Aus: Ausgabe vom 01.11.2017, Seite 2 / Inland

»Wissenstransfer vom Öffentlichen ins Private«

Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) hat ihre Buch- und Medienauswahl großteils an Hugendubel ausgegliedert. Gespräch mit Jana Seppelt

Interview: Ralf Wurzbacher
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Bibliothek in Berlin

Für die Buch- und Medienauswahl der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) ist seit Anfang September der Großbuchhändler Hugendubel nahezu allein zuständig. Mit welchen Folgen rechnen Sie?

70 Prozent des ZLB-Erwerbs werden künftig über die Hugendubel-Fachinformationen GmbH laufen. Der Vertrag läuft über drei Jahre, mit Verlängerungsoption bis 2022. Das Unternehmen stellt unseres Wissens für die Medienaufbereitung drei weitere Mitarbeiter ein und schafft im Bibliotheksteam, das auch andere Kunden betreut, zwei neue Stellen. Hier findet ein Wissenstransfer vom Öffentlichen ins Private statt. Es versteht sich von selbst, dass diese wenigen Beschäftigten nicht 29 Wissensfächer der größten öffentlich-wissenschaftlichen Bibliothek in Deutschland so differenziert bearbeiten können wie hauseigene Fachlektoren. Damit wird die ZLB langfristig ihre inhaltliche Kompetenz weitgehend verlieren.

Die ZLB wird bereits seit 2015 vom Ekz-Bibliotheksservice und der Hugendubel- Fachinformationen GmbH mit Medienpaketen beliefert. War das nur die Vorstufe zur Quasikomplettauslagerung?

Erst hieß es, die Ekz-GmbH, die für kleine und mittlere Bibliotheken arbeitet, liefert nur das, was sowieso alle Bibliotheken, auch die kleineren, kaufen müssen. Jetzt wird die Auswahl fast des gesamten Bedarfs der ZLB mit einem Kaufzugang von 40.000 Bänden, also auch des speziellen Bedarfs, an einen privatwirtschaftlichen Dienstleister abgegeben.

Seitens des Kultursenats unter Klaus Lederer (Die Linke) sowie der ZLB-Leitung heißt es, es würden weiterhin ZLB-Lektoren die Profile erstellen, nach denen Hugendubel liefere. Ist dem so?

Der Unterschied ist der, dass bisher die Fachlektoren tatsächlich dafür verantwortlich waren, was auf Grundlage ihrer Profile an Medien beschafft wurde. Natürlich haben sie die Bücher nicht einzeln und händisch ausgewählt, sondern – wo fachlich sinnvoll – immer schon mit Fachbuchhändlern zusammengearbeitet. Nun sollen die verbliebenen Bibliothekare zu aus einem von Hugendubel vorab ausgewählten elektronischen Warenkorb rund 15 bis 20 Prozent der zu erwerbenden Medien bestimmen und eine kleine Prozentzahl ergänzend zukaufen können. Den großen Rest liefert Hugendubel regalfertig durch die Hintertür in die Bibliothek.

Also doch eine Verschlechterung von Bestand und Niveau?

Der Senat streitet das natürlich ab. Allerdings müsste er das nachweisen, bevor eine solche Maßnahme ergriffen wird, und das unter fachlicher Begleitung, schließlich leidet die ZLB keine Not. Der Senat übernimmt immer mehr die Argumentation des Managements, dass Bücher und Medien in einer so großen Bibliothek wie der ZLB nicht mehr im Mittelpunkt der Tätigkeit der Beschäftigten stehen dürfen. Das eigene Fachpersonal sei besser eingesetzt zur Besucherbetreuung und zur Kontaktpflege in der Bibliothek. Dabei sind Publikumsdienste schon immer selbstverständlicher und qualitativ hochwertiger Bestandteil der Bibliotheksarbeit gewesen. Dass sich mit technischen Entwicklungen und den neuen digitalen Möglichkeiten auch Bedarf und Inhalte der Vermittlung ändern, ist doch banal. Deshalb muss aber die Bestandsauswahl nicht fast komplett ausgelagert werden. Personalinvestitionen zugunsten eines qualifizierten, sorgfältig ausgewählten Medienbestands für die vielen speziellen Interessen der Berliner Leser sind für den Senat wohl nicht mehr zeitgemäß.

Dafür wird die Sache so wahrscheinlich billiger, oder?

Ob es im Ergebnis wirtschaftlicher oder billiger für den Senat wird, weiß ich nicht. Jedenfalls kenne ich keine Berechnungen dazu. Ich glaube, es gibt auch keine.

In ihrem Wahlprogramm hatte sich die Linkspartei noch gegen die Auslagerung ausgesprochen. Hatten Sie auf dieses Bekenntnis vertraut?

Die Linke hatte sich ja nicht nur im Wahlprogramm 2016 gegen Outsourcing an den Großbuchhandel ausgesprochen. Diese Position hatte sie auch schon seit 2014 im Kulturausschuss durch Anfragen und in einer Anhörung offensiv vertreten. Dass die kulturpolitisch Verantwortlichen der Partei sich nun offensiv dafür aussprechen, verwundert schon. Denn eigentlich kann die leichtfertige Verlagerung der Kernkompetenz der Medienauswahl mit Steuergeldern an den Hugendubel-Konzern keine linke Position sein.

Jana Seppelt ist Gewerkschaftssekretärin im Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung beim Landesbezirk Berlin-Brandenburg der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi


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