Aus: Ausgabe vom 01.11.2017, Seite 16 / Sport

Wenig bis nichts

Von André Dahlmeyer
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Was macht ihr denn, ihr Pfeifen? Tigres »Neuer« Ricardo Caruso Lombardi hatte allen Grund zum Ärger

Es war zugig kalt, Montagnacht im Victoria-Park von Tigre im reichen Norden von Buenos Aires, wo jeder Gullydeckel videoüberwacht ist. Wie mir freimütig erklärt, nein geradezu versichert wurde (der wichtige ausländische, noch dazu deutsche Journalist!), hätten die ortsansässigen Herren der Besitzstandswährung, äh, -wahrung, ihre freilich guten Gründe dafür. Schwachmatig anmutendes Kicher untermalte das surreale Ambiente, in dem die Amts- und Würdenträger des Klubs mich mit prall belegten Kanapees mästeten. Ich kam gerade vom Matetrinken bei einer Freundin, die ich in einer anliegenden Villa Miseria (argentinische Favela) besucht hatte. Die Reichen haben uns in Argentinien immer als Nachbarn, da können sie sich noch so drehen und wenden, und sportlich sind sie ja eigentlich nur auf dem Tennisplatz unter sich oder im Motorboot bzw. auf der Yacht. Bloß raus!

Da im Kellerduell der argentinischen Superliga zwischen C. A. Tigre und Rosenkranz Central wenig bis nichts geschah, war ich auf den Rängen kurz abgedriftet und sinnierte über den jüngsten Karrierestau des Central-Stürmers Marco Ruben. Einst hatte er es zu River Plate geschafft, konnte sich dort nicht durchsetzen und tauchte schließlich bei Villareal in Spanien unter. Als Villareal noch ein »argentinisches« Team war, guckten deren Spiele hier alle! Die Zeit ist vorbei. 2015 kehrte der schmächtige Stürmer nach Argentinien und zu Rosario Central zurück. Er erzielte in 25 Spielen 21 Tore und wurde Torschützenkönig. Ein ganzes Land (außer die vom Stadtrivalen Newell’s) forderte Ruben in die Selección. Aber der verletzte sich. Central, damals von »Chacho« Coudet trainiert, spielte auf hohem Niveau, ärgerte die Großen, war in Meisterschaft und Pokal immer gut dabei. Und machte vor allem viel Spaß – und darum geht’s doch beim Fußball.

Unvergessen ist das vorletzte Pokalfinale gegen die Boca Juniors, das ganz klar verschoben wurde. Wer in Argentinien den nationalen Pokal gewinnt, qualifiziert sich aktuell für die Copa Libertadores. Es war Bocas letzte Chance. Eine Nicht-Qualifikation der »Xeneizes« hätte die Pleite für die völlig ausgeplünderte südamerikanische Fußballkonföderation Conmebol bedeutet. Was die gekauften Linienrichter auf dem Platz zelebrierten, hätte sogar ein doitscher BWLer mit Klumpfuß bemerkt. Letztes Jahr verlor Central das Pokalfinale nach großem Kampf gegen River Plate mit 3:4. Für River war es auch die letzte Chance noch international zu spielen. Jetzt steht Central, der Klub der Intellektuellen Rosarios, wieder im Semifinale der Copa. Im Viertelfinale konnten die »Canallas« in Unterzahl ein 0:2 gegen Godoy Cruz (Mendoza) noch drehen.

Aber wir befinden uns immer noch im mittlerweile eiskalten (seltsam für diese Jahreszeit) Victoria-Park von Tigre. Ein Spiel zwischen zwei Teams, die im aktuellen Campeonat noch nicht den Sieg geliebkost haben. Centrals beste Spieler sind zu Sevilla, der PSG und River Plate gewechselt, teilweise unter Einsatz unlauterer Mittel. Tigres neuer Trainer Ricardo Caruso Lombardi hat 32 Spieler gefeuert und 26 neue anstellen lassen. Denen gelangen in sechs Spielen drei Tore (keinem Stürmer). Bei Central sah es nicht besser aus. Nachdem Lucas Menossi die Gastgeber schon zu Beginn mit einem Linksknaller aus dem Halbmond in Front gebracht hatte, schlängelte Marco Ruben zehn Minuten vor Schluss nach einem 40-Meter-Paß den Ball irgendwie zum 1:1-Endstand rein. Nach dem Match war ein Messerstecher auf meinen Rucksack scharf. Ich spuckte aus und sagte: »Du musst noch viel lernen, Kleiner!«

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