Aus: Ausgabe vom 01.11.2017, Seite 12 / Thema

The Trouble I’ve Seen

Er ist das Kinogewissen des 20. Jahrhunderts. Am 1. November begeht der unbeugsame Gegengeschichtsschreiber Marcel Ophüls seinen 90. Geburtstag

Von Gebhard Hölzl
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Geboren in dem Jahr, in dem der Tonfilm erfunden wurde, blickt Marcel Ophüls auf ein langes Leben als Regisseur zurück – das Bild zeigt ihn bei der Verleihung der »Berlinale Kamera«-Auszeichnung am 11. Februar 2015 in Berlin

Ophüls? Natürlich. Max Ophüls, eigentlich Max Oppenheimer. Deutsch-französischer Film-, Theater- und Hörspielregisseur. Sohn eines Kaufmanns aus Saarbrücken. Jahrgang 1902. Gestorben 1957 in Hamburg. »Lola Montez«, »Liebelei«, »Madame De …«, »Letter from an Unknown Woman« … Der berühmte Kinoschaffende, nach dem der seit 1980 auf dem Festival von Saarbrücken vergebene Preis für den besten deutschsprachigen Nachwuchsfilm benannt ist. Aber nein, nicht der. Der andere ist gemeint. Marcel Ophüls. Der Sohn, der immer noch etwas im Schatten des übermächtigen Papas steht. Wohl nicht von ungefähr hat er seine 2015 erschienen Memoiren »Meines Vaters Sohn« betitelt. Als »Professional Memory Man« wird er gerne und trefflich bezeichnet. Seit Ende der 1960er Jahre realisiert er Dokumentarfilme, wegweisende Dokumentarfilme wie »Le Chagrin et la pitié« (»Das Haus nebenan»), »Hôtel Terminus: The Life and Times of Klaus Barbie« oder »November Days«. Er selbst sagt, seine Filme, mehrstündige, vielschichtige Panoramen, die das »Wirklichkeitskino« und die audiovisuelle Geschichtsschreibung nachhaltig geprägt und beeinflusst haben, seien wie die Romane von Balzac. Ohne ihn sind Filmemacher wie Michael Moore oder Nick Broomfield gar nicht denkbar.

Kopf und Bauch

Er ist ein Mann der Recherche. Ein Mann der Archive. Ein Historiker, ein Gegengeschichtsschreiber – und ja, auch ein glänzender Unterhalter. Im besten Sinne des Wortes. Brillant versteht er es, Zusammenhänge zu vermitteln, die Dinge miteinander in Bezug zu setzen. Das Gestern mit dem Heute. Das Nebensächliche mit dem Hauptsächlichen. Wesen und Werden des 20. Jahrhunderts interessieren ihn, das Erbe der Diktaturen, die Kriegsverbrechen in Algerien, Vietnam und Nazideutschland. Die Ursachen von militärischen Konflikten. Zur Umsetzung seiner Arbeiten bedient er sich des investigativen Journalismus, den er mit den Mitteln des Kinos mit geradezu spielerischer Leichtigkeit aufbereitet. Er ist ein Meister der Montage und versteht es, verschiedenste Quellen virtuos zu synchronisieren. Seine Waffe ist das Wort. Immer wieder schiebt er sich als Fragesteller selbst ins Bild. Ruhig. Höflich. Gelassen. Er lullt die Interviewpartner ein. Sie wähnen ihn als Freund. Als Gesinnungsgenossen. Ein Fehler. Ein großer Fehler. Die Kamera zeichnet auf, registriert erbarmungslos.

Eine Arbeitsweise konträr zu der des Vaters, der seine Kamera einst fliegen und kreisen ließ – und ganz bewusst auf artifizielle Farbdramaturgie setzte, Traumwelten inszenierte. Zum Träumen einlud, sich nicht wie der Sohn für alltägliche Alpträume interessierte. Max und Marcel. Der eine der Bauch, der andere der Kopf des Kinos. Zwei Männer einer Familie, die (fast) die ganze Bandbreite des Kinos abdecken. »Mein Vater war ein großer Verschwender. Eine Art Bohemien. (…) Nach seinem ersten Filmerfolg hat er sich eine Villa gekauft. (…) Er interessierte sich mehr für Frauen als für Politik. (…) Er hielt sich für sehr links«, erinnert sich Ophüls. Die Mutter, Hilde(gard) Wall, eine ehemalige deutsche Schauspielerin, »war eine Goi. Sehr, sehr deutsch; gebaut wie eine gotische Kathedrale«. Marcel Wall-Ophüls wird am 1. November 1927 in Frankfurt am Main geboren. 1933 flieht die Familie vor den Nationalsozialisten nach Frankreich. Die erste politische Erinnerung Marcels, der 1938 die französische Staatsbürgerschaft erhalten wird: Der Vater stürzt in die Küche. Schreit: »Jetzt wird sofort gepackt, wir nehmen den Nachtzug nach Paris.« Der BMW-Zweisitzer wird am Bahnhof stehengelassen.

Der Vater verpflichtet sich zum Militärdienst, von den Franzosen wird er nicht gerade gut behandelt. Man steckt ihn als einfachen Soldaten in eine Einheit, der primär Araber und Schwarze angehören. Potentielles Kanonenfutter. Zwischen Kriegsausbruch und Blitzkrieg – die Deutschen überrollen Frankreich in nur sechs Wochen – arbeitet Max Ophüls fürs Radio. In deutschsprachigen Sendungen macht er gegen die Nazis mobil. Die sind wenig erfreut. Melden sich ihrerseits zu Wort, erklären zu wissen, wo er sich verstecke, der Jude Oppenheimer. Paris ist nicht mehr sicher. Die Familie versteckt sich zunächst in Aix-en-Provence, dann geht’s in die Schweiz und über Spanien nach Portugal. In Lissabon besteigen die Ophüls’ eines der letzten Schiffe, das Richtung USA ablegen kann. 1941 kommt man in New York an, wenige Monate vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor. Trotz knapper finanzieller Mittel kauft der Vater ein weißes Chevrolet-Cabriolet mit roten Ledersitzen. Eine Frage des Stils. Auf der Route 66 geht’s nach Kalifornien. Nach langer Fahrt erreicht man einen staubigen Ort mit schäbigen Bungalows und ausgefransten Palmen. Max Ophüls erkundigt sich bei einem Tankwart: »Vere iss Hollywood?« Antwort: »You are here.« Das soll die Traumfabrik sein?

Wenn man von Marcel Ophüls und seinem Werk spricht, muss man auch von seinem Leben sprechen. Das eine existiert ohne das andere nicht. Das eine bedingt das andere. Der Mann ist ein Kosmopolit. Beständig unterwegs. Privat wie beruflich. Seine Filmographie spiegelt seine Biographie. Vertreibung, Flucht und Exil. Diktatur und Demokratie, McCarthys Kommunistenhatz, Kalter Krieg und die Pariser Studentenrevolte im Mai 1968. Er war dabei. Hat hingeschaut, hingehört. Sich seine Gedanken gemacht. Sich dann entsprechend filmisch geäußert. Immer unbequem, immer scharfsinnig, immer hellsichtig. Zu den Nürnberger Prozessen in »The Memory of Justice«, zum Holocaust in »Hôtel Terminus: The Life and Times of Klaus Barbie«, zur deutschen Besatzung Frankreichs in »Le Chagrin et la pitié«, zu Vietnam in »Die Ernte von My Lai – Auswirkungen eines Massakers«, zum Fall der Mauer in »November Days«.

Von Hollywood nach Paris

Sein Leben lang ist Ophüls von Intellektuellen und Künstlern unterschiedlichster Couleur umgeben. Er besucht die Hollywood-Highschool, lebt in der verschworenen deutsch-jüdischen Kolonie. Fritz Kortner ist der beste Freund und liebste Streitpartner des Vaters, Bert Brecht schaut regelmäßig vorbei: »Ich fand, dass er sich sehr komisch anzog, denn er versuchte immer sehr proletarisch auszusehen. Er trug immer zerschlissene Hemden.« Der Regisseur Otto Preminger, der in US-Filmen böse Nazis spielen musste, gehörte zum engsten Kreis, ebenso der geschätzte Paul Henreid aus »Casablanca«, der bemüht war, den Kollegen Arbeit zu besorgen und dafür bei Studiobossen wie Jack Warner und Harry Cohn antichambrierte. Der Teenager fühlt sich in Hollywood fehl am Platz. »Die Hollywood-Highschool war ein vergammelter Laden. Hierher kamen die frühen Drogenpioniere und Dropouts. Die Sprösslinge der Studiochefs besuchten die Beverly-Hills-Highschool. (…) Meine Einsamkeit trieb mich in Abwehrstellung. Ich wurde ein schrecklicher Snob. Ich hatte eine Menge gegen den amerikanischen Sport und die Football-Cheerleaders, weil ich bei denen nicht landen konnte. So wurde ich antiamerikanisch und sehr französisch.« Seine Erfahrungen mit den USA wird er 1970 in »Auf der Suche nach meinem Amerika« aufarbeiten.

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Immer wieder beschäftigte sich Ophüls in seinen Filmen mit der Geschichte des Faschismus – Filmstill aus »Le Chagrin et la pitié«, die französische Nationalversammlung zur Zeit der deutschen Besatzung

So ist es nur logisch, dass Ophüls sich nach seinem Militärdienst bei den Besatzungstruppen in Japan und dem Studium an der University of California – 1950 nimmt er auch noch die US-Staatsbürgerschaft an – 1951 an der Sorbonne in Paris einschreibt und später unter dem Pseudo­nym Marcel Wall als Regieassistent unter Jean Dréville (»Das Geheimnis vom Bergsee«), Julien Duvivier (»Marianne de ma jeunesse«) oder seinem Vater (»Lola Montez«) erste Erfahrungen beim Film sammelt. Anfang 1953 lernt er François Truffaut kennen, seinen, wie er sagt, »kleinen Bruder«, als dieser gemeinsam mit Jacques Rivette seinen Vater anlässlich von »Madame de …« für die Cahiers du Cinéma interviewt. Der Beginn einer lebenslangen Freundschaft, die erst mit dem Tod des französischen Kollegen im Jahr 1984 endet. Truffaut ermöglicht ihm mit dem deutschsprachigen Teil des Episodenfilms »L’Amour à vingt ans« das Regiedebüt, er stellt ihm Jeanne Moreau vor, die wiederum maßgeblich daran beteiligt ist, dass Ophüls mit ihr und Jean-Paul Belmondo in den Hauptrollen seinen ersten Spielfilm »Peau de banane« (1963 ) inszenieren kann, dem er die Eddie-Constantine-Agentenfilmparodie »Faites vos jeux, Mesdames« (1964) folgen lässt. Am wichtigsten ist aber vielleicht die Geistesverwandtschaft der Kumpel, selbstbewusste Kämpfer, die von einem einmal eingeschlagenen Weg nicht abrückten und stets versuchten, die totale Kontrolle über ihre Projekte zu behalten. Truffaut soll das Kino wie folgt definiert haben: »Vom Allgemeinen zum Besonderen und vom Besonderen zum Allgemeinen.« Genauso operiert auch Ophüls bei seinen Dokumentationen und Geschichtsbetrachtungen.

»Dokumentarfilm-Marathons«

Dann der erste Dokumentarfilm. In Ophülsscher Länge (172 Minuten) – als »Dokumentarfilm-Marathons« beschreibt er seine Arbeiten treffend. Im Ophülsschen Stil. 1967 entsteht »Munich, ou la paix pour cent ans« (»Hundert Jahre ohne Krieg – das Münchner Abkommen von 1938») für das französische Fernsehen. Erstmals erkundet er eine der Krisen des 20. Jahrhunderts, rekonstruiert das Münchner Abkommen, vor dessen Hintergrund später auch sein Fernsehfilm »Zwei ganze Tage« (1970) spielt. Zu Wort kommen Zeitzeugen wie der mehrfache Premierminister Édouard Daladier, der ehemalige französische Außenminister Georges Bonnet oder dessen britischer Kollege Anthony Eden, Vertreter der damaligen europäischen Großmächte, sowie Betroffene der sudetendeutschen Gebiete. Eine brillante Fingerübung, gleichsam ein Warmlaufen für den ersten großen Coup im Jahr darauf: »Le Chagrin et la pitié«. »Das Haus nebenan« heißt der Film in Deutschland. Vielsagender Untertitel: »Chronik einer französischen Stadt im Krieg«. Clermont-Ferrand während des Zweiten Weltkriegs. Eine geteilte, zerrissene Gesellschaft. Widerstandskämpfer und Kollaborateure. Von wegen Einigkeit in der Ablehnung Adolf Hitlers und des Faschismus. Kampf, Heldenmut, ja. Aber auch Feigheit, Antisemitismus, Fremdenhass und alltägliche Kollaboration. Der Konflikt zwischen den Monarchisch-Konservativen und den Kommunisten wird erstmals konkret thematisiert.

Staatspräsident Charles de Gaulle, ehemaliger Résistance-Führer, will seine Behauptung, dass alle Franzosen sich im Kampf gegen die Nazis einig waren, stur aufrechterhalten. Er verhindert die Ausstrahlung des Films im französischen Fernsehen, erst 1981 ist er dort zu sehen. Dafür erweist sich der Dokumentarfilm im Kino unter den jungen Leuten als Renner. »Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren« à la française. Ophüls gibt sich bescheiden: »Es lag in der Luft, diese Wahrheiten auszusprechen. Wenn wir den Film nicht gedreht hätten, hätte ihn jemand anderes gemacht.« Aber sicherlich nicht so gut. Kleine Kostprobe: Gegen Ende des Films fragt Ophüls Anthony Eden fast scheinheilig: »Sir Avon, Sie scheinen Marschall Pétain (Staatschef des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regimes, G. H.) gegenüber eher nachsichtig zu sein. Glauben Sie denn, dass seine Verurteilung eine Ungerechtigkeit war?« Entrüstet, höchst undiplomatisch und entlarvend antwortet dieser: »Aber nein! Es steht mir nicht zu, auf eine solche Frage zu antworten. (…) Wir (die Briten, G. H.) haben kein Recht, über ein Land zu urteilen, das mit einer solchen Katastrophe zurechtkommen musste. (…) Wir haben das nicht erlebt, wir können darüber nicht sprechen. Das ist die Wahrheit!«

Nach dem fulminanten Erfolg bleibt Marcel Ophüls beim Dokumentarfilm: »Im Film ist es häufig so, dass man in eine Spezialisierung quasi hineinrutscht.« Was nicht heißt, dass er nicht blendend mit den Mitteln des Spielfilms umzugehen weiß. Zudem ist er ein überaus humorvoller Mann, der Musik liebt und sie schlitzohrig einzubauen und für seine Zwecke zu nutzen versteht. Etwa wenn er Klaus Barbies Flucht nach Lateinamerika mit dem Volkslied »Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus« unterlegt oder zu Fred-Astaire-Ohrwürmern an den Villen ehemaliger Nazis vorbeifährt. Sogar veritable Slapstickeinlagen erlaubt er sich gelegentlich. Etwa in einer geradezu grotesken Szene, in der er sich auf der Suche nach einem ehemaligen SS-Mann befindet, der sich in seinem Haus verschanzt hat. Ophüls streift da durch dessen Garten. Hebt Kohlblätter hoch, schaut darunter. Anschließend auch noch in einen Brunnen. »Hallo, hallo! Sind Sie da?« … Der Filmemacher als Clown, als Spaßmacher. Zu sehen in seinem wohl bekanntesten Werk »Hôtel Terminus: The Life and Times of Klaus Barbie«, entstanden zwischen 1985 und 1988. Ophüls hatte geplant, den Prozess gegen den berüchtigten »Schlächter von Lyon«, den SS-Mann Barbie, zu verfolgen. Doch François Mitterrand tut alles, um die Verhandlung zu verschleppen. Der von 1981 bis 1995 amtierende Präsident Frankreichs fürchtet, dass Herr Barbie einen Kriegsverbrecher belasten würde, mit dem er bekannt, um nicht zu sagen befreundet war. Ophüls erinnert sich: »René Bousquet war als Polizeichef unter anderem für die Deportation der Pariser Juden verantwortlich. Deshalb heißt Mitterrand für mich nur Scheiß-Mitterrand!«

Feldzug gegen Barbie

Während der Barbie-Prozess immer wieder verschoben wird, führt Marcel Ophüls gegen den vermeintlichen Biedermann und braven Familienvater seinen ganz eigenen Feldzug. Er macht sich auf die Suche nach Zeugen, befragt sie vor der Kamera. Barbies Schulfreunde kommen zu Wort, SS-Kameraden, Nachbarn, Geschäftsfreunde, Opfer und deren Angehörige. Ein echter Thriller – packend, spannend. Plötzlich sitzt nicht nur der 1991 in Haft verstorbene Barbie auf der Anklagebank, sondern ein ganzes politisches System, das Leuten wie dem penetrant uneinsichtigen Kriegsverbrecher erst ein forsches Nachkriegsleben in Freiheit ermöglicht hat. Zum Schluss sitzt Ophüls auf 120 Stunden belichtetem Film, das an den Kräften zehrende Unternehmen fordert seinen Preis: Nervenzusammenbruch. Ophüls behauptet hingegen, dass er versucht habe sich umzubringen: »Es war zuviel Material, meine Frau war vorübergehend getürmt, der Produzent war pleite.« Im übrigen soll es sein vierter Suizidversuch gewesen sein. »Die drei anderen habe ich nur unternommen, um die Aufmerksamkeit meiner Frau zu erregen.« Wie auch immer. Er kommt noch einmal davon. Alle Mühen haben sich gelohnt – und gekrönt werden diese 1989 mit dem Oscar für den besten langen Dokumentarfilm.

Um Schuld und Verstrickung, Mut und Feigheit, um Unterdrückung und Auflehnung, um große und kleine Politik, um Krieg und Frieden, um die Mechanismen der Macht geht es bei Marcel Ophüls. Ihn interessiert die Haltung des einzelnen, wie er sich in der Gesellschaft behauptet, wie er sich von ihr vereinnahmen lässt oder wie er sich gegen sie auflehnt und zur Wehr setzt. Egal wo, egal wie – und immer mit einem aufgeschlossenen, zutiefst humanen Blick. Ob im Bürgerkrieg Nordirlands in »A Sense of Loss«, in »November Days« oder der in Sarajevo unter Kriegskorrespondenten angesiedelten Dokumentation »Veillées d’armes – The Troubles We’ve Seen«. Ganz bei sich ist er bei diesem 1994 entstandenen, langgehegten Wunschprojekt. Er verknüpft dokumentarische und fiktionale Zeugnisse – mit John Burns, Korrespondent der New York Times als »Helden« – zu einer messerscharfen Analyse, die die Kluft zwischen echtem Engagement und der sensationsheischenden medialen Verwertung schonungslos offenlegt. Bleibt zu hoffen, dass Ophüls noch einen Film zum Themenkomplex Flucht und Migration macht – keiner könnte das besser als er.

»L’Amour à vingt ans« (»Liebe mit zwanzig«)

(Regie und Drehbuch; 1961/1962)

Ein internationaler »Omnibus«-Film, konzipiert von François Truffaut, der die dritte Episode »Antoine et Colette« beisteuert. Das fünfte Segment stammt von Ophüls, der von einem Fotografen erzählt, dem die Arbeit wichtiger ist als die Familie. Die weiteren Beiträge stammen von Andrzej Wajda, Shintarô Ishihara und Renzo Rossellini.

»Munich ou la paix pour cent ans« (»Hundert Jahre ohne Krieg – das Münchner Abkommen von 1938«)

(Regie und Drehbuch; 1967)

Marcel Ophüls’ erste Geschichtslektion, eine Dokumentation über das Münchener Abkommen von 1938. »Die Ähnlichkeit zwischen Berufspolitikern und Berufsschauspielern fiel mir auf und ließ mich nicht mehr los. Ich versuchte das Drama eines internationalen Versagens wie eine Bühnenkomödie zusammenzusetzen.«

»Le Chagrin et la pitié« (»Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Krieg«)

(Regie und Drehbuch; 1968/1969)

Die deutsche Okkupation Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs. Am Beispiel der Stadt Clermont-Ferrand erzählt Ophüls von Kollaboration und Widerstand und räumt mit dem von Präsident De Gaulle postulierten Nachkriegsmythos von der Einigkeit des französischen Volkes in Sachen Résistance auf. Ein Publikumshit im 1968er-Paris.

»Auf der Suche nach meinem Amerika. Eine Reise nach 20 Jahren«

(Regie und Drehbuch; 1970)

Ein nur vordergründig autobiographisches Roadmovie. Ophüls bereist die Orte seines US-Exils, wo er als Jugendlicher auf der Flucht vor den Nazis zwischen 1941 und 1949 gelebt hat – und analysiert mittels seiner gewohnt profund geführten Interviews den Zustand der amerikanischen Gesellschaft zum Ende der »Swinging Sixties«.

»A Sense of Loss«

(Regie, Drehbuch und Produktion; 1972)

Der irische Bürgerkrieg zu Beginn der 1970er Jahre. Ophüls setzt sich konkret mit vier Todesfällen auseinander, untersucht, wie sich das Private und das Politische zueinander verhalten. Er veranschaulicht die Strukturen des Konflikts, spricht mit Verwandten und Freunden der Opfer und kommt so der blutigen Geschichte Nordirlands auf die Spur.

»The Memory of Justice« (»Nicht schuldig?«)

(Regie und Drehbuch; 1973–1976)

Die Nürnberger Prozesse und ihre Folgen. Von entscheidender Wichtigkeit ist das Fragezeichen im deutschen Titel. Auf die »filmische Wahrheitssuche nach den Wurzeln des Totalitarismus« begibt sich Ophüls und befragt dazu Unverbesserliche und Widerständler, darunter Karl Dönitz, Albert Speer, Raul Hilberg und Serge Klarsfeld.

»Hôtel Terminus: The Life and Times of Klaus Barbie« (»Hôtel Terminus: Zeit und Leben des Klaus Barbie«)

(Regie und Drehbuch; 1985–1988)

Das Leben von Klaus Barbie, bekannt als der »Schlächter von Lyon«. Ein packender »Kriminalfilm« mit Ophüls als »Detektiv«, der hier seine ganze Brillanz als Interviewer und Rechercheur unter Beweis stellt. Ein Dokumentarfilm, der zum Hit wurde, wie »Shoah« von Claude Lanzmann ein Meilenstein der Gattung und mit logischer Konsequenz oscargekrönt.

»November Days« (»Novembertage – Stimmen und Wege«)

(Regie und Drehbuch; 1989/1990)

Ein BBC-Auftragsfilm zum einjährigen Fall der Mauer. Die Ereignisse werden bewusst »leicht« rekonstruiert, fast in Form einer »Romantic comedy«, jenes Genres, in dem Ophüls bevorzugt gearbeitet hätte. Interviews mit Egon Krenz oder Heiner Müller werden mittels Szenen, in denen das Glück der Entgrenzung gefeiert wird, kontrastiert.

»Veillées d’armes – The Troubles We’ve Seen« (»Die Geschichte der Kriegsberichterstattung«)

(Regie, Drehbuch und Sprecher; 1993/1994)

»Die Geschichte des Journalismus in Zeiten des Krieges«, ein langgehegtes Projekt von Ophüls, der sich 1993 ins von bosnischen Serben belagerte Sarajevo begibt, Medienleute im Holiday Inn befragt und feststellt: »Es ist auffällig, wie sich die Entwicklung des Fernsehens gleichzeitig mit den Problemen der Globalisierung vollzieht.«

Gebhard Hölzl ist Filmjournalist und lebt in München.


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