Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 4 / Inland

Hamburg arbeitet koloniales Erbe auf

Nach anfänglicher Ablehnung will der Senat Forschungsvorhaben nun doch weiter fördern

Von Kristian Stemmler
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An Versklavung und Ermordung Tausender während des Kolonialkriegs 1904 bis 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika waren auch zahlreiche Hamburger Honoratioren beteiligt

Sie starben als reiche und hochgeachtete Bürger der Freien und Hansestadt, heute sind Straßen nach ihnen benannt: Hamburgs Reeder des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Tatsächlich waren viele von ihnen in die Verbrechen verstrickt, die während der Kaiserzeit in den damaligen deutschen Kolonien begangen wurden. Zum Beispiel Adolph Woermann (1847–1911), dessen Woermann-Linie ab 1904 vom Hamburger Hafen aus die Soldaten ins damalige Deutsch-Südwestafrika (Namibia) brachte, die dort den Völkermord an den Herero und Nama begingen. Jetzt besteht Hoffnung, dass nach ersten Anfängen die Aufarbeitung dieses kolonialen Erbes der Stadt fortgesetzt werden kann.

Kurz vor Ablauf der dreijährigen Förderung Ende März 2018 hat der Senat beschlossen, die »Forschungsstelle (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung« an der Universität der Stadt weiter zu unterstützen. Carsten Brosda (SPD), Senator der federführenden Kulturbehörde, erklärte kürzlich in einer Fragestunde in der Bürgerschaft, der Senat wolle das Projekt »verstetigen«. Die für die Finanzierung zuständige Wissenschaftsbehörde überlege derzeit, wie das zu bewerkstelligen sei.

»Damit hat der Senat noch knapp die Kurve gekriegt und eine große Blamage vermieden«, sagte Norbert Hackbusch, kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Bürgerschaft, am Dienstag gegenüber junge Welt. Mitte September hatte Hackbusch in einem Interview mit jW gewarnt, der Senat wolle die Förderung der Forschungsstelle im Frühjahr 2018 beenden. In der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion habe der Senat wenig Begeisterung für die Arbeit der Wissenschaftler gezeigt.

Im Juli 2014 hatte der Hamburger Senat das in der Bundesrepublik einzigartige Konzept der Forschungsstelle noch mit großem Elan beschlossen und erklärt, die koloniale Vergangenheit der Stadt müsse dringend aufgearbeitet werden. Für drei Jahre wurden 380.000 Euro bewilligt, die für zwei Doktoranden- und eine halbe weitere Stelle reichten. Die Einrichtung, die von dem renommierten Afrikaexperten Jürgen Zimmerer geleitet wird, habe, wie die Taz Hamburg am 7. November berichtete, zeitweise 14 Personen beschäftigt, finanziert auch aus Drittmitteln. Man habe aber mit Kurzzeitverträgen arbeiten müssen und hochqualifizierten Kollegen keine langfristige Perspektive bieten können, sagte Zimmerer dem Blatt. Daher halte er es für notwendig, die Forschungsstelle auf mindestens zehn bis 15 Jahre auszulegen und mit 300.000 bis 400.000 Euro jährlich zu fördern. Nur so könne das erreichte Niveau gehalten werden. Zimmerer plädiert außerdem dafür, das Hamburger Institut zur zentralen Forschungsstelle der Bundesrepublik für das Thema Kolonialismus auszubauen.

Der Linke-Abgeordnete Hackbusch hält eine bessere Ausstattung der Einrichtung ebenfalls für notwendig. »Eine Finanzierung auf dem bisherigen Niveau genügt den Anforderungen bei diesem Thema eindeutig nicht«, betonte er gegenüber jW. Bisher habe die 2014 gestartete Arbeit an einem »Erinnerungskonzept« außer der Forschungsstelle noch kaum Ergebnisse gezeitigt. So habe sich im Stadtteil Jenfeld bislang nichts bewegt. Dort soll dem 2014er Senatsbeschluss zufolge eigentlich auf einem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne ein offizieller Erinnerungsort namens »Geschichtsgarten Deutschland-Tansania« entstehen. Paul von Lettow-Vorbeck war Kommandeur der sogenannten Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania. Das Areal beherbergt bereits eine 2003 von einer privaten Initiative initiierte Denkmalanlage, mit der an die deutsche Kolonialgeschichte erinnert wird.

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