Aus: Ausgabe vom 19.10.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Verluste schöngerechnet

Trotz Insolvenz von Toys ’R’ Us wird der Vorstandsvorsitzende fürstlich entlohnt. Dahinter stecken Strategien aggressiver Investmentfonds

Von Elmar Wigand
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Die Gründer des Immobilientrusts Vornado, Steven Roth und Richard Lefrak (r.), haben Toys 'R' Us in die Insolvenz ­getrieben. US-Präsident Donald Trump ebnet ihnen weitere Geschäftsfelder

Der Vorstandsvorsitzende (CEO) von Toys ’R’ Us David Allen Brandon darf sich für das Jahr 2017 auf Vergütungen und Boni von rund 18 Millionen US-Dollar (15,3 Millionen Euro) freuen – auch nachdem er die US-Spielwarenkette am 19. September 2017 in die Pleite geführt hat. Das geht aus öffentlich einsehbaren Verträgen hervor. Das Toys-’R’-Us-Management äußerte sich auf Nachfrage nicht.

Damit liegt Brandon weit über dem, was deutsche »Topmanager« einstreichen und hierzulande regelmäßig für Empörung sorgt. Nur der Chef des Axel-Springer-Konzerns Mathias Döpfner bekam mit umgerechnet 22 Millionen US-Dollar mehr Geld – über die korrekte Berechnung seiner Bezüge streiten sich die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und die TU München allerdings.

Toys ’R’ Us beschwichtigt die Beschäftigten in Deutschland. Man sei nicht Teil des US-Mutterunternehmens, das steuerlich in der Finanzoase Delaware veranschlagt ist und operativ von Wayne im Staat New York geleitet wird, sondern gehöre zum britischen Toys-’R’-Us-Ableger. Dieser sei wirtschaftlich gesund. Doch Zweifel bezüglich der Eigenständigkeit sind angebracht. Tatsächlich laufen alle Fäden in Wayne zusammen, das deutsche Management hat wenig Gestaltungsspielraum. Toys ’R’ Us wurde 2005 für 5,8 Milliarden US-Dollar von einem Konsortium aus den Investmentfonds Bain Capital und KKR sowie dem Immobilientrust Vornado gekauft. Nach dem Weltfinanzcrash von 2007 gelang es bislang nicht, eine Ausstiegsstrategie zu finden. Ein für 2013 geplanter Börsengang musste abgesagt werden. Brandon, der bereits früher für Bain gearbeitet hatte, wurde 2015 eingesetzt, um das Ruder herum zu reißen.

Kritikwürdig ist nicht nur Brandons Belohnung trotz dauerhaften Misserfolgs, sondern auch der Kontrast zu dem erbärmlichen Lohn, den Toys ’R’ Us in Deutschland zahlt – er liegt oft nur knapp über dem Hartz-IV-Niveau und zumeist unter einer Marge, die eine Rente über der Armutsgrenze ermöglicht. Folgendes ist zu beachten: Brandon verdient seine 18 Millionen nicht etwa trotz der schlechten Behandlung von Beschäftigten, Betriebsräten und Gewerkschaftern, sondern wegen systematischen Lohndumpings und Tarifflucht. Beschäftigte sind für Leute wie Brandon in erster Linie Kostenfaktoren.

Den Aufstieg des Onlinehandels verschlief der Konzern in der Hybris des unanfechtbaren Monopolisten. Als Amazon mit einem neuen Geschäftsmodell auf den Markt trat, hatte der Konzern kein Gegenkonzept. Wozu sollten Kunden weiterhin mit dem Auto an den Stadtrand fahren, wenn DHL und UPS die Spiele nach Hause liefern?

Dass Brandon trotz erwiesenem Missmanagement auf horrende Bezüge hoffen darf, liegt an Klauseln, die seinen Erfolg an der umstrittenen Größe EBITDA messen. Hinter der Abkürzung stehen die englischen Begriffe für »Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und (Firmenwert-)Amortisierungen«. EBITDA setzte sich als Vergleichswert für den Erfolg einer Firma ab Anfang der 1990er-Jahre durch – parallel zum scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg aggressiver Finanzinvestoren. Es soll beziffern, wieviel Zinslast eine Firma tragen kann, ohne zu kollabieren. Denn das Geschäft aggressiver Investmentfonds basiert darauf, mit wenig Eigenkapital Kredite aufzunehmen und das aufgekaufte Unternehmen diese Kredite abzahlen zu lassen. So werden tiefrote Verlustzahlen erzeugt, um Belegschaften und Gewerkschaften zu Lohnsenkungen und Auslagerungen zu pressen. Die Investoren werden mit EBITDA beruhigt, das die gezielt konstruierten Verluste heraus rechnet.

Pamela Stumpp, Managerin der Ratingagentur Moody’s, erklärte im Jahr 2000 in einer viel beachteten Studie, dass die Betonung des EBITDA oft irreführend sei, da es wenig über die Gewinnqualität aussage. Der Aufstieg und Fall des längst vergessenen New-Economy-Riesen und Börsenwunders AOL Time Warner war eng mit EBITDA verbunden. CEO Richard Parsons führte den Begriff so oft im Munde, dass er es zu »Ibbidda« vernuschelte – und sich zum Gespött der Analysten machte. Das EBITDA von AOL Time Warner hatte 2002 rund 8,8 Milliarden Dollar betragen. Das klang wesentlich besser als ein Nettoverlust in Höhe von 53 Milliarden Dollar. Der hohe Verlust enthielt Abschreibungen in Höhe von 54 Milliarden Dollar, und zwar auf den überhöhten Preis von 165 Milliarden Dollar, den AOL bei der Übernahme von Time Warner im Vergleich zu deren eigentlichem Wert gezahlt hatte. Es handelt sich bei EBITDA also um einen Rosstäuschertrick.

Obwohl Toys ’R’ Us laut Wirtschaftspresse seit 2013 in allen Quartalen außer dem vierten rote Zahlen schreibt, konnte das Unternehmen bislang die geforderten EBITDA-Werte erreichen. Um Anrechte auf Langzeitboni zu bekommen, muss Brandon in drei Jahren einen EBITDA von 600 Millionen US-Dollar erzielen. Für 2016 gab die Firma einen Wert von 792 Millionen US-Dollar bekannt, 2015 sollen es 800 Millionen gewesen sein. Demgegenüber stehen Nettoverluste von 36 Millionen und 130 Millionen US-Dollar.

Brandon galt als Liebling der Investmentbranche, weil er im Jahr 2004 als CEO der Pizzalieferkette Domino's den größten Börsengang der US-Gastronomie eingefädelt und das eingesetzte Vermögen von Bain Capital um 500 Prozent vermehrt hatte. Mit Toys ’R’ Us legt Brandon nun die größte Firmenpleite einer US-Einzelhandelskette hin.

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