Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 6 / Ausland

Empfang bei Freunden

Der puertoricanische Freiheitskämpfer Oscar López Rivera wird in Kuba wie ein Volksheld gefeiert

Von Volker Hermsdorf
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Freiheitskämpfer für Puerto Rico: Oscar Lopez Rivera war einer der längsten inhaftieren politischen Gefangenen der USA (New York, 11.6.2017)

Der puertoricanische Freiheitskämpfer Oscar López Rivera hat nach seiner Ankunft in Havanna schwere Vorwürfe gegen die Regierung der Vereinigten Staaten erhoben. Vor der internationalen Presse beklagte er am Montag die »unhaltbaren Lebensbedingungen« in seinem Land. Das Volk Puerto Ricos durchlebe derzeit die »vermutlich schlimmste Situation seiner Geschichte«, erklärte López Rivera. Die Krise sei ein Ergebnis der seit 119 Jahren dauernden US-Kolonialherrschaft: »In Puerto Rico entscheiden nicht die Puertoricaner, sondern Washington und die Wall Street«, kritisierte er. Die Folgen seien Korruption, Armut, ein marodes Bildungs- und Gesundheitssystem, ein Berg von mehr als 70 Milliarden US-Dollar Schulden und die unterlassene Hilfeleistung für die Opfer des Hurrikans »Maria«. Knapp zwei Monate nach dem Wirbelsturm lebten viele der Betroffenen noch immer unter katastrophalen Bedingungen, doch die Regierung Donald Trumps erlaube nicht, dass Hilfsangebote aus Kuba oder Venezuela angenommen werden.

Bei seiner Abreise aus San Juan hatte der Aktivist für die Unabhängigkeit Puerto Ricos den USA am Wochenende zudem vorgeworfen, Informationen über sein Land zu blockieren, »damit andere Völker in der Welt nichts über die tatsächlichen Zustände in der US-Kolonie erfahren«. Er könne nicht nachvollziehen, sagte López Rivera der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina, dass junge Menschen, die eigentlich am besten informiert sein sollten, noch nicht einmal wüssten, dass Puerto Rico seit der Invasion durch US-Truppen im Jahr 1898 deren Kolonie ist. Um den Kolonialismus in Lateinamerika und der Karibik endlich zu beenden, müsse zunächst die weltweite Informationsblockade der großen Medien über Puerto Rico durchbrochen werden, forderte er.

In dem Zusammenhang lobte er die Bürgermeisterin der Hauptstadt San Juan, Carmen Yulín Cruz Soto. Die Politikerin hatte die Entkolonialisierung kürzlich in Washington als »wichtigste Aufgabe aller Puertoricaner« bezeichnet. Oscar López Rivera war wegen seines Einsatzes für dieses Ziel in den USA als »aufrührerischer Verschwörer« fast 36 Jahre lang ins Gefängnis gesteckt worden. Davon saß er zwölf Jahre in Einzelhaft. Mit dem heutigen Präsidenten des Kubanischen Instituts für Völkerfreundschaft (ICAP), Fernando González, der als Mitglied der »Cuban Five« ebenfalls als politischer Gefangener in den USA inhaftiert war, teilte er sich vier Jahre lang eine Zelle.

Nach seiner Begnadigung durch Expräsident Barack Obama im Januar war López Rivera am 17. Mai in Begleitung von Carmen Yulín Cruz Soto, die ihn »zu seinem Schutz« in den USA abgeholt hatte, nach Puerto Rico zurückgekehrt. Die Bürgermeisterin der Hauptstadt hatte seine Rückkehr dabei als »Triumph des Widerstandes und des Kampfes des puertoricanischen Volkes« bezeichnet. Für Trump ein Affront. Das Weiße Haus inszenierte eine Medienkampagne gegen die Politikerin, in der unter anderem lanciert wurde, Yulín Cruz habe sich durch »Lobpreisungen« eines »Terroristen« hervorgetan. Sie erklärte daraufhin, in Puerto Rico werde es »keine Normalität geben, solange die Insel eine Kolonie Washingtons bleibt«.

In Kuba wird der heute 74jährige López Rivera, der, wie er selbst sagt, zeitlebens von einem Besuch der Nachbarinsel geträumt hat, seit seiner Ankunft als Kämpfer für die Souveränität Lateinamerikas und Held gefeiert. Am gestrigen Dienstag wurde er im José Martí Memorial am Platz der Revolution mit dem vom Staatsrat verliehenen kubanischen Solidaritätsorden ausgezeichnet. Medien des Landes zitierten dazu einen bekannten Vers der in ganz Lateinamerika verehrten revolutionären puertoricanischen Dichterin Lola Rodríguez de Tió: »Kuba und Puerto Rico sind die zwei Flügel eines Vogels.«

Oscar López Rivera will die Insel noch bis zum 26. November in Begleitung seiner Tochter Clarisa, die die weltweite Kampagne für seine Befreiung koordiniert hatte, und der Enkelin Karina bereisen. Auf dem Programm stehen dabei unter anderem ein Treffen mit Studenten in der Aula Magna der Universität von Havanna sowie Besuche der Grabstätten des kubanischen Nationalhelden José Martí und des Revolutionsführers Fidel Castro Ruz in Santiago de Cuba und der Gedenkstätte für Ernesto Che Guevara in Santa Clara.

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