieb zu nehmen. Mujibal Haque, Bangladeschs zuständiger Minister für die Infrastruktur, kündigte Ende Oktober bei einem Besuch im indischen Agartala an, insgesamt ein Dutzend seit 1947 brachliegende Streckenverbindungen reaktivieren zu wollen. Darauf hätten sich beide Seiten verständigt. Nachdem einzelne Maßnahmen davon bereits vorher bekannt waren, geht dieses Investitionsprogramm deutlich über alle früheren Mitteilungen hinaus.

Von neun auf sechs Stunden hat sich seit Beginn dieses Monats die Fahrtzeit zwischen Kolkata (Kalkutta) und der Hauptstadt Bangladeschs verkürzt. Die Verbindung war 2008 mit enormer politischer Unterstützung und großer medialer Begleitung wiederaufgenommen worden. Interessant: Der Zeitgewinn ist vor allem einer deutlich vereinfachten und schnelleren Abfertigung der Zugpassagiere an der Grenze zu verdanken. Darüber hinaus sollen künftig alle Waggons des wechselseitig von der indischen und der bangladeschischen Staatsbahn bedienten »Maitree-Expresses« klimatisiert sein.

Zwischen Kolkata und Khulna im Nachbarland soll der erste Zug am morgigen 16. November rollen. Einen Testlauf gab es bereits im April. Diese grenzüberschreitende Strecke war bis 1965 in Betrieb, bestand demnach noch knapp zwei Jahrzehnte nach der Teilung des Subkontinents (aus dem früheren Britisch-Indien entstanden 1947 zunächst zwei selbständige Staaten, das heutige Bangladesch war bis 1971 als Ostpakistan eine Provinz Pakistans). Jede einzelne Reaktivierung von Bahntrassen führt neben anderen Aspekten zu einem Schub von Besuchern aus dem Nachbarland, dem auch Visaerleichterungen entgegenkommen. Wurden von Indiens Behörden 2015 etwa 750.000 ankommende Bangladeschis registriert, waren es im Folgejahr bereits 933.000 Gäste. Mit 700.000 Personen in den ersten sechs Monaten, wie die Wirtschaftsbeilage der Tageszeitung The Hindu Mitte Oktober verkündete, wird 2017 ein erneuter Rekordwert erwartet.

Entsprechend hoch ist der Druck aus der Öffentlichkeit, neben dem »Maitree-Express« weitere Bahnverbindungen anzubieten. Auf der Strecke Kolkata-Khulna rollen immerhin seit 2001 wieder Güterzüge über die Grenze. Damals, drei Jahrzehnte nachdem das vormalige Ostpakistan mit indischer Hilfe seine Eigenstaatlichkeit erkämpft hatte, war das zuvor unterbrochene Gleisstück zwischen den benachbarten Grenzstädten Petrapole und Benapole wiedereröffnet worden. Insgesamt vier solche Bahnverbindungen sind inzwischen wieder in Betrieb. 2018 dürften zwei weitere hinzukommen. Damit wäre der Stand von 1965 wieder erreicht. Zugleich laufen inzwischen die Vorbereitungen für drei weitere Lückenschlüsse.

Besonders im Blick der Öffentlichkeit ist der Korridor zwischen Agartala (Indien) und Akhaura (Bangladesch). Die indische Nachrichtenagentur PTI zitierte vor wenigen Tagen den bangladeschischen Eisenbahnminister Haque mit der Aussage, die Gleisverlegung auf seiner Seite werde 2018 komplettiert werden. In Indien läuft dafür zum Teil noch der Flächenerwerb. 976,3 Millionen Rupien, umgerechnet knapp 14 Millionen Euro, hat die Zentralregierung in Neu-Delhi zur Verfügung gestellt. Das Teilstück hat große Bedeutung, weil nach der Fertigstellung eine lediglich 350 Kilometer lange Bahndirektverbindung von Agartala im Nordostzipfel Indiens bis nach Kolkata entsteht. Bislang mussten Züge zwischen den beiden Städten Bangladesch umfahren und so einen Umweg von 1.700 Kilometern Länge nehmen. Neu-Delhi hat deshalb verstärktes Interesse an diesem Projekt. Die sieben Unionsstaaten im Nordosten Indiens sind bis heute in vielerlei Weise vom Rest des Landes abgehängt und wurden beim Ausbau der Infrastruktur lange Zeit vernachlässigt.

Dennoch: Bei der Reaktivierung der Bahnverbindungen geht es um weit mehr als nur die beiden südasiatischen Nachbarstaaten und verstärkte bilaterale Kooperation. Die Maßnahmen sind eingebunden in das Megaprojekt Trans-Asian Railway Network (TARN). Im Rahmen dieses 28 Länder umspannenden Netzwerks, das unter der Ägide der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik der Vereinten Nationen (UN ESCAP) steht und an die historische Seidenstraße anknüpft, ist die Errichtung eines Schienennetzes von insgesamt 117.000 Kilometern Wegstrecke geplant. Einzelne der Verbindungen zwischen Indien und Bangladesch sollen später bis Nepal und Bhutan weitergeführt werden. Zudem hatte die indische Regierung bekräftigt, auch die Lücke zum östlichen Nachbarn Myanmar schließen zu wollen. Suresh Prabhu, bis zur jüngsten Kabinettsumbildung Eisenbahnminister unter Premierminister Narendra Modi, hatte schon im August bekundet, dass entsprechende Pläne vorangetrieben würden. Im Blick ist in Myanmar die grenznahe Stadt Moreh, gut 100 Kilometer von Imphal entfernt, der Regionalhauptstadt des indischen Unionsstaates Manipur. Genaue Pläne, Kostenschätzungen und Haushaltspositionen dazu gibt es aber noch nicht.

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